• Globalisierungskritik, wie weiter? Antwort #91

    Unter Globalismus versteht man gemeinhin jenes Cluster von Ideen, dem besonders an Konnektivität, globalem Austausch und der Förderung kultureller Vielfalt gelegen ist. Als ideologische Dimension der prozesshaften Veränderungen, die unter dem Begriff Globalisierung zusammengefasst werden, betont der Globalismus die aktive, gestalterische und partizipatorische Kraft in Bezug auf die häufig als schicksalhaft erfahrene Verhärtung weltweiter Machtstrukturen.

    Strategisch wird Globalismus mithin gerne gegen Nationalismus und jegliche Form von Regionalismus in Stellung gebracht. Seiner Operationalität nach ist er eher im kulturellen Feld angesiedelt, wiewohl seine Entstehung auf den Kontext des politischen Diskurses zurückgeht.

    „Mapping Globalism – Discontents and Extremes“ stellt den Auftakt einer mehrteiligen Projektreihe dar, in der die Potenziale eines ins Positive gewendeten Globalismus einer kritischen Betrachtung unterzogen werden. Angelpunkte der Auseinandersetzung bilden regionale Cluster und Einfluss-Sphären, deren besondere Konfiguration im größeren politischen, aber auch lokalspezifischen Zusammenhang beleuchtet werden soll. In der Auftaktveranstaltung sind dies der südosteuropäisch-türkische, der maghrebinisch-nahöstliche sowie der süd- beziehungsweise südostasiatische Bereich.

    Ausgangsbasis sind dabei lokale, verankerte Medien- und Magazinprojekte, deren regionalspezifische Expertise als Leitfaden der Diskussion dient. Darauf aufbauend soll im Zuge der größeren Projektreihe sukzessive eine Medienplattform errichtet werden, in der nicht nur entfernte Publikationssphären miteinander in Verbindung treten, sondern vor allem auch der übergreifende Impuls einer sich global verschränkenden und wechselseitigen verstärkenden Gesellschafts- und Kulturkritik verfolgt wird.

    „Mapping Globalism – Discontents and Extremes“ geht zunächst den Chancen und Defiziten, den Hoffnungen wie Enttäuschungen einer globalistischen Ausrichtung in den Kunstszenen der jeweiligen Regionen nach. Mit der Frage nach der Gangbarkeit eines „künstlerischen Globalismus“ sind folgende Teilaspekte angesprochen: Lässt sich in Bezug auf die gegenwärtige, weltweit vernetzte Kunstszene tatsächlich von einer globalistischen Dimension reden? Oder stellt diese Betrachtungsweise nur eine weitere, vom Westen ausgehende hegemoniale Perspektive dar, der die disparaten lokalen Realitäten nur begrenzt wenn überhaupt entsprechen? Sind die Import-Export-Szenarien, wie sie an den Kunstschauplätzen unterschiedlicher Kontinente und Regionen vorherrschen, einem ansatzweise egalitären Austausch verpflichtet? Oder perpetuiert sich die historisch tief verankerte Schieflage, die selbst bei global ausgerichteten Institutionen und Unternehmungen wie Biennalen schwer zu überwinden ist?

    Ein anderer Aspekt der Globalismus-Debatte betrifft die gegenwärtige Kunstproduktion selbst: Inwiefern ist aktuellen Praktiken an einer globalistischen Ausrichtung gelegen (im Unterschied etwa zu einer ortsbezogenen, wobei dies selbstverständlich kein Gegensatz sein muss)? Inwiefern ist dies eine von außen, mithin von übergeordneten Playern an die Kunstpraxis herangetragene Forderung, der sich individuelle Ansätze nur bedingt bis hin zu offen widerständisch fügen?

    Fragen wie diese sollen von KünstlerInnen, KritikerInnen und Magazin-HerausgeberInnen aus unterschiedlichsten (kulturellen wie geografischen) Zusammenhängen einer differenzierten Diskussion zugeführt werden. Indem das zentrale Augenmerk auf das Unbehagen und die Extremreaktionen (positiv wie negativ) in Bezug auf den Globalismus-Diskurses gelegt werden, soll der Anstoß für weiterführende Projekte gegeben werden: Eines betrifft den konkreten Ausbau einer praktikablen Austauschplattform im Netz, ein weiteres die Fokussierung auf regionale Cluster, in denen singuläre Ausprägungen eben dieser Unbehagens- und Extremreaktionen vorliegen. Ein übergeordnetes Motiv bildet die Aussicht beziehungsweise Realisierbarkeit einer „vereinigten“ kritischen Kraft mit weltweit verteilten Zentren.

    (Anm. d. Red.: Der Beitrag ist in Vorbereitung auf das Symposium „Globalism – Changes, Discontents and Extremes“ kollaborativ von den Organisatoren desselben verfasst worden. Das Symposium findet am 19. und 20. Februar im MUMOK Wien statt. Banksy, der Urheber der obigen Illustration „Donut“, ist Graffiti-Künstler.)


3 Kommentare zu Globalisierungskritik, wie weiter? Antwort #91

  • Soul Surfer am 13.02.2010 09:00
    Wunderbar! Als jemand, der auf den inneren Wellen des Datenozeans unterwegs ist, bin ich froh, dass hier nicht lokal, sondern global gedacht wird. So wie der Datenozean eben ist.
  • Willi Kevlar am 13.02.2010 14:12
    Glokal müsst ihr denken, glokal!
  • @ Willi Kevlar: apropos glokal: Ein "Kunstbegriff der beiden Adjektive ,global' und ,lokal', der auf die Wechselwirkung zwischen globalen und lokalen Handlungen und Entwicklungen, Ideen und Entscheidungen verweist." sagt die bpb: http://www1.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=XS629H
    Etwas ausführlicher dann Wikipedia: "ein Neologismus und ein Kofferwort gebildet aus den Begriffen Globalisierung und Lokalisierung wobei diese beiden Begriffe nicht als Gegensätze, sondern wenn sinnvoll verbunden, als einander ergänzende Prozesse zu verstehen sind."
    http://de.wikipedia.org/wiki/Glokalisierung

    Der Künstler Rainer Ganahl soll dieses Wort bereits zu Beginn der 1990er geprägt haben. Peter Weibel, der Kurator, stellt ebenfalls Ansprüche.

    Interessant ist die Auslegung des Begriffs. Diese kann doch sehr wechseln. Ganz aktuell in dem Film "Up in the Air" wird es als Schlüssel für Rationalisierungsprozesse eingeführt: Man spart sich Flugmeilen und feuert die Leute stattdessen per Telekonferenz. Globale (transnational entgrenzte) Macht lokalisieren, ohne das Büro zu verlassen.

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