• Kapitalismuskritik und die Gesellschaft der Gleichen

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    Das zeitgenössische Lamento der Linken lautet, allenfalls etwas ins Pausbäckige zugespitzt: Seit dreißig Jahren wird alles schlechter. Die Ungleichheiten wachsen. Solidarität gibt es nicht mehr, der Wert der Gleichheit wurde diskreditiert. Und an all dem ist der Neoliberalismus schuld, mit seiner Konkurrenzideologie und seinem Erfolg, alles zur Ware zu machen. Der Journalist und Aktivist Robert Misik zeigt, dass Kapitalismuskritik auch anders geht.

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    So einfach ist das nicht mit dem Neoliberalismus. Schon die Beschreibung der vergangenen Jahrzehnte als Verfallsgeschichte, die dann gewissermaßen die 1970er Jahre als Paradies zeichnet, muss die Hälfte der Wahrheit ausblenden. Die ökonomischen Ungleichheiten wachsen wieder in einem Ausmaß, das man vorher nicht mehr für möglich gehalten hätte. Sie werden beklagt und akzeptiert zugleich, und doch sind andere Ungleichheiten heute viel weniger akzeptiert als früher. Gesellschaftlicher Rückschritt und gesellschaftlicher Fortschritt gehen Hand in Hand.

    Während krasse ökonomische Ungleichheiten wieder die Gesellschaft zerreißen, werden andere Formen sozialer und kultureller Ungleichbehandlung nicht mehr akzeptiert: Frauenunterdrückung, die Rechtlosigkeit von Schwulen und Lesben, oder auch rassistische Ausgrenzung, werden heute bekämpft, sind im Mainstream nicht mehr akzeptabel und in vielen Bereichen gibt es große Fortschritte der Emanzipation. Dass Jede und Jeder das gleiche Recht hat, nach seiner/ihrer eigenen Fasson glücklich zu werden – diese Gleichheit ist heute kaum mehr angreifbar. Parallel dazu ist die Gesellschaft zunehmend in Reich und Arm zerrissen.

    Der Historiker Pierre Rosanvallon hat den Verdacht, dass diese Fortschritte und Rückschritte auf subtile Weise miteinander verbunden, Teil eines Prozesses sind. Knapp gesagt: Dass Individualisierung und die Akzeptanz ökonomischer Ungleichheiten etwas miteinander zu tun haben.

    Individualisierung und die zunehmende Akzeptanz von Ungleichheiten

    Wobei Akzeptanz vielleicht nicht das richtige Wort ist: Viele Umfragen zeigen, dass die Bürger und Bürgerinnen heute mehrheitlich das Gefühl äußern, die Ungleichheiten seien „zu groß“, sogar „skandalös“. Die gleichen Bürger halten aber Einkommensungleichheiten für notwendig und für akzeptabel, wenn sie eine Entlohnung für individuelle Leistungsunterschiede sind. Nahezu jede Einkommensdifferenz, vielleicht mit Ausnahme der Boni für irgendwelche Doof-Banker, lässt sich so letztendlich rechtfertigen.

    Die große Ungleichheit im Ergebnis wird also beklagt, aber viele Mechanismen, die sie hervorbringen, sind akzeptiert. Das „diffuse Gefühl“, dass etwas falsch läuft, geht also „mit einer unausgesprochenen Akzeptanz der vielfältigen konkreten Ausdrucksformen (der Ungleichheit) einher“. Dieser Widerspruch, diese Schizophrenie der modernen Bürger ist für Rosanvallon die eigentliche Ursache für „dieses Gefühl, die Geisel der Jetztzeit, sich mit Situationen konfrontiert zu sehen, die man zwar bedauerlich findet, denen gegenüber man aber letztlich passiv bleibt“ – so schrieb Rosanvallon kürzlich.

    Dabei will er nichts anderes als ergründen, ob sich auch unter diesen Bedingungen, unter den Bedingungen der Individualisierung (der Singularitäten, wie er das nennt), die Gleichheit als mächtige Idee neu begründen ließe.

    Die lange Geschichte der Idee der Gleichheit

    Die Idee der Gleichheit hat eine beeindruckende Geschuchte: Rechtsgleichheit, demokratische Gleichheit, ökonomische Gleichheit, Chancengleichheit, Umverteilung. So erscheint uns das allgemeine, gleiche Wahlrecht heute selbstverständlich. Für Rosanvallon ist es das „Sakrament der Gleichheit“; der Pathos des Wahltages, wenn sich die Mächtigen vor den einfachen Leuten verbeugen, weil alle Stimmen gleich viel wert sind, und man in erhabener Stille zum Wahllokal geht. Wähler zu sein ist ein Sozialstatus.

    Gleichheit braucht gleiche Rechte und krasse ökonomische Ungleichheiten untergraben das Gleichheitsgefühl – dieses Gefühl selbst ist das Entscheidende, aber auch schwer zu Beschreibende. Gleichheit steht dann auf stabilem Fundament, wenn man andere als Ähnliche erlebt; wenn alle mit allen „auf Augenhöhe“ leben. Sie begründet dann eine „Leichtigkeit des Miteinanders“. Eine Welt der Gleichen, schreibt er, „ist als eine definiert, in der jeder sich in die Lage der anderen hineinversetzen kann“. Gleiche Rechte und relative ökonomische Gleichheit sind ihr Fundament, aber letztendlich braucht sie einen Wandel der Mentalitäten: In ihr ist der „beleidigende Dünkel“ verschwunden, der Hochmut der Reichen, und auch das Gebuckel der weniger Glücklichen.

    In gewissem Sinn ist sie tatsächlich die Gesellschaft, in der Leistung zählt, weil sie das Privileg ablehnt, was ja heißt: den leichteren, privilegierten Zugang Einzelner, der sich auf nichts gründet als auf ererbten gesellschaftlichen Status.

    Warum ist die Verwirklichung der Gleichheitsidee ins Stocken geraten

    Gleichheit hält Gesellschaften zusammen, während Konkurrenz sie zerreißt. Rosanvallon gräbt vergessene Pamphlete von Denkern und Sozialreformern wie Robert Owen und Louis Blanc aus, deren Notizen über Konkurrenz sich wie zeitgenössische Kritiken an der Konkurrenzideologie lesen: „Die Konkurrenz führt unweigerlich zu einem verdeckten Bürgerkrieg zwischen den Individuen… Sie erzeugt Übel aller Art“, bis hin zum „mörderischen Wahnsinn, sich zu unterscheiden“.

    Vom „Egoismus, der die Gesellschaft wie mit Rost befällt“ schrieb Tocqueville. Alleine für diese Passagen lohnt sich die Lektüre dieses Buches, rückt es doch die Ideologie unseres Zeitalters gerade, dass Konkurrenz, mag sie auch hart sein und uns fordern, letztendlich immer positive und nützliche Auswirkungen habe. Sie hat diese, manchmal, aber sie hat eben auch sehr viele fatale Resultate.

    Warum aber machte die Gleichheit über dreihundert Jahre so unbestrittene Fortschritte während heute die Tendenz eine zumindest asynchrone ist? Und könnte man daran noch etwas ändern?

    Wie können wir gleichzeitig gleich und ungleich sein?

    Die Gleichheitsidee war zumindest unausgesprochen von der Vorstellung einer homogenen Gesellschaft getragen, und kompakte „Reformmilieus“ machten sich für sie stark – die Arbeiterbewegung, Gewerkschaften, Parteien, zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Vorfeldvereine diverser Parteien. Diese homogenen Milieus gibt es heute nicht mehr, und die Homogenität als solche ist, durchaus aus guten Gründen, desavouiert. Das hängt mit der Individualisierung zusammen, mit zunehmender Komplexität und der wachsenden Heterogenität der sozialen Welt, kurzum damit, dass unsere Welt bunter geworden ist – was ja durchaus eine schöne Sache ist.

    Auch gruppeninterne Ungleichheiten untergraben das Zusammengehörigkeitsgefühl und stacheln die Überzeugung an, dass offenbar jeder selbst für sein Geschick verantwortlich ist. Jeder führt sein eigenes Leben und zieht dann die Bilanz, die man gemeinhin „Lebenslauf“ nennt. Die Schlüsselfrage, die Rosanvallon stellt, lautet also: „Wie kann man ähnlich und einzigartig, gleich und verschieden, gleich in der einen und ungleich in einer anderen Beziehung sein? Das sind die Fragen unserer Zeit. Von ihnen hängt die Zukunft der Demokratien ab.“

    Die Gesellschaft der Singularitäten ist nicht notwendigerweise eine Gesellschaft, in der die Bürger atomisiert nebeneinander her leben. Sie haben eine sozialen Sinn. Sie engagieren sich für die Gesellschaft, machen ihr Engagement aber abhängig davon, wie sie das Engagement anderer wahrnehmen. Dieser Sinn ist also ganz massiv von einem Gefühl der Reziprozität modelliert. Wer das Gefühl hat, andere leisten auch ihren Beitrag, ist zu Solidarität bereit, glaubt er aber, nur er halte sich an Regeln und andere nicht, klinkt er sich aus. „Wie die Beobachtung zeigt, ist der Mensch weder rein egoistisch noch eigentlich altruistisch. Er ist immer eine Mischung aus beiden Elementen, wobei je nach Person und Umständen das eine oder andere überwiegt.“

    Letztendlich geht es darum, die Gleichheitsidee in einer Gesellschaft der Differenten, der Verschiedenen neu zu verankern. Das ist heute wieder möglich, da viele Bürger sehen, welche gesellschaftlichen Pathologien wir uns mit der Akzeptanz an Ungleichheiten eingehandelt haben. Es bräuchte politische Kräfte, die sich dafür in einer zeitgemäßen Sprache stark machen.

    Anm.d.Red.: Das Buch Die Gesellschaft der Gleichen von Pierre Rosanvallon ist in der Hamburger Edition erschienen. Das Foto stammt von Henry Leydecker und steht unter einer Creative Commons Lizenz.


2 Kommentare zu Kapitalismuskritik und die Gesellschaft der Gleichen

  • i valori che generano il significato di ugualianza sono sempre socialmente lontani dalle nostre democrazie potremmo accontentarci di una democrazia proporzionata con meno differenze economiche sembra che la tendenza europea sia questa è un miraggio possibile una indispensabile evoluzione sociale prima che le situazioni sociali degradino,,,,,
    sembra che i due uomini in fotografia non siano preoccupati anche se le tavole non sono uguali hanno tutti e due la tavola
  • Wertkritik ist eine marxistische Strömung, die ausgehend von der Analyse der gesellschaftsbestimmenden Rolle des „Werts“ im Kapitalismus die gesellschaftlichen Zustände und Entwicklungen entwickelter kapitalistischer Staaten kritisch zu beschreiben versucht. Das Ziel der Kritik ist das Dasein der Wertform selbst, die Verwandlung von konkretem Nutzen in ein abstraktes Medium, das – weiterentwickelt zum „Kapital“ – Produktion, Konsumtion und fast alle Lebensbereiche bestimmt. Diese Verwertung wird durch das soziale Handeln erst verwirklicht, jedoch gibt es diesem Ziel und Form vor. Im Gegensatz zur von ihnen als „Arbeiterbewegungsmarxismus“ kritisierten Lesart interpretieren sie die Marx’sche Kritik der Ökonomie dahingehend, dass Marx die ökonomische Kategorie „Wert“ selber kritisiert, nicht nur die Verteilung des (Mehr-)Werts bzw. seine „ungerechte“ Aneignung durch die Kapitalisten.

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