• Kompetenzen oder Verbote – was braucht die Generation Porno?

    Eltern müssen ihre Kinder schützen: Vor heranrasenden Autos genauso wie vor Pornos. So die landläufige Meinung. Doch geht das in Zeiten der Totalbeschleunigung allen Verkehrs überhaupt noch? Und was ist es der richtige Ansatz? Ein neues Buch zeichnet die Diskussion um die „Generation Porno“ nach und fungiert gleichzeitig als Ratgeber. Berliner Gazette-Redakteurin Sarah Curth hat es gelesen.

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    Um Licht in das Dunkel der Diskussionen um Pornografie und Jugendliche zu bringen, die in Zeiten des Internets einfacher an Pornos rankommen, hat der Journalist Johannes Gernert ein Buch geschrieben. In Generation Porno: Jugend, Sex, Internet sucht er nach Antworten auf die Frage, was Pornos mit Teenagern machen und führte Gespräche mit Sexualpädagogen, Wissenschaftlern, Lehrern, Politikern, Eltern und Jugendlichen. Einerseits soll dieses Buch aufklären, andererseits aber auch ein Ratgeber sein, für Eltern und Lehrer. Es wurde Zeit, dass ein solches Buch erscheint.

    Steht der „sexuelle Gau“ bevor?

    Ein Besuch in sozialen Brennpunkten markiert den Beginn Gernerts Reise durch Deutschland. Menschen, die er zu Wort kommen lässt, müssen keine Experten sein. Wichtiger ist: Sie müssen sich berufen fühlen, etwas zum Thema beitragen zu können. Bernd Siggelkow beispielsweise ist Leiter der Arche, einer Berliner Einrichtung für Kinder aus sozial schwächeren Familien und die durch das Fernsehen deutschlandweit Bekanntheit erlangte.

    In seinem vorletzten Buch Deutschlands sexuelle Tragödie vertritt der evangelische Pfarrer eine sehr extreme Haltung. Der Konsum von Pornos würde Heranwachsende nachhaltig in ihrer Entwicklung schaden. Der nun eintretende vermehrte Konsum, führe in Zukunft zu einem “sexuellen Gau”, in dem die Menschen immer mehr verrohen, beziehungsunfähig und gewalttätig würden.

    Kann man das so stehen lassen? Ein Perspektivwechsel ist immer hilfreich und so ruft Gernert einen Gegenspieler auf den Plan: Bernhard Rabe-Rademacher. Er ist Pädagoge und Leiter eines Jugendzentrums und versteht die Aufregung nicht. Rabe-Rademacher sieht die hysterische Gegenwart mit Distanz, genauer gesagt: durch die Brille des Historikers: “Ich wage zu behaupten, dass es früher nicht anders war.”

    Was wirklich passiert: YouPorn

    Doch genug von schlauen Erwachsenen. Wie sieht es eigentlich in den Kinderzimmern Deutschlands aus? Was passiert da? Was läuft? Das Stichwort lautet: YouPorn. Die Altersabfrage, die beim Aufrufen der Seite erscheint, schreckt niemanden mehr ab. Die Seite belegt in Deutschland Platz 25 der meist besuchten Webseiten. Gernert berichtet unter anderem von Carl, einem 13-Jährigen, der heimlich in seinem Zimmer auf Pornoseiten surft.

    Einer Studie des Dr.-Sommer-Teams der Bravo aus dem Jahr 2009 zufolge, hätten 79 Prozent der 14- bis 17-Jährigen schon Kontakt mit Pornografie gehabt, 42 Prozent bei den 11- bis 13-Jährigen. Doch nur ein geringer Teil guckt die Clips regelmäßig. Aber wie repräsentativ ist das? Bei einem solch intimen Thema ist nicht jeder immer ehrlich.

    Auch soziale Netzwerke wie SchülerVZ nimmt Johannes Gernert unter die Lupe. Viele Mädchen nennen sich dort “Pussy” und das Wort “Porno” findet sich in Gruppen und Profilen. Als “m29” meldet sich der Autor selbst auf der Plattform an und versucht, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Von einem 14-jährigen Gymnasiasten erfährt er, welche Pornos ihm gefallen und dass er sich vor allem um seine Penisgröße Sorgen mache.

    Ein bisschen überrascht scheint der Autor darüber, wie schnell sich Jugendliche im Internet Fremden öffnen. Doch bei Mädchen hat er weniger Glück. Ein interessanter Versuch Gernerts mit den Jugendlichen über “ihr” Medium ins Gespräch zu kommen. Doch Gernert muss feststellen, dass man so nur einen kleinen Einblick bekommt. Aufschlussreicher und interessanter scheinen da die Menschen, die im realen Leben mit Mitgliedern der “Generation Porno” zu tun haben.

    Porno ist Pop

    Von den Forschern, die ihre Erfahrungen über eine Jugend mit YouPorn teilen, kommt Gernert schließlich zu einem ganz besonderen Phänomen: “Porno ist Pop”. Ganz richtig stellt er fest: “YouPorn allein macht noch keine Masturbationsgesellschaft. Die Pornoplattformen sind nur Teil eines Phänomens, das viele weitere Teile der Medien und der Gesellschaft erfasst.” Es beginnt mit dem Porno Chic der 70er Jahre, bei dem sich Pornokultur langsam in die Popkultur einschleuste und endet heute bei Lady Gaga und Paris Hilton.

    Auch Heidi Klums Casting-Show “Germany’s Next Topmodel” gerät in die Kritik des Autors. Solche Formate seien Ausdruck der “Striptease-Kultur”, die unsere Gesellschaft laut Medienwissenschaftler Brian McNair tiefgreifend durchdringe.

    Wie umgehen mit der „Generation Porno“?

    Aufzuhalten scheint die Entwicklung der Jugendlichen hin zu einer “Generation Porno” anscheinend nicht. Dank der Medien, dank des Internets und dank der Popkultur. Vielleicht reguliert sich aber auch einfach alles von selbst wieder. Vielleicht wird die Mode, sich auszuziehen, bald out sein und anziehen wieder in. Vielleicht hilft es nicht, zu verbieten, sondern zu erlauben. Denn, so zeigen die ersten Erfahrungen im Kampf gegen Pornografie im Netz, “die ‘Generation Porno’ sucht sich ihre Pornos sowieso”. Sperren werden umgangen und gelöschte Videos erneut hochgeladen.

    Johannes Gernert zeigt schließlich im letzten Kapitel Möglichkeiten auf, wie Eltern und Lehrer auf Pornos reagieren sollten, nämlich mit “Reden, reden, reden”. Karla Etschenberg, ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtererziehung und Biologielehrerin nennt das schlichtweg “Pornokompetenz”. Und die müsse vermittelt werden.

    So leicht sich dies sagen lässt, so schwierig können wir uns die Umsetzung vorstellen. Die Vermittlung von Pornokompetenz dürfte in vielen Elternhäusern und Schulen an Grenzen stoßen. So ist es beispielsweise verboten, Pornos überhaupt als Unterrichtsmittel einzusetzen. Wer hat solche Grenzen errichtet? Und wozu? Entspringt die “Generation Porno” möglicherweise der „Generation Verklemmt”?


9 Kommentare zu Kompetenzen oder Verbote – was braucht die Generation Porno?

  • Mark Deffler am 06.09.2010 12:25
    Aber was sind denn nun die ganz konkreten Folgen von Pornokonsum, die der Autor ausmacht? Pfarrer und Pädagogen interessieren mich nicht so wirklich. Und "Früher war es nicht anders" halte ich dann doch für Blödsinn.
  • Reginald K am 06.09.2010 12:31
    Danke für die Rezension, werde mir das Buch mal bei Gelegenheit ansehen...ich selbst bin ja noch mit Josefine Mutzenbacher aufgewachsen, hat mir auch nicht geschadet...;)
  • Salvy Ungemach am 06.09.2010 12:57
    Diese Illustrationen sehen mir aber schwer nach Sachsenwaldfilmen aus.
  • Silvia am 06.09.2010 14:57
    Auch ich danke, nur: Wer ist Josefine Mutzenbacher? Offenbar ist es mit meiner Pornokompetenz nicht so weit her, aber ich bin bereit dazu zu lernen :)
  • @Silvia: Pornokompetenz - das ist auch Medienkompetenz, in diesem Fall hätte eine Suchmaschine weitergeholfen und dann z.B. ein Link von Wikipedia:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Josefine_Mutzenbacher
  • Thomas Karp am 06.09.2010 16:57
    ich habe mir eine ganz interessante Definition von Medienkompetenz gemerkt, die in Kreisen der Zeitschrift De:Bug ventiliert worden ist: Medienkompetenz, das sei im Grunde identisch mit Selbstbeherrschung.

    In diesem Zusammenhang --- also Porno und so --- ist Selbstbeherrschung natürlich ein grandioses Stichwort.

    "Millionen Downloads werden nicht mein Begehren stillen"
    wie Marie Luise Angerer im Interview sagt.

    http://www.taz.de/?id=archivseite&dig=2006/10/14/a0156
  • rehse am 22.09.2010 11:01
    Wie Eltern und Lehrer auf Pornos reagieren sollten? " Reden, reden, reden!" Donnerwetter, das ist aber ein guter Vorschlag. Ich dachte, dies wäre auch schon vor diesem Buch so gewesen. Was angeboten wird, wird auch konsumiert. Es gab schon einmal eine Pornowelle (Dänemark, Beate Uhse), die dann aber verebbte. Jetzt kommt eine Wiederholung auf uns zu. Diese Welle wird hoffentlich, ob mit oder ohne "Pornokompetenz" auch sanft auslaufen.
  • [...] war ich über einen Aspekt meiner Libido gestolpert, der von keinem Film, keiner Werbung und keinem Porno enthüllt werden konnte, weil Koizumis Arbeit vom Betrachter nicht nur visuelle Wahrnehmung, [...]
  • [...] würden, auch und gerade nicht im Internet, diesem Abziehbild der Beschleunigung, diesem Platz für Porno und schlechte Witze („auch mal über etwas lachen können“ ist die schlimmste Plage des 21. [...]

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