Ein jeder kennt das Phänomen, wenn zuvor schon monatelang unterbewusst wahrgenommene Sachverhalte, von einer Sekunde auf die andere, mit Macht an die Oberfläche drängen. Schneller, rücksichtsloser und nachdrücklicher, als jedes Amphetamin. So stand ich nun da, im kalten Berliner Winter, inmitten einer mit Menschenfleisch gemästeten U-Bahn. Ausnahmslos umringt von Anhängern subtiler Textilsekten, zweier sich im ewigen Ringen gegenüberstehender Systeme: Yin und Yang, Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Rechts oder Links, Null oder Eins!
Auf den ersten Blick war kein Unterschied zwischen diesen Menschen auszumachen. Doch bei genauem Hinsehen gaben sie sich zu erkennen: Die eine Gemeinschaft hatte als gemeinsames Erkennungszeichen die Tatze eines Wolfes erwählt, die sie als stolzes Emblem auf dem Herzen trug. Die Gegenpartei hatte sich geschickter getarnt. Von vorne hätte man ihre erstaunlichen Jacken durchaus mit der ihrer Opponenten verwechseln können. Doch das seltsame Tieremblem fehlte. Wenn man sich ihnen behutsam von Achtern näherte, gaben sie jedoch rasch ihre Zugehörigkeit preis: Spiegelverkehrt zur Sekte der Wölfe, fand man auf ihrem rechten Schulterblatt den Namen der geheimnisvollen Vereinigung. Sie nannten sich wohl die Nordgesichter!
Beide Religionsgemeinschaften beriefen sich anscheinend auf einen heidnisch-nordischen Hintergrund, was bei mir reflexartig einen historisch bedingten Argwohn auslöste. Ich suchte mein sofortiges Heil durch nach außen getragene Teilnahmslosigkeit. Das schien auch der probate Gestus in Reihen der seltsamen Sektierer zu sein. Normal tun. Unbeteiligt. Ganz Selbstverständlich und freundlich. Sehr schrecklich, wenn man um ihr dunkles Geheimnis weiß.
Ich spähte vorsichtig durch die Bahn und fand mich in Reihen sehr weniger Dissidenten ohne Allwetterjacke wieder. Also in einer absoluten Außenseiterrolle. Die Minorität neigt schnell zur Paranoia. Überall Wölfe und Nordgesichter, wohin man auch schaute. Ich senkte rasch meinen Blick und erinnerte mich, dass ich diese Erkennungszeichen schon früher erblickt hatte, seinerzeit wohl noch einem kleinen, elitären Zirkel vorbehalten. Oft junge Männer, mit Rucksäcken und Fahrradklammern an den Hosen.
Es war diesen einstigen Geheimlogen sicher ebenso ergangen, wie vielen totalitären Massenbewegungen in ihren Anfängen: Zunächst einzig hochgebildeten, fortschrittsgläubigen Individuen vorbehalten, die auf Trekkingreisen in ferne Gestade mit dieser seltsamen Weltanschauung in Kontakt kamen. Dann daheim zögerliche Missionierung des direkten Umfeldes, als gemeinsame Utopie gewissermaßen. Schließlich irgendwann die radikale Ausweitung auf größere Bevölkerungsgruppen, einhergehend mit einer gewissen Nivellierung und Gewaltbereitschaft gegenüber Andersdenkenden.
Es kam sicher zu einer Abspaltung. Man war sich uneins. Vielleicht sogar darüber, ob es wirklich ästhetisch und physisch Sinn machte, jene wildnistaugliche Spezialbekleidung in äußerst seltsamen Farben, stets im perfekt klimatisierten Nahverkehr oder sterilen Einkaufszentren zu tragen. Komme was da wolle! Schon war die alte Dialektik neu beschworen, schwangen sich beide Seiten zu großer Dynamik auf, die sie nun eine Majorität der urbanen Bevölkerung stellen lässt.
Vielleicht war ihr heraufbeschworener Konflikt auch nur ein inszenierter Scheinkampf für die anderen? Und am Ende steht die weltumspannende Vereinigung? Im Grunde konnte ich zwischen beiden Parteien äußerlich wenige Unterschiede festmachen. Die einen wirkten wie maoistische Kader, schlicht und demütig. Die anderen eigentlich sehr ähnlich, vielleicht ein Hauch mehr vom Laissez-faire kubanischer Militärberater.
Was sollte ich nur tun? Warum hatte ich den Einstieg in eine der beiden Religionsgemeinschaften verpasst? War ich ihrer nicht würdig? Oder konnte man mittlerweile gar nicht mehr freiwillig beitreten, sondern wurde eher zwangsrekrutiert? Womöglich mittels Gehirnwäsche und geheimem nächtlichen Ritual? Eine Art Gore-Tex-Massentaufe in dunklen Katakomben mit finaler Aushändigung einer Jacke?
Zusehends verunsichert, mich irgendwie auch penetrant beobachtet fühlend, lenkte ich meinen Blick krampfhaft auf die Darstellung des Berliner Nahverkehrsnetzes über meinem Kopf. Es war spät geworden in der ratternden U-Bahn und meine immense Panik befeuerte meine Fantasie. Gab es nicht in London diese sogenannten Geisterbahnhöfe? Stillgelegte, oder nie in Betrieb genommene Einrichtungen unter der Erde? War das zu Zeiten der Mauer in Berlin nicht auch gang und gäbe? Was, wenn diese Bahn mit all ihren Verschwörern an der Endstation vorbeiraste, um mich, wie auch die wenigen anderen freien Menschen an Bord, ihrer grausigen Bestimmung zuzuführen?
Ich spannte meine Muskeln an, der Blutdruck stieg, mein Herz raste wie wild, das Adrenalin riss meine Pupillen förmlich auseinander. Endlich war der nächste U-Bahn-Halt erreicht. Die Türen öffneten sich, ich tat unbeteiligt, wartete endlose fünfzehn Sekunden, um dann beim erlösenden Signal des Schließmechanismus, mit einem gewaltigen Satz aufzuspringen und aus dem Waggon zu hechten. Ohne mich noch einmal nach meinen möglichen Verfolgern umzudrehen, rannte ich atemlos bis zur Treppe, nahm die ersten Stufen wie im Fluge und wagte erst dort einen kurzen Kontrollblick auf die abfahrende Bahn. Die Sektierer bewahrten hinter ihren Glasscheiben vollkommene Ruhe. Sie starrten mich lächelnd an, einer schüttelte sogar sanft den Kopf. Man war sich des kommenden Sieges wohl vollkommen sicher.
Aber ich werde mich tapfer wehren, gegen erzwungene Wolfshäute und Nordgesichter, bis zum Schluß: Hasta la victoria siempre!

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