• Funkwellen hoeren

    Das erste Mal vor einem virtuellen (nicht konventionellen) Aquarium gestanden habe ich in der Zeit von MS-DOS 3.31 – 4.0, ungefaehr 1989, als Neunjaehriger im Keller eines Schulfreundes in einem Vorort von Basel in der Schweiz. Fluechtigkeit, Dynamik und das Ephemere sind sowohl fuer Wasser als auch fuer Klang massgebende Eigenschaften. In Zeiten zunehmender Informationsfluten und steigender Meeresspiegel wird aber nicht nur die Metaphorik des Wassers wichtig, sondern noch viel mehr die Metapher des Klangs.

    Grundlagen des Wasserwissens im physikalisch-mechanischen Sinn wurden von Archimedes ungefaehr 250 v. Chr. gegeben. Um 800 n. Chr. haben die Banu Musa-Brueder sich in Bagdad mit Wasserpumpen und Brunnen beschaeftigt und die Kunst der wasserbetriebenen Automaten zu einem ersten weltweiten Hoehepunkt gebracht. Die ersten genauen Uhren waren Wasseruhren. Auch Wasserleitungen wurden schon seit Urzeiten gelegt, sie waren zusammen mit den Strassen die ersten netzartigen Strukturen.

    Mit Wasser wurden also einige Grundlagen unserer aktuellen ubiquitaeren elektronischen Technologien gelegt: Automatisierung (Wasserautomaten), Taktung (Wasseruhr) und Vernetzung (Wasserleitung). Heute sprechen Informatiker immer noch von Datenfluessen oder von Bottlenecks, wo die Fliessgeschwindigkeit durch die Verengung niedriger wird.

    Doch „tatsaechlich ist das Wasser musikalisch“, schreibt der grosse franzoesische Philosoph Jean-Luc Nancy in einem der ersten Protokolle zum WASSERWISSEN hier. Eine fuer meinen Ansatz anschlussfaehige Aussage. Musik besteht aus Klaengen. Klaenge entstehen wenn reale Dinge in einer bestimmten Geschwindigkeit bewegt werden: Sie basieren auf Schwingungen. Das Verhalten der Atome einer schwingenden Violinsaite ist dem von elektromagnetischen Schwingungen in der Elektronik aehnlich.

    Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wird in der Physik, Mathematik und Naturwissenschaft nicht mehr von einem statischen Weltbild ausgegangen, sondern von einem zeitlich-dynamischen. Dinge die zuvor unberechenbar waren wie Schwingungen (auch Wasserwellen), Energie und Waerme wurden sehr bald techno-mathematisch kalkulierbar. Jean Baptiste Joseph Fourier (1768 – 1830) gilt dabei als wichtige Figur, da er mathematisch bewiesen hat, dass die meisten komplexen Schwingungen, das bedeutet auch komplexere musikalische Klaenge, auf einfache Sinus-Schwingungen runter gerechnet werden koennen.

    Dadurch kann die Struktur von komplexen Naturphaenomenen, aber auch von Sprache analysiert, das heisst in Einzelteile zerlegt und wieder synthetisiert, das heisst zusammengesetzt werden. Der Synthesizer wurde theoretisch begruendet. Spaeter wird dasselbe Wissen – naemlich Klangwissen – auch fuer das Telefon, das Radio, spaeter das Fernsehen – eigentlich fuer alle Informationsuebertragung mit Hilfe von Elektronik – wichtig.

    Heute im Zeitalter von Mobilfunk, Wireless Lan, Bluetooth, RFID wo wir umgeben sind von digitalen Medientechnologien, die immer kleiner und unsichtbarer werden und trotzdem durch drahtlose Telekommunikation allgegenwaertig sind, werden wir in unserem Alltag fast immer mit digital gepulsten elektromagnetischen Wellen konfrontiert.

    Diese unhoerbare Kakophonie elektromagnetischer Dissonanzen laesst sich mittels einfachen technischen Methoden hoerbar machen, was dann zum Beispiel bei den Funkwellen von Schnurlos-Telefonen wie ein Click and Cuts-Track aus den fruehen Nuller-Jahren des 21. Jahrhunderts klingt.


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