• Fukushima-Daiichi: Whisteblower, US-Depeschen und nukleare Sicherheit in Japan

    Foto: National Land Image Information, Ministry of Land, Infrastructure, Transport and Tourism
    Die Betreiber von Atomkraftwerken stehen unter Beschuss. Populismus und Paranoia mischen sich in die Kritik an Sicherheitsstandards. Besonders in Japan (Fukushima) scheint die Lage enorm undurchsichtig. Wer hat was falsch gemacht? Krystian Woznicki skizziert eine kleine Chronologie der Ereignisse. Auch Whisteblower und Enthüllungsplattformen spielen darin eine wichtige Rolle.

    Die Diskussion im Kommentarbereich der Berliner Gazette hat bereits an verschiedenen Stellen darauf hingedeutet: Die jüngste Geschichte der nuklearen Sicherheit in Japan ist eine Geschichte der Veranwortungslosigkeit. Ja, des Betrugs. Bereits im Jahr 1971 stellte die US- Atomaufsichtbehörde (AEC) gravierende Fehler an den Siedewasserreaktoren fest, ohne dass dies Konsequenzen gehabt hätte.

    Im Jahr 2000 wurde durch einen Whistleblower bekannt, dass die Außenwände der Reaktoren in Fukushima Risse haben. Statt die Betriebserlaubnis zu entziehen, legte die zuständige Aufsichtsbehörde Japan Nuclear Energy Safety Organization (JNES) der zuständigen Firma TEPCO infolgedessen jedoch nur nahe, dieser Sache nachzugehen. Es wurde nichts unternommen und die Öffentlichkeit erfuhr erst zwei Jahre später von den Rissen.

    Im Jahr 2003 zwang die Aufsichtsbehörde die Betreiber dazu, die Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen, nachdem abermals durch Whistleblower bekannt wurde, dass die Betreiber der Atomkraftwerke Untersuchungsergebnisse verfälscht und über 16 Jahre lang Mängel vertuscht hatten, um die Betriebs- und Reparaturkosten niedrig zu halten.

    Im Jahr 2008 schaltete sich die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) ein und warnte Japan vor möglichen Problemen bei der Erdbebensicherheit seiner Atomkraftwerke. Dies geht aus den durch WikiLeaks veröffentlichten US-Depeschen hervor, was die Enthüllungsplattform zu der Twitter-Schlagzeile veranlasste: “WikiLeaks blames Japanese government for nuclear plant collapse.” In einem Artikel des Daily Telegraph liest sich das etwas nüchterner: “Japan warned over nuclear plants, WikiLeaks cables show.”

    Der Historiker Yuki Tanaka zeigt in seinem aktuellen Berliner Gazette-Beitrag weitere Fehler und Probleme in der Geschichte der Atomkraft in Japan auf, die sich aus den Verflechtungen der nationalen Industrie mit der Weltwirtschaft ergeben.

    Die Auswertung des geleakten Materials

    Die internationalen Beobachter, darunter die New York Times, sind sich offenbar darin einig, dass die JNES damit überfordert ist, ihrer Aufsichtsfunktion nachzukommen. Zum einen, weil ihre Kapazitäten nicht ausreichen, zum anderen, weil die Politik in Japan nicht in der Lage ist, die nationale Atomkraftindustrie zu regulieren.

    Ein Forschungsteam am MRI der Universidad de Navarra untersucht, wie die Massenmedien die WikiLeaks-Informationen nutzen, um die atomare Krise in Fukushima zu erklären. Wie wird die Geschichte ohne die geleakten Daten erzählt? Wie wird sie mit diesen Informationen erzählt? Daraus geht unter anderem hervor, dass die Beteiligung der Enthüllungsplattform dafür gesorgt hat, die Betreiberfirma der Atomkraftwerke weitaus stärker in den Fokus der Analyse zu rücken.

    Die Enthüllungsplattform Cryptome.org hat vor einigen Tagen eine mehr als 70 Seiten lange Anleitung der JNES aus dem Jahre 2005 zugänglich gemacht (siehe unten): “Outline of Safety Design (Case of BWR)”. Zusätzlich sei an dieser Stelle auf die Webseite der JNES verlinkt, wo sich ein umfangreiches Papier aus dem Jahre 2008 findet: “Operational Status of Nuclear Facilities in Japan.”

    Die Dokumente dürften dazu dienlich sein, die Probleme der nuklearen Sicherheit in Japan besser nachzuvollziehen und sie mit jenen Schwierigkeiten abzugleichen, die in Deutschland zur Diskussion stehen.


10 Kommentare zu Fukushima-Daiichi: Whisteblower, US-Depeschen und nukleare Sicherheit in Japan

Kommentar hinterlassen

E-Mail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.