• Freiraum in Sicht: Wie Staat und Kreativsektor miteinander Denken lernen können

    Wo fängt ein Freiraum an, wo und wann hört er auf, und wer besitzt die Deutungshoheit über diese Abgrenzung? Kulturmanagerin und Berliner Gazette-Autorin Inga Wellmann definiert Freiräume, sucht nach Antworten auf Existenzfragen Kreativarbeitender und fordert Wandel in veralteten Denkstrukturen – durch gegenseitiges Lernen auf Augenhöhe.

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    Ein Freiraum ist für mich ein Raum, der die Möglichkeit bietet, über die regulären Rahmenbedingungen hinaus und damit jenseits gängiger Ordnungen etwas zu erproben und wachsen zu lassen. Freiräume können räumlicher, finanzieller oder zeitlicher Natur sein, virtuell oder real, aus einer inneren Haltung heraus resultierend oder als Angebot von außen. In diesem abstrakten oder physischen Raum wird auf organische Weise etwas geschaffen, das den Einzelnen oder die Gemeinschaft voranbringt – und sei es auf reiner Erkenntnisbasis.

    Als Schnittstellenakteurin habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Entstehung von Freiräumen zu unterstützen. Ich habe versucht, dort Räume (mit) zu gestalten, wo unterschiedliche Perspektiven und Handlungslogiken aufeinander treffen, dort, wo Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik miteinander in Wechselwirkung treten. Dafür bin ich bewusst in die Institutionen der verschiedenen Sektoren hinein gegangen, um zu verstehen, welche Sprache dort gesprochen wird, welche Muster den Arbeitsalltag ordnen und welche Motive das Tun beeinflussen. Ziel und Weg zugleich war ein „übersetzen“ können in jeweils andere Zusammenhänge, um den Denk- und Handlungsspielraum aller Beteiligten zu erweitern. Am interessantesten fand ich dabei immer die Ränder der Freiräume.

    Alles ist erlaubt – sogar Scheitern

    Was in Freiräumen entstehen kann, sind zum Beispiel kleine oder große Innovationen im Umgang mit Ressourcen, also mit Zeit, Wissen, Bildung, Kreativität, Beziehungen, Geld, Materialen, Raum – all dies für, gegen oder jenseits von bestehenden Ordnungen und Systemen. Es kann und darf alles entstehen oder passieren – von kultureller Sinnstiftung, über kurzfristige oder nachhaltige Überlebensmodelle, bis hin zu durchaus nützlichen Erfahrungen des Scheiterns. Freiräume sind in meiner Wahrnehmung Nährboden für vielfältigste Formen der Wertschöpfung – Wertschöpfung als Begriff hier bewusst weit gefasst und damit auch durchaus eher immaterieller Natur. Es entstehen Werte und Güter, die in andere Wertschöpfungszusammenhänge eingespeist werden können, aber keinesfalls müssen.

    Ein Freiraum kann zum Beispiel ein Areal in einer (ansonsten von Raumknappheit geprägten) Stadt sein, in welchem Menschen zu günstigen Konditionen gestalten, sich ausprobieren und bestenfalls selbst in Verantwortung gehen können. Unter „günstigen Konditionen“ verstehe ich dabei nicht nur eine erschwingliche Miete, sondern auch einen konstruktiven, unbürokratischen Umgang mit den Bedürfnissen und Visionen der Akteure, von Seiten aller Beteiligter, auf Augenhöhe.

    Vermittler, Berater, Moderator: Ansprechpartner, die es bisher nicht gab

    In Hamburg wurde beispielsweise vor zwei Jahren die Hamburg Kreativ Gesellschaft ins Leben gerufen – eine städtische Dienstleistungsgesellschaft, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Rahmenbedingungen für die Akteure der Hamburger Kreativwirtschaft zu verbessern. Das Angebot richtet sich insbesondere an Solo-Selbstständige und Freelancer, die bisher keine adäquaten Ansprechpartner auf Seiten der Stadt hatten. Als intermediäre Institution agiert die Kreativ Gesellschaft zwischen den unterschiedlichen öffentlichen Instanzen und selbstorganisierten Gruppierungen der Stadt, vermittelt erschwingliche Räumlichkeiten an Künstler und Kreative, schafft individuelle Beratungs-, Coaching- und Vernetzungsangebote und hat – gemeinsam mit Startnext – im vergangenen Jahr die erste regionale Crowdfundingplattform ins Leben gerufen.

    Mit Blick auf die Stadtentwicklung agiert die Kreativ Gesellschaft bisweilen auch als Moderator. So wird beispielsweise gerade ein (altes) Areal in der neu entstehenden HafenCity – der „Oberhafen“ – in einem bewusst partizipativen Prozess mit Akteuren der kreativen Szene entwickelt. Auf Initiative der Hamburg Kreativ Gesellschaft und der HafenCity Hamburg fand im vergangenen Jahr auf Kampnagel ein interdisziplinäres Symposium statt, bei welchem Akteure aus Kultur, Kreativwirtschaft, Wissenschaft und Stadtentwicklung in einen offenen Dialog über Prozessgestaltung und Nutzungskonzepte traten. Über ein juriertes Interessensbekundungsverfahren werden Teile des Areals derzeit an Akteure vergeben, die mit nachhaltigen und innovativen Nutzungskonzepten überzeugen können. Der Entwicklungsprozess ist langfristig angelegt.

    Verhindern ständiger Selbstausbeutung

    Jenseits von geografisch verortbaren Freiräumen bedeutet der Begriff des Freiraums meines Erachtens ganz allgemein die Möglichkeit, die Notwendigkeiten des Überlebens mit den eigenen Ansprüchen an Selbstentfaltung, Familie etc. in einen gesunden Einklang bringen zu können – gesund im Sinne eines Verhinderns ständiger Selbstausbeutung. Hier sind Fragestellungen wie die Anpassung sozialer Systeme und urheberrechtlicher Bestimmungen an die heutigen und zukünftigen Realitäten von einer (nicht nur nationalstaatlichen) Relevanz. Wie kann erreicht werden, dass Kreative von ihrer Arbeit leben können – und auch dann über eine würdige Existenzsicherung verfügen, wenn sie mal nicht (mehr) arbeiten können? Das ist eine Frage, deren Beantwortung die Mitwirkung und das gegenseitige Zuhören aller davon mittelbar und unmittelbar betroffenen Akteure erfordert.

    Ich habe in den letzten Jahren mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, wie sich fernab gängiger Organisations- und Institutionslogiken besonders in den kreativen Milieus neue, hochindividualisierte Berufs- und Tätigkeitsprofile entwickeln, Nischenmärkte geschaffen und zum Teil alte (am Kollektiv orientierte) Organisationsformen an die Neuerungen des digitalen Netzwerkzeitalters angepasst werden. Die Wirtschaftskrise ließ viele große Unternehmungen kollabieren, während sich kleinere, netzwerkartige und damit flexiblere Strukturen als überlebensfähiger darstellten. Besonders in den verschiedenen kreativen Bereichen war diese Kleinteiligkeit und Heterogenität besonders auffällig. Kein Wunder, dass auch die Politik mit Interesse auf das zu schauen begann, was schließlich unter dem Begriff der „Kreativwirtschaft“ handhabbar geklammert wurde und hohe, auch wirtschaftliche Dynamik versprach – wenngleich unter oftmals prekären Bedingungen für die Akteure selbst.

    Und plötzlich stand (und steht) der Staat vor dem Paradoxon, diese Kreativwirtschaft, die wie keine andere Branche aus einer Wechselwirkung aus öffentlich gefördertem Kultursektor, Subkultur, dem intermediärem Bereich und der Privatwirtschaft erwächst, fördern und damit auch irgendwie steuern zu wollen.

    Von und miteinander neues Denken lernen

    Dass die (Top-down-)Steuerungslogiken aus dem Industriezeitalter hier nicht greifen würden, war allen Beteiligten schnell klar. Aber wie sich Rahmenbedingungen schaffen lassen, die das (auch ökonomische) Potenzial der Akteure am besten zur Entfaltung bringen, die Existenz von Künstlern und Kreativen nachhaltig sichern, und zugleich die (nicht-kommerziellen) Freiräume für Kultur und Subkultur wahren und entwickeln – das bleibt eine echte Herausforderung, von der sämtliche Politikfelder betroffen sind, von Kultur über Stadtentwicklung, Wirtschaft und Arbeit bis hin zu Justiz, Familie und Soziales. Das Hamburger Beispiel, mit der Hamburg Kreativ Gesellschaft eine intermediäre Institution zu schaffen, die sich diesen Herausforderungen in engem Zusammenspiel mit den verschiedenen städtischen Akteuren, Szenen und Interessensgruppen aktiv und situationsorientiert stellt, ist dabei sicher eines, das man im Blick behalten sollte.

    Die Verantwortung von Regierungen – ob nun auf kommunaler, nationaler oder transnationaler Ebene – besteht meines Erachtens jedoch nicht nur darin, gewisse Rahmenbedingungen und damit Freiräume für Kreative und Künstler zu sichern, sondern auch selbst für sich Freiräume zu entwickeln, in denen das Erproben neuer Sichtweisen und Handlungslogiken möglich wird. Denn eine große Herausforderung liegt nach wie vor darin, ein neues, an den Praktiken und Techniken einer Netzwerkgesellschaft orientiertes Denken und Handeln in die (alten) Institutionen hineinzutragen und sie damit zukunftsfähig(er) zu machen. Die in den kreativen Bereichen wie selbstverständlich gelebte Schnittstellen- und Wandlungskompetenz muss auch in den Bereichen Einzug halten, deren Angebotsstrukturen sich bislang oft noch an den Realitäten vergangener Zeiten orientieren. Von- und miteinander lernen kann da helfen – auf Augenhöhe.

    Anm.d.Red.: Inga Wellmann ist Referentin im BQV-Workshop “Was wollen wir vom Staat?” am 09. Juni. Mit dabei sind auch Alice Creischer und Diedrich Diederichsen, moderiert wird die Veranstaltung von Chris Piallat. Alle Fotos stammen von Heinrich Klaffs und stehen unter einer Creative Commons-Lizenz.


3 Kommentare zu Freiraum in Sicht: Wie Staat und Kreativsektor miteinander Denken lernen können

  • duarte vilaça am 06.06.2012 17:28
    very good
  • Jana Jablonski via facebook am 07.06.2012 04:45
    Der Umgang mit und die Achtung von Kreativleistungen ist tatsächlich unter aller S.. Da nehmen sich Staat, Wirtschaft, Kirche und Gewerkschaften nicht viel.
  • @#2: Wie geht denn Kirche mit Kreativen um? Ich kenne aus meiner Heimat in dem Bereich viele positive Beispiele, viele Konzerte, kleine Ausstellungen etc. die in Kirchengebäuden stattfinden - und teilweise sehr experimentelle, nicht-geistliche Sachen. Soweit ich weiß, mussten die Kreativen und Künstler dafür wenig oder gar kein Geld bezahlen.
    Gerade im ländlichen Raum ist die Kirche glaube ich oft sehr offen und kooperativ, was Kreativität und Kunst angeht.

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