• Blinde Flecken: Plädoyer für ein offenes Feuilleton

    Funktionieren die Filter der Mainstream-Medien wie eine diskrete Zensurmaschine, die blinde Flecken entstehen lässt? Ja, meint der Künstler und Berliner Gazette-Autor Horst A. Bruno alias Brunopolik. Seine Polemik ist nicht zuletzt ein Plädoyer für ein freies, offenes Feuilleton.

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    Heute ist das Netz der zentrale Ort, an dem man sich begegnet, findet, miteinander kommuniziert und sich auch informiert. Hier entwickelt sich, was in der Kultur und Kunst morgen wichtig sein wird. Das Netz ist offen für alle. Jeder kann sofort teilnehmen. Es ist sozial. In ihm zählt weder Alter, Geschlecht, Rasse noch sozialer Status. Es kommt allein auf das an, was man mitzuteilen hat: die geistige Potenz jedes Einzelnen, sein Wissen, seine Träume, sein Sein und seine Ideen. Egal ob Hauptschüler oder akademisch gebildet. Der Mensch und das Individuum sind im Netz so nackt, wie sonst nirgends. Daher bietet das neue Medium Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, wie es sie noch zu keiner Zeit vorher gegeben hat.

    Noch ist das Netz weitgehend offen und frei. Noch kann hier jeder veröffentlichen, was er denkt. Wen wundert es da, dass mehr und mehr AutorInnen dorthin wechseln, wo sie ihre Meinung unzensiert und unredigiert von Chefredakteuren veröffentlichen können. Die Zeitungen lassen ihnen diesen Freiraum schon lange nicht mehr – wenn sie es denn je taten. Wie schrieb der legendäre FAZ-Gründungsherausgeber Paul Sethe vor 50 Jahren: „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“

    Manipulation: Das Feuilleton und der Mainstream

    Das Feuilleton war dennoch der Ort, wo noch am freiesten auch ungenehme Meinungen unters Volk gebracht werden und erbitterte Debatten stattfinden konnten. Im Netz müssen sich AutorInnen unter vielen Konkurrenten – auch außerhalb ihrer Profession – behaupten. Das ist ihr Problem. Außerdem fehlt ihnen die ökonomische Absicherung. Noch ist völlig ungeklärt, wie und was bezahlt wird für geistige Arbeit. Dieser Prozess läuft. Die Urheberrechtsdebatte zeigt, wo die Schwierigkeiten liegen.

    Dann ist festzustellen: Die Printmedien und ihr Feuilleton lassen an Inhalten erwiesener Maßen nur zu, was in den Mainstream passt. Das heißt, was ihre Auftraggeber/Kapitalinhaber/Chefredakteure erlauben. Im Internet brechen diese bürgerlich festgefügten Strukturen plötzlich auf. Blogger und ungebundene AutorInnen mischen nun mit. Was ich damit sagen will: Allgemein wurde und wird kaum wahrgenommen, wie selektiert und manipuliert wurde und wird. Das aber zeigen nicht zuletzt viele der Kommentare zu der Feuilleton-Debatte. Die Macht des Mainstream ist hier kein Thema und wird überhaupt nicht reflektiert. Es wird unverändert von demokratischen Verhältnissen ausgegangen.

    Debatten in Internet-Foren über das Verschwinden der Demokratie mit ihren Rechtsnormen sind in den meisten Köpfen der User noch nicht angekommen. Oder sie werden als Verschwörungstheorien abgeurteilt. Abweichende Meinungen werden häufig einem Feindbild zugeordnet: bis 1989, solange noch der sozialistisch-kommunistische Machtblock vorhanden war, war es der Osten; seit 9/11 dient das globale Netzwerk des Terrorismus samt seinen staatlichen Unterstützern als Ersatz. Dieses System der Informations-Manipulation funktioniert bis heute bestens. Es funktioniert so gut, dass eine Auseinandersetzung über dieses System gar nicht erst aufkommt. Viele Kommentare zu Krystian Woznickis Antwort auf Georg Seeßlens Forderung Schafft das Feuilleton ab! sind in ihrer Unwissenheit erschütternd.

    Blinde Flecken: Schöfer, Wyhl, Metscher

    Dieser Unwissenheit können wir nur mit Aufklärung begegnen. In diesem Sinne möchte ich einige Fälle vorstellen, die das Verhalten und die Wirkung der Medien verdeutlichen. Zunächst möchte ich auf den Schriftsteller Erasmus Schöfer verweisen. Er hat mit seiner Tetralogie „Die Kinder des Sisyfos“ in 4 Bänden auf 2000 Seiten ein fulminantes Porträt der 68er Generation vorgelegt. Es ist eine nahezu übermenschliche Leistung für einen Schriftsteller im fortgeschrittenen Alter: Nach einem derart aktiven Leben als Hörspiel-Autor, Dramatiker, Essayist und Aktivist in vielen Bürgerinitiativen der damaligen Zeit hätten sich die meisten Menschen zur Ruhe gesetzt.

    Es gibt wenige Intellektuelle seiner Generation, die eine solche bedeutsame Lebensleistung vorweisen können. Aber was war in den Mainstream-Feuilletons über ihn jemals zu finden? Welche Preise wurden ihm verliehen? Die Ignoranz ist beschämend für einen Literaturbetrieb, der Jahr für Jahr nur mühsam geeignete Büchner-Preisträger finden kann.

    Nun wird man vielleicht argumentieren, die junge Generation interessiere sich nicht mehr für die 68er und ihre Kämpfe um das geplante Kernkraftwerk Wyhl, die Startbahn West oder die Hütte Rheinhausen. Aber hier beginnt der gesteuerte Irrtum bereits. Denn die heutige Gesellschaft ist ein Produkt der 68er. Eine Hinterfragung der jetzigen Verhältnisse und Zustände kann nur an den Wurzeln und somit den Träumen, Verwirklichungen der Eltern-Generation beginnen. Wenn die heutige Spaß- und Konsum-Gesellschaft ihre Herkunft aus den Augen verloren hat, dann ist das überwiegend den Mainstream-Medien zuzuschreiben: Sie haben die Beliebigkeit heutiger Kultur gewollt und mit ihren Mitteln gefördert.

    Kurz: Das Beispiel Schöfer allein sagt mehr über den Zustand unserer Feuilletons aus, als Debatten, wie sie von Seeßlen angestoßen wurden. Das Feuilleton als Weichteil der Medien mag hin und wieder einen Diskurs über gesellschaftliche Entwicklungen zulassen. Es ist dennoch fest eingebunden in das herrschende Korsett der Macht. Heute müssen wir uns mehr denn je mit den Macht-Strukturen beschäftigen und fragen: Wie hängt die Gesellschaft des Shopping und des Vergnügens mit den neoliberalen Wirtschafts- und Politik-Akteuren zusammen?

    Ein anderer Fall, der in meinen Augen bezeichnend ist: Thomas Metscher. Metscher hat mit seiner Schrift „Postmoderne und Imperialismus“ den Teil I „Vernunftfeindlichkeit, Widersinn und Deformation als strukturierende Momente der gegenwärtigen Gesellschaft“ und den Teil II „Das Postulat von der Nicht-Erkennbarkeit der Welt – Feindschaft gegen gesellschaftliche Alternativen“ vorgelegt. Ein Werk, das komplett ignoriert wird. Warum? Weil sich dieses Denken auf Karl Marx gründet? Die Frage ist nicht naiv: Nach wie vor scheinen die alten Tabu-Muster zu bestehen. Eine Beschäftigung damit ist einer Spaß- und Konsumgesellschaft zuwider. Die immer dreister agierenden Machtstrukturen haben ihr Ziel erreicht.

    Auflagenstarke Fehlinformationskampagnen

    Auch die (Nicht-)Berichterstattung über das Morgenland-Festival in Osnabrück spricht in diesem Kontext Bände. Das Festival fand in diesem Jahr schon zum 8. Mal mit großem Erfolg statt. International renommierte Künstler aus Syrien, dem Libanon, dem Iran, der Türkei etc., treten in Kirchen, Kulturzentren und Open Air auf. Dieses Jahr war Kurdistan Themen-Schwerpunkt. Das ist Völkerverständigung durch die Kulturen pur! Eine Berichterstattung darüber in den Mainstream-Medien erfolgt aber bis heute nicht.

    Wie passen Künstler aus dem Islam in ein Bild hiesiger Öffentlichkeit? Aus dem „Morgenland“ haben Terroristen zu kommen. Dort leben Völker, denen Kultur und Demokratie erst beigebracht werden müssen. Immer unverfrorener dient Berichterstattung der auflagenstarken Medien Fehlinformations- und Verdummungskampagnen. Noch dreister wird es in den Ressorts Politik und Wirtschaft. Über das Jahrzehnte vorhandene Links-Rechts-Muster ist man seit langem hinaus. So simpel laufen die öffentlichen Kampagnen heute nicht mehr.

    Ganz deutlich ist die Manipulation der Medien bei „Leserbriefen“ erkennbar. Wenn einem Blatt politische Richtungen nicht passen, also nicht gemäß des Mainstreams geschrieben wird, werden Meinungsäußerungen der Leser dazu nicht veröffentlicht oder manipulierend gekürzt. Themen dieser Art sind der Israel/Palästina-Konflikt und Putins Russland. Auch in Sachen Energiewende oder Fracking sind die Redaktionen „blind“.

    Wo befinden wir uns heute?

    Schöfers „Kinder des Sisyfos“ ist die Tetralogie eines Scheiterns. Die vier Titel deuten bereits die Paradoxien der geschilderten zwanzig Jahre an. Es beginnt mit „Ein Frühling irrer Hoffnung“, setzt sich mit „Zwielicht“ zum Griechenland-Roman „Sonnenfluchten“ fort und endet mit „Winterdämmerung“. Sisyphos, der Held von Albert Camus, dem Mythos der Vergeblichkeit: „man hat ihn sich als glücklichen Menschen vorzustellen“. Was folgte? Wo befinden wir uns heute?

    Das Ergebnis der vergangenen 68er-Epoche kann nicht Spaß und Konsum einer manipulierten Mediengesellschaft sein. Hier wäre anzusetzen. Von den klassischen Medien ist nichts zu erhoffen. Aber im Netz finden sich Potenziale. Es bietet allein (noch) die (letzte) Chance, um etwa über Thomas Metschers These von dem „konstitutionellen Irrationalismus“ unserer Gesellschaft oder über Schöfers „Kinder des Sisyfos“ zu debattieren.

    Anm.d.Red.: Die Bilder zeigen Details einer Aufnahme vom Mars, entstanden 1971, und stammen aus dem NASA Archiv.


9 Kommentare zu Blinde Flecken: Plädoyer für ein offenes Feuilleton

  • Peter Hawelka am 06.10.2012 12:28
    wer kann in Deutschland von sich behaupten mit einem mehrtausendseitigen Opus groß rausgekommen zu sein? ich glaube heutzutage geht das einfacher mit einem Aphorismus auf Twitter...
  • Up Where will our words ......
    your our ideas attaverseranno the time to sucitare ideas and reflection....
  • Silvia am 07.10.2012 15:46
    danke schön, die Leidenschaft für eine (gute) Sache ist zu spüren: gibt es ein paar konkrete Beispiele für das offene Feuilleton? oder ist das Netz an sich schon das offene F., von dem Sie sprechen?
  • what networks? before being computerized communication networks are networks of direct communication .. the transformation in communication is resulting in new social networks ... the ones where you played courtyards are emptying the squares are filled on special occasions, the years have passed the consistency through the social conditions of need, each generation wants a better world but he wants when in extreme conditions forced to find new ideas we've been through years of indifference generic where everyone and everything had no need even to think
    Governed by individualism in society, the parents of 68 found Themselves having to reassess Their

    thoughts to survive the eighties and consistency have brought a new wave of ideas, but for 20 years has been indifference hours squares and courtyards will be filled and people again start to think without forgetting that life is a school ...
  • Deutsche können nicht auf die gedruckte Tageszeitung verzichten, so das Ergebnis einer repräsentativen Untersuchung im Auftrag des Handelsblatts. So einfach kann man seine Sorgen ausblenden, findet Martin Weigert:
    http://netzwertig.com/2012/10/31/schicksal-der-gedruckten-tageszeitung-wie-man-sich-die-zukunft-schoenreden-kann/
  • Ein weiteres Beispiel für gezielte (Nicht)Berichterstattung unserer Top-Medien ereignete sich in diesen Wochen zum 70jährigen Jubiläum der Schlacht von Stalingrad. Aus diesem Anlass reiste das Osnabrücker Symphonie-Orchester in die geschundene und komplett wieder aufgebaute Stadt an der Wolga, die heute Wolgograd heißt und gab dort Konzerte - gemeinsam mit den dortigen Symphonikern. Es wurde u. a. die 9. von Beethoven gespielt. Im Juni sind die Wolgograder in Osnabrück zu Gast. Eine ausführliche Berichterstattung gab es in der örtlichen Presse. Außerdem wurde das Konzert von Deutschlandradio Kultur übertragen. Ein Tagesthemen-Team der ARD war zwar vor Ort, durfte aber über diesen einmaligen Akt der Versöhnung und Völkerverständigung nicht berichten. Statt dessen mussten Panzer und marschierende Soldaten den Deutschen gezeigt werden. In Russland wurde das Konzert landesweit über die wichtigsten Fernseh-Sender ausgestrahlt.

    Mehr Informationen hier: http://www.br.de/radio/br-klassik/sendungen/allegro/osnabruecker-symphonieorchester-wolgograd100.html
  • Dass es da eine quasi verschwörerische Gruppe von Kulturredakteuren gäbe, die Wichtiges bewusst verhindere, halte ich für eine Verschwörungstheorie. Natürlich kann nicht alle und jedes öffentlich kommentiert werden, das mag man bedauern. Es gibt halt unterschiedlich orientierte Zeitungen - welch Wunder -, die andere Meinungen nicht so gerne zulassen. In der FAZ erwarte ich z.B.keine revolutionären Artikel, dafür in der TAZ keine konservativen. Lest mehr Zeitungen und unterstützt gut redigierte und lesbar aufbereitete Texte! Es muss nicht immer alles gedruckt werden und auch nicht alle und jedes ins Netz. Es gibt so viel Unwichtiges hier wie dort!
    Heute übersehen zu werden, liegt vielleicht eher an der Überfülle an kaum gesiebten (redigierten) Texten, denn an absichtlichen Verhinderungen. Zugegeben: Es wurden immer wieder auch zu alten "Druckerzeiten" Genies übersehen. Georg Büchners Woyzek wurde erst nach fast 100 Jahren erstmals aufgeführt. So lange muss doch heute niemand mehr warten. Ab ins Netz, wenn die Gedruckten es nicht wollen!
  • papademus am 21.03.2013 21:28
    @Thomas Deecke: was die Verschwörung angeht - ich bin auch kein Theoretiker dieser Zunft, aber ich habe schon ernsthaft aufhorchen müssen, als vergangenes Jahr im Kielwasser des Hypes um die Piratenpartei von einer Sitzung der großen Chefredakteure dieses Landes berichtet wurde (ich glaube, der Journalist Thomas Knüwer soll das ins Gespräch gebracht haben), die sich u.a. gezielt vorgenommen haben, die Piratenpartei "zu verhindern", d.h. alles in ihrer Macht daran zu setzen, den Erfolg dieser Partei zu bremsen.
  • @#7Thomas Deecke: Mit dem Argument "Verschwörungstheorie" zu kontern ist das Ausweichen vor einer sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema und weist auf hilflose Betroffenheit hin. Außerdem sind die Manipulations-Mechanismen weitaus komplexer und nicht so simpel, wie unterstellt wird.

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