• Frauen lieben die chauvinistische TV-Serie „Mad Men“ – warum? Ein Erklärungsversuch

    Die TV-Serie „Mad Men“ ist in Deutschland längst kein Geheimtipp mehr: Alles dreht sich um Männer und ihren Drang, über alles in der Welt, die Kontrolle zu haben – vor allem über Frauen. Warum aber hat dieses Unterhaltungsprodukt so viele weibliche Fans? Berliner Gazette-Autorin Karolina Golimowska versucht sich an einer persönlichen Erklärung.

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    Letzte Woche veröffentlichte Spiegel Online einen Artikel von Peter Petschek. Darin fragt der Autor, warum eine Serie wie Mad Men, die ein chauvinistisches Frauenbild zeigt, so beliebt unter Frauen ist. Ich habe keine Antwort, die das Phänomen als Ganzes erklären würde. Aber ich weiß, warum ich „Mad Men“ mag. Und ich weiß, dass die Serie viel mehr ist, als die reine Wiedergabe alter Geschlechter-Klichees.

    Also: Warum mag ich die Serie „Mad Men“? Ich mag sie, weil sie mich in die USA der 1960er Jahre versetzt. Die meisten Folgen spielen in New York in der Madison Avenue, wo die Werbeagentur Sterling Cooper ihren Sitz hat. In jeder Folge werde ich mit dem faszinierenden Mikrokosmos der Büroräume konfrontiert. Gleichzeitig kriege ich aber auch die historischen Hintergründe mit: In der Office-Welt hat die neue Sekretärin eine Affäre mit ihrem Chef und in der Welt da draußen wird John F. Kennedy ermordet. Alle Mitarbeiter versammeln sich in einem Raum, starren auf den sehr kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher und sehen dabei zu, wie Jackie Kennedy aus dem Auto übers Heck zu fliehen versucht.

    Hier wird eine Epoche plastisch. Das Kennedy-Attentat erzählt en passent von der Medienrevolution – das erste Mal wird ein Ereignis beinahe in Echtzeit übertragen. Alle werden diesen Tag später als Einschnitt bezeichnen; Kennedy’s Tod wird für viele zu einem zutiefst persönlichen Erlebnis. Das Makeup der Sekretärinnen zerfließt und die Nationaltrauer beginnt. Leute weinen auf den Straßen.

    Alle sind weiß

    Bei Sterling Cooper arbeiten schöne Frauen und schöne Männer. Alle sind weiß. In der ersten Staffel befinden wir uns zeithistorisch noch vor dem Bürgerrechtsbewegung. Die Geschlechter konkurrieren nicht miteinander. Denn Frauen sind Sekretärinnen und arbeiten nur für ihre Chefs – die Männer. Sie sind oft intelligent und fleißig. Doch richtig ernst genommen werden sie nicht. Die einzige, die es schafft, von der Sekretärin zur Texterin aufzusteigen, ist Peggy Olson, die dafür aber Schwierigkeiten hat, einen Boyfriend zu finden.

    Das Leben der jungen und unverheirateten Frauen (nur solche findet man bei Sterling Cooper) ist voll von Widersprüchen. Sie sind finanziell unabhängig und ambitioniert. Sie wohnen in der Stadt und gehen auf Parties. Sie nehmen die Pille, die in der TV-Serie zum Zeichen der Freiheit und zum Teil ihres Emanzipationsprozesses wird. Sie sind aber zugleich die ganze Zeit auf der Suche nach ihrem Traummann, wollen Liebe, Beziehung und Familie.

    „Mad Men“- Frauen sind sehr schlank und könnten auch heute eine Caltwalk Kariere machen. Die einzige Ausnahme ist tatsächlich Joan Harris (siehe Bild). Sie betont ihre üppige Figur mit engen Kleidern und ist ganz klar die Marylin Monroe der Sterling Cooper Welt. Somit ist das Schönheitsideal in der Serie gar nicht so weit von dem unsrigen, dem der westlichen Massenmedien entfernt. Das Leben der jungen Sekretärinnen, vor allem im korporativen Kontext, ist leider auch nah dran am Hier und Jetzt.

    Umweltverschmutzung und duftende Männerbilder

    Ich mag die Serie nicht nur wegen ihrer Vielschichtigkeit. Sondern auch wegen ihrer sehr gut erarbeiteten Details sowie ihrer gesellschaftlichen und Gender-bezogenen Provokationen. Das fängt bei der Mode an, wie sie sich über die Handlungsjahre verändert, und geht bis zu gesellschaftskritischen Beobachtungen: Wenn ein Mitarbeiter der Werbeagentur mit seiner Familie ein Picknick macht, bleibt der Motor des Autos laufen, damit sie Radio hören können. Nachdem sie fertig sind, lassen sie ihren Müll einfach liegen. Und so weiter.

    Ich mag die Serie auch wegen der Männerfiguren. Sie sind elegant, charmant, intelligent, leidenschaftlich und wenn das Bild eine solche Übertragung möglich machen würde, würden sie auch duften. Sie haben Geld, eine hohe Arbeitstrinkkultur und eine gute Kinderstube. Donald Draper (siehe Bild ganz oben), der zentrale „Mad Man“, ist kreativ, gutaussehend, selbstbewusst und arrogant. Er war Soldat im Koreakrieg und hat eine mysteriöse Vergangenheit. Er kann so ziemlich jede Frau haben und beweist sich das regelmäßig. Zu Hause, in einem New Yorker Vorort warten auf ihn jeden Abend seine wunderschöne Frau und zwei kleine Kinder. „Ein echtes Arschloch“, denke ich nach den ersten paar Folgen.

    Ich gucke aber weiter und entdecke an Don auch schwache Seiten, die ihn zu einem sehr sympathischen, wenn auch manchmal unsensiblen Mann machen. Während er jeden Tag mit dem Zug in die Stadt pendelt, bleibt seine Frau Betty zu Hause. Sie ist aber keine Hausfrau. Die Drapers haben eine farbige Nanny, die sich um die Kinder kümmert, die kocht und putzt. Betty ist also eine etwas gelangweilte, aber nicht unglückliche Schönheit, die eine gute Partie geheiratet hat. Sie trinkt gerne Rotwein und raucht viel, auch während der Schwangerschaft, was in den 1960er Jahren niemanden wundert. Das Leben der Drapers ist an der Oberfläche die Quintessenz des erfüllten American Dream.

    American Dream und American Nightmare

    Die Serie zeigt die Rollen- und Gesellschaftsklischees „von damals“ in ihrer Ambivalenz. Oberfläche, Design und Sicherheit – all das wird ausgestellt und zugleich demontiert. Die Coolness zeigt sich als angreifbar und zerbrechlich. Der American Dream ist der leicht mit seinem Zwillingsbruder zu verwechseln, dem American Nightmare. Die Protagonisten sind alle schön und lächeln breit, die meisten bleiben aber unglücklich.

    Eine der Liebhaberinnen Dons ist Künstlerin, die eine ganz andere, Off-Mainstream-Realität repräsentiert. Nach einer langen Pause taucht sie in der vierten Staffel wieder auf. Don ist inzwischen geschieden, sie ist heroinabhängig. Bei ihm lief es nicht so gut mit Familie und dem Parallelleben – trotz der traumhaften Fassade. Bei ihr hat es mit der Kunst, die sie von den gesellschaftlichen Normen befreien sollte, nicht wirklich funktioniert. Die Zeiten ändern sich. Ich werde traurig und warte auf die Fortsetzung.

    Das Cover der fünften Staffel hat wegen seines politischen Kontexts für Aufmerksamkeit gesorgt. Es zeigt einen Menschen, der fällt, einen falling man also, mit einem Bein leicht angewickelt, ähnlich wie der Falling Man auf Richard Drews Foto vom 11. September. Das Poster wurde in den USA ganz eindeutig in diesem Zusammenhang gelesen.

    Die Serie bleibt trotz der zeitlichen Entfernung nah an der Gegenwart. Sie spricht viele Themen an, die universeller sind, als man vielleicht zuerst denken würde. Ich denke nicht, dass „Mad Men“ die (unbewussten) Sehnsüchte der heutigen Frauen nach alten Rollenbildern weckt und deshalb so populär ist. Es ist aber auf jeden Fall interessant sich mit den Frauenfiguren zu vergleichen und zu schauen, was und wie sich über die Jahre verändert hat. Ich sehe die Geschlechterungerechtigkeit als Provokation: Sie ärgert und nimmt aber auch in Beschlag. Es ist eine Einladung, sich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen und die eigene Situation mit diesem Hintergrund zu betrachten.

    Anm.d.Red.: Alle Bilder stammen aus der TV-Serie Mad Men.


20 Kommentare zu Frauen lieben die chauvinistische TV-Serie „Mad Men“ – warum? Ein Erklärungsversuch

  • Wenn Frauen alle Serien und Filme ablehnen würden, die ein chauvinistisches Frauenbild bzw. eine männer-dominierte Kultur präsentieren, dann würden wir einfach den Fernseher auslassen und nicht mehr ins Kino gehen.

    Es ist wirklich interessant, den sogenannten Bechdel-Test auf Filme und Serien anzuwenden, der die aktive weibliche Präsenz in der Handlung abklopft. Kriterien um diesen Test zu bestehen sind die Folgenden:
    1) es müssen mindestens zwei (mit Namen) vorkommen
    2) sie müssen miteinander reden
    3) es muss in dem Gespräch um etwas anderes als Männer gehen

    Klingt nicht so schwierig? Trotzdem fallen echt viele Filme durch. Wie ist das bei "Mad Men"?
  • zu 1): also zwei FRAUEN natürlich
    sorry!
  • Helga Sonne am 05.09.2012 13:18
    super text, darauf hab ich gewartet, danke!!!
  • neuro am 05.09.2012 20:15
    auch ganz witzig "what would don draper do?"
    http://theoatmeal.com/comics/wwddd
  • Karolina Golimowska am 05.09.2012 20:32
    @Katja: "Mad Men" hat den Bechdel-Test bestanden ;)
  • hmmmm, vielleicht sollte ich mal meine serien- und tv-aversion beiseite lassen und mir "mad men" gönnen. es war ja von chauvinismus, arschloch, selbstbewusst und arrogant die rede. damit kann ich was anfangen. karo hat die serie aber schön erklärt.
  • Karolina Golimowska am 06.09.2012 08:28
    @neuro: "What you call love was invented by guys like me to sell nylons" ist, meiner Meinung nach, eins der besten Zitate der ganzen Serie.
  • Karolina Golimowska am 06.09.2012 10:18
    @joerg: do it!
  • Laney am 06.09.2012 11:05
    Finde die Ausgangsfrage falsch. Sollte man nicht einfach unterscheiden zwischen "chauvinistische Serie" und "Serie, in der Chauvinismus dargestellt wird"? So wie z.B. "Lolita" auch nicht ein pädophiles Buch ist, sondern ein Buch über einen Pädophilen?
  • kraftzwerg am 06.09.2012 11:22
    @laney: haare spalten am morgen vertreibt kummer und sorgen, froh dürfen alle sein, die welche haben, haare meine ich :)
  • Christian Wu via facebook am 06.09.2012 11:27
    MAD MEN chauvinistisch? eher chronistisch, finde ich. klar - sie beginnt in der bleiernen zeit der auslaufenden 50er jahre, aber es haben sich ja schon von anfang an in den verschiedenen weiblichen charakteren ausbruchs/aufbruchsmomente angedeutet... mein eindruck ist ja, daß v.a. der übergang in die "moderne" (politisch, kutlurell, sozial) 67!/68/69 abgebildet werden wird. revolution... vielleicht täusche ich mich aber auch .}
  • Laney am 06.09.2012 11:30
    Das meine ich ja. Mad Men ist gar keine chauvinistische Serie. Figuren darin verhalten sich (zeittypisch) chauvinistisch, das ist doch kein kleiner, haarspalterischer, sondern ein riesiger Unterschied. Quasi der Unterschied zwischen Realität und Fiktion.
  • @#12: danke für die Differenzierung! Beim Journalismus kann man leider nicht immer so superpräzise sein, sonst produziert man Sprache, die ungelenk ist... Das ist natürlich keine Legimitation für jedweden Unsinn. Aber wir operieren immer wieder auch in einer Grauzone: zwischen "möglichst viele Leute erreichen" und "möglichst genau sein".

    Wie die wie auch immer scharf gestellte Ausgangsfrage dann zu interpretieren ist, zeigt allerdings der Artikel - da bleibt in dieser Hinsicht keine Schwammigkeit zurück.
  • Stefan Görög via facebook am 06.09.2012 14:51
    endlich mal "normale" männer. und so gutaussehend.
  • Rainhard Krome am 06.09.2012 14:57
    @Laney: na ja, da darf nochmal reflektiert werden: frei nach dem Motto, Kleider machen Leute, behaupte ich mal: ein Buch über Pädophilie kann auch ein pädophiles Buch sein, je nach dem wie es den Gegenstand darstellt. Und an Mad Men zeigt sich nun ganz deutlich v.a. eins: Frauen lieben es. Und dann hat die Serie genau die Wirkung, die in ihr thematisiert wird: die Frauen sind im Griff der Männer, ganz fest.
  • es ist so eine sache mit dem learning from... von so einer serie, also: ich sehe was die machen, vergleiche mich, denke über die, über mich nach, reflektiere.

    da gibt es was mad men angeht eine andere lesart, als: ho, hier gibt es sowas wie bildungsferensehen. das gegenteil kann gesagt werden: mad men ist gehirnwäsche.

    da wird durch die ästhetik (alles wie "im aquarium") eine große distanz suggeriert. ferner: wir stehen drüber, wir haben das alles schon hinter uns. genüsslich können wir uns
    zurücklehnen und diesen fischen beim herumschwimmen zugucken. wir, die zuschauer, sind über ihren zustand erhaben.

    das betrifft natürlich auch die frauenbilder: schaut mal, wie unterwürfig die frauen sind! schaut mal, wie sie sich von den männern führen lassen!

    mad men will nicht, dass wir denken: oh, mann, das ist alles ein bisschen wie heute. sondern: wir sind in sicherheit, diese zustände, das war gestern!

    das ist natürlich ein falsches sich in sicherheit wiegen.

    diese serie macht uns was vor. ganz geschickt. aber das ist halt das tv geschäft: der konsument soll sich wohlfühlen.

    nachdenken? nein, das sicherlich nicht.

    deshalb mag mich die von der autorin angebotene lesart nicht überzeugen.
  • Karolina Golimowska am 08.09.2012 13:10
    Ob die Serie zum nachdenken bringt oder nicht ist wahrscheinlich eine individuelle Sache. Sicherlich hat das auch mit eigenen Erfahrungen zu tun. Bei mir ist das so und für mich ist es auch ganz klar, dass es hier nicht nur um Vergangenheit geht und dass wir uns nicht "in Sicherheit befinden" (Zitat zk). Denn es gibt (leider) ganz viele Parallelen zur heutigen Korporationswelt und es ist nicht so, dass wir alles bereits hinter uns haben (darüber schreibe ich aber auch bereits in dem Artikel). Ich würde auch eher sagen, dass das spannende und das, was vielleicht den Erfolg der Serie unter Frauen ausmacht ist die Tatsache, dass man sich eben als Zuschauer, oder Konsument nicht immer wohl fühlt, denn manchmal sind die Parallelen erschräkend und ärgerlich. Das hier ist eine persönliche Lesensart und sie wird/muss sicherlich nicht jeden überzeugen.
  • rehse am 13.09.2012 13:34
    Vielen Dank für die Beschreibung. Sie hat mich insoweit zum Nachdenken gebracht, dass ich weiterhin abstinent für Serien bleiben werde.
  • Danke. Als Frau werde ich die Serie weiterhin nicht sehen wollen.
  • Edwin am 16.10.2014 11:29
    Die Serie reproduziert die übliche Litanei "Männer sind böse und Frauen Opfer" und "Früher war nicht alles besser".Alles schon mal dagewesen.Die fortwährende Entzauberung einer Epoche,wie im übrigen in so ziemlich allem historischen Frauenromanen,diet letztendlich nur dazu uns all unserer Mythen zu berauben,die wir noch haben.eine Gesellschaft ohne Mythen auf die sie sich berufen kann verliert ihren zusammenhalt.

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