• Fluides Bewusstsein

    Der Fluss der aufstrebenden Finanzmetropole zu Beginn des 18. Jahrhunderts und der See im laendlichen Frankreich zu Beginn des 21. Jahrhunderts – in diesem Spannungsfeld stellen wir heute die Frage nach der Bedeutung des Wassers fuer die Kultur im Allgemeinen und fuer das Denken im Speziellen. Ausgangspunkt fuer diese Frage sind aktuelle Entwicklungen in der Gesellschaft. Entwicklungen, wie die Weltwirtschaftskrise. Dramatische Umstaende also.

    Umstaende aber auch, die es zu analysieren und folglich auch zu ent-dramatisieren gilt. Die Frage nach dem Wasser, und das ist ein Leitgedanke von WASSERWISSEN, schaerft bei einer solchen Annaeherung an die Gegenwart das Bewusstsein.

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    Beispielhaft ist in diesem Zusammenhang eine beruehmt gewordene Rede des US-Schriftstellers David Foster Wallace. Gehalten wurde sie im Mai 2005 an einem College in Ohio. Besonderes Augenmerk verdient hier die zentrale Pointe. Gleich zu Beginn seiner Rede entwickelt Wallace ein Unterwasser-Motiv: Schwimmen zwei junge Fische daher und treffen auf einen aelteren Fisch, der in die andere Richtung schwimmt, ihnen zunickt und sagt: ‚Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?’ Und die beiden jungen Fische schwimmen noch ein bisschen, bis der eine schliesslich zum anderen ruebersieht und sagt: ‚Was zur Hoelle ist Wasser?’

    Erst am Ende seiner Rede ueber die menschliche Existenz in der Konsumgesellschaft beantwortet Wallace diese Frage: Ein Bewusstsein fuer das, was so wirklich und wesentlich ist, so unsichtbar allgegenwaertig, dass wir es uns wieder und wieder ins Gedaechtnis rufen muessen: Das ist Wasser. In Anlehnung daran, liesse sich nicht zuletzt mit Blick auf eine moegliche Definition von WASSERWISSEN sagen: Ein Bewusstsein fuer Wasser zu entwickeln, bedeutet ein Bewusstsein dafuer zu entwickeln, dass sich das Sein zwar im Bewusst-Sein vollzieht, aber eben meistens ohne unser explizites Wissen. WASSERWISSEN waere demnach eine Art Nicht-Wissen.

    Doch vielleicht sollte man einen Schritt zurueckgehen und fragen: Wie funktioniert eigentlich ein Bewusstsein, das im Zeichen des Wassers steht? Dies scheint die zentrale Frage in der Kulturgeschichte des Wassers zu sein. Eine Geschichte, die bis auf die Antike zurueckgeht. In der Moderne bekommt sie eine entscheidende Wendung – zumindest im Hinblick auf das, was wir Bewusstsein nennen. Und Subjektivitaet.

    In Zeiten steigender Meeresspiegel kommt man nicht umhin, sich an die grosse Entdeckung der Moderne zur erinnern. Man erkannte damals: Weltumspannende Ozeane bedecken den Planeten zu 70 Prozent. Daraus musste man schliessen: Der Planet ist eigentlich nicht Erde, sondern Wasser! Unfassbar dunkel erschienen die Tiefen und Weiten des nassen Elements. Was sich da auftat, schien jenseits der Zivilisation und ihrer primaeren Instanz zu liegen: dem Verstand.

    Damit das Bewusstsein zu Ruhe kommen konnte, musste diese unaufgeklaerte Wildnis rationalisiert werden. Wie aber die rastlose Bewegung der Dunkelheit samt ihren abgruendigen Strudeln zaehmen? Hier kommen ruhende Gewaesser auf neue Weise ins Spiel. Baeder, angelegte Seen und Aquarien – sie dienen als Hilfsmittel der Aufklaerung. So wird Wasser in der Moderne zahm und formbar. So wird Wasser (sprich: Natur) zu Kultur: Programmierbar sowie planbar erscheint nun die rastlose Bewegung, die die Moderne antreibt und zum Zeitalter der Beschleunigung und Verfluessigung werden laesst.

    Die Kultur des Wassers, zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird dies deutlicher denn je, diese Kultur scheint eine zweite Natur hervorgebracht zu haben, einen Ozean der Zeichen. Heute umspielen Stroeme von Bild-, Wort-, Klang- und Zahleninformationen den gesamten Planeten. Das Fluidum der Weltgesellschaft ist zugleich dereguliert und berechenbar, transparent und undurchschaubar. So oder so: Alles soll staendig im Fluss sein.

    Allen voran: das Kapital. Selbst in der Wirtschaftskrise erweisen sich Liquiditaet und cashflow als Schluesselbegriffe. Trocken wird die Kultur – selbst in Zeiten der Krise nicht. Genauso wenig kommt die Kultur des Wassers zum Stillstand. Alles soll im Fluss bleiben! Ein Beleg dafuer waere uebrigens auch die eingangs zitierte Rede von David Foster Wallace, die Anfang dieses Jahres in viele Sprachen uebersetzt und im grossen Stil verbreitet worden ist. Die Tatsache, dass diese Rede dem Wasser eine so wichtige Bedeutung beimisst – diese Tatsache, scheint die herrschende Kultur zu bestaetigen. Eine Kultur, die uns alle dazu auffordert, permanent an die Kreislaeufe der Kommunikation angeschlossen zu sein und in diesem Modus Vernunft und Bewusstsein als reibungsloses Fliessen zu erfahren.


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