• Fluchtlinien aus dem Sprach-Zoo

    Blanchot? Wieso Blanchot? Das war doch ein Theoretiker! Als wir uns neulich ueber Inspirationsquellen unterhielten, wollte ein Schriftsteller aus Mexiko den Franzosen schlichtweg nicht als seinesgleichen anerkennen. Haette man Kafka den Status des Schriftstellers ebenfalls abgesprochen, wenn er neben seinem Prosawerk zahlreiche literaturtheoretische Schriften und obendrein auch noch philosophische Traktate zurueckgelassen haette?

    Denkbar, zumal wenn er damit die namhaftesten Denker des 20. Jahrhunderts beeinflusst haette. Jacques Derrida etwa schrieb nach dem Ableben Blanchots, dass der im Februar 2003 Verstorbene ein unvergleichlicher Autor sei, den man zitiert und der einen inspiriert.

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    Doch zeigen sich die Philosophen nicht auch immer wieder von Kafka fasziniert? Der Schweizer Verlag Urs Engler Editor hat nicht erst auf diese Fragen gewartet, um mit Antworten aufzu- warten: Es gilt das erzaehlerische Werk Maurice Blanchots zu entdecken! Bereits sechs Baende sind neu aufgelegt worden, darunter Das Todesurteil. Als diese erste Erzaehlung ent- stand, hatte Blanchot nicht nur schon zwei Romane verfasst und einen dritten in Arbeit, sondern bereits auch erste Ueber- legungen zu dem publik gemacht, was ihn als Erfinder des Anti-Romans beruehmt machen sollte. Das Todesurteil – sozusagen auch ueber die Erzaehlsprache verhaengt – will sprachlich erschliessen, was sich der Sprache entzieht.

    Sie ist eine Idee und eine Person zugleich, mit der der Ich-Erzaehler symbiotisch zusammenlebt. Sie ist der Tod, aber auch die Sprache, in der alles zusammenfliesst, austauschbar wird und gerade dadurch besondere Facetten an den Tag legt. Ein Tag, der die ewige Nacht ist und in diesem Sinne auch von deren kruder Logik durchdrungen wird. Als der Ich-Erzaehler anfaengt, sich mit ihr in ihrer Sprache zu unterhalten, verlaesst er sicheren Boden und die Erzaehlung gewinnt eine unerwartet bizarre Dimension. Lost in Translation? Blanchots kuehle und abstrakte Prosa lebt gerade davon, sich zugleich zu verlieren und zu finden in der Unmoeglichkeit sie zurueck zu uebersetzen in unsere Sprache.


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