• Der Film „Carlos“: Terror ist auch nur ein Geschäft

    Ein Warum gibt es nicht, jedenfalls kein ideologisches. In der Doku-Fiction „Carlos – Der Schakal“ geht es vor allem um Geld und Bekanntschaften. Die deutsch-französische Koproduktion portraitiert nicht nur den schießwütigen Venezolaner Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos, sondern auch den internationalen Terrorismus als Geschäft.

    „Du wirst Konkurrenz bekommen, wenn du da mitmischen willst“, prophezeit ihm der Kopf der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), Wadi Haddad. Kurz zuvor hatte Carlos der Gruppe den Rücken gekehrt, er will „etwas Eigenes“ aufziehen.

    Das Geschäft mit dem Terror

    Terror als Geschäftszweig – als Broterwerb des Terroristen – zu verstehen, lässt das Thema nicht weniger beängstigend erscheinen. Vielleicht steigt das Gefühl der Bedrohung gar, wenn man erkennt, dass es überhaupt keiner unbändigen Überzeugung bedarf, um einen Menschen dazu zu bringen, andere Menschen zu entführen, zu erschießen, in die Luft zu sprengen.

    Dass auch der Terrorismus Marktgesetzen folgt, ist insofern logisch, als dass er Geld kostet. Im Spannungsfeld des kalten Krieges funktionierte das „Fundraising“ der Terrororganisationen besonders gut, das zeigt der Film. Wer mit Waffen und Geld unterstützt wurde, hing auch vom Prestige einer Gruppe ab. Möglichst spektakuläre und blutige Aktion waren daher nicht nur Werbung für die Sache, sondern auch für die Organisation, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen war.

    Werbung ist alles – auch im Terrorismus

    Auch eine Terrorgruppe ist eine Marke, die sich stetig um ihren Ruf sorgen muss. Ein fehlgeschlagenes Kommando schadet dem Ansehen einer Gruppe wie der PFLP, wie ein fehlerhaftes Bauteil dem Ansehen eines Flugzeugherstellers schadet.

    Und es gilt noch eine Weisheit, die jeder Werber kennt: Keine Publicity ist das Schlimmste, was passieren kann. Symbolisch dafür ist die Filmszene, in der eine von Carlos dem österreichischen Staat abgepresste DC-9 in Tripolis landen muss, weil der Sprit ausgegegangen ist. Gaddafi hat jeglichen Kontakt mit den Geiselnehmern, die die Teilnehmer einer OPEC-Konferenz entführt haben, untersagt. Und so steht die Maschine auf dem von der Sonne aufgeheizten Asphalt am Ende einer Landebahn. Und nichts passiert.

    Carlos und seine deutschen Terror-Kollegen verzweifeln fast an der Situation. Stillstand sind sie nicht gewohnt in ihrem kurzatmigen Business. Lieber hätte Carlos sich einer bewaffneten Spezialeinheit gestellt – einem Geschäftspartner also, mit dem er hätte verhandeln können, oder auf ihn schießen.


4 Kommentare zu Der Film „Carlos“: Terror ist auch nur ein Geschäft

  • Silvia am 17.11.2010 10:26
    Danke! Nur: warum ist die von Dir am Ende beschriebene Szene symbolisch für "Keine Publicity ist das Schlimmste". Was Du in der Szene beschreibst hat nichts mit publicity oder dem Fehlen von publicity zu tun.
  • Rainald Krome am 17.11.2010 10:32
    Ich habe den Film gesehen und finde diese eine Szene, die Du am Ende bescheibst, auch ganz wichtig für den Film: Stillstand, keine Action, die dem Protoganisten sonst ermöglicht in seinem Element zu sein.

    Deshalb finde ich die Reduzierung, die Du vornimmst auch nicht ganz richtig. Es geht in dem Film nicht in erster Linie um Terror als Geschäft, sondern um Terror als Action.

    Carlos liebt die Action. Die Bewegung --- hier im doppelten Sinne, denn es gibt durchaus ein ideologisch aufgeladenes "wir wollen die welt verändern" als Bewegung und damit übrigens auch ein WARUM.

    Was der Film beschreibt, ist wie sich Carlos nach und nach wandelt, selber immer mehr zum Stillstand kommt und wie er immer mehr zum Geschäftsmann wird.

    Terror ist also durchaus etwas anderes als Geschäft --- anfangs zumindest und später auch noch über weite Strecken, aber dann, wenn die Action zum Erliegen kommt, in der von dir beschriebenen Flughafenszene, wandelt sich Carlos zum Geschäftsmann.
  • Frau Marx am 17.11.2010 10:49
    Neben Terrorismus (wo ist hier eigentlich die Abgrenzung zu Terrorismus und Terror?) als Geschäft, Terrorismus als Action und Imagepflege geht es auch um die patriarchalen Strukturen des Terrorgeschäfts, das Frauenbild, das Carlos in diesem Film hat ist sehr rückständig (auch für diese Zeit, man denke an U.Meinhof). In dem Sinne ist er auch nur ein Terrormacho, so wie Baader, oder?
  • Alexander Krex am 17.11.2010 18:20
    @Silvia
    Publicity ist hier im Sinne von Öffentlichkeit i.A. gemeint. Zumindest die war den Terroristen bis dahin immer sicher. In Libyen passiert dagegen gar nichts, sie werden einfach stehen gelassen. Kein Gesandter, keine Kameras (wie zuvor in Wien), kein Interesse. In diesem Fall allerdings von ganz oben (Gaddafi) angeordnet.
    @Rainald Krome
    Sie haben ganz Recht, es geht um Action und Geschwindigkeit. Nur war dieses Element auch in anderen Filmen zu sehen, etwa dem jüngsten RAF-Streifen. Neu bei Carlos fand ich den Business-Aspekt.
    @Frau Marx
    Ja.

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