• Moralischer Striptease

    Jetzt werden wieder Legenden und Mythen gestrickt: Margot Käßmann, die Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, sei nur deswegen zurückgetreten (worden), weil sie eine Frau ist. Wäre ein Mann sturzbetrunken Auto gefahren, wäre das als lässliche Sünde abgetan worden. weiterlesen »

  • Täglich Tigerbalsam

    Seit ich in Hongkong war, ertappe ich mich dabei, immer und überall den Klodeckel zu schließen. Damit – so sagt es die Lehre des Feng Shui – mich das Geld, das ich verdiene, nicht gleich wieder durch diesen Ausgang verlässt.

    Doch Feng Shui spielt nicht nur in Geldfragen eine wichtige Rolle, wie ich in meiner Zeit in Hongkong erfahren konnte. Beim Bau von Wohnhäusern zum Beispiel ist diese Lehre noch wichtiger als das Katasteramt oder die Baugenehmigung. Um dem Feng Shui-Geist nicht die Sicht auf das Meer zu verdecken, baut man eben ein Hochhaus mit einem großen Loch. weiterlesen »

  • Nudisten und Zombies beim Gottesdienst

    Als ich vor kurzem völlig ahnungslos Leipzig bereiste, ahnte ich noch nicht, in welch gefährlichen Strudel aus schamlosem Exhibitionismus und menschenverachtender Tristesse ich dort geraten sollte. Eigentlich war ich nur zum Finalisieren eines Drehbuches zu einem Freund gefahren. Vor Ort jedoch geriet meine brave Welt völlig aus den Fugen. weiterlesen »

  • Geheimer Goretex-Maoismus

    Ein jeder kennt das Phänomen, wenn zuvor schon monatelang unterbewusst wahrgenommene Sachverhalte, von einer Sekunde auf die andere, mit Macht an die Oberfläche drängen. Schneller, rücksichtsloser und nachdrücklicher, als jedes Amphetamin. So stand ich nun da, im kalten Berliner Winter, inmitten einer mit Menschenfleisch gemästeten U-Bahn. Ausnahmslos umringt von Anhängern subtiler Textilsekten, zweier sich im ewigen Ringen gegenüberstehender Systeme: Yin und Yang, Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Rechts oder Links, Null oder Eins! weiterlesen »

  • Walburga

    Oh Heilige. Wir feiern dich. Wo warst du bloss bei ProReli? Geboren wurdest du um das Jahr 710 als eines von vielen Kindern einer wohlhabenden englischen Familie in Devon. Deine koenigliche Abstammung ist nicht ganz sicher belegt, eine begueterte oder vielleicht sogar privilegierte gesellschaftliche Stellung deiner Familie, sprich Adel, kann jedoch durchaus angenommen werden. Frueh verwaist, sollst du bereits im Alter von 10 oder 11 Jahren in das Kloster von Wimborne in Dorset aufgenommen worden sein. weiterlesen »

  • Und jaehrlich gruesst das Murmeltier

    Sie scheint sich mit leidenschaftsloser Sicherheit jedes Jahr zu wiederholen: die Debatte darum, wie der demokratische Staat vor Angriffen aus der Grauzone zwischen Verfassungsfeindlich- keit und Meinungspluralitaet zu bewahren ist. Wahlweise geht es in diesem Zusammenhang um ein Verbot der NPD oder um die Verfassungswidrigkeit von Scientology. Beide sind bereits als verfassungsfeindlich eingestuft, das heisst, sie stehen unter Beobachtung seitens des Verfassungsschutzes. Ob die NPD oder Scientology als verfassungswidrig zu bezeichnen sind, obliegt der Entscheidungsgewalt des BGH.

    2007 erhielt die Diskussion um Scientology neue, boulevard- eske Nahrung. Tom Cruise besuchte Berlin und die Sekte eroeffnete im Januar ihre Hauptstadtrepraesentanz. Sciento- logy war wieder in aller Munde. Vom Mittagspausentalk an der Currywurstbude bis hin zur Innenministerkonferenz im Bundes- amt. Reden ist schoen und gut – aber was hat sich getan? Tom Cruise durfte im Bendlerblock drehen, und Scientologen in Deutschland sich ruehmen in der Hauptstadt Fuss gefasst zu haben. Der Fall der beiden Geschwister, die vor ihren Sciento- logen-Eltern fluechteten, wird als Ausnahme verklaert.

    Die Debatte um ein Verbot der Sekte dauert schon viel zu lang an – es muessen Taten folgen. Seit 1997 wird die Organisation beobachtet. Genug Zeit und Material sollte sich angehaeuft haben, um den Erfolg eines Verbotsverfahrens realistisch einzuschaetzen. Aussteiger berichten nicht erst seit gestern von einer umfassenden Entmuendigung durch die Organisation und dem finanziellen Ruin in die sie Scientology getrieben hat. Jeder entscheidungslose Diskussionstag verschafft der Sekte Publicity. Wie sie diese ausnutzt darf nicht tatenlos mit angesehen werden.

  • An einem Tisch

    Mitten durch mein Land, die USA, verlaeuft eine Grenze. Die Grenze ist nur in den Koepfen der Menschen, aber das reicht schon aus. Es gibt die religioese Rechte und die Liberalen. Sie hassen sich wie die Pest. Manchmal habe ich das Gefuehl, diese Grenze verlaeuft mitten durch mich, durch meinen Koerper. Ich bin eine American Indian und vor sieben Jahren zum Buddhismus konvertiert. Ich gebe es zu, die Sache mit dem Buddhismus hat mehr mit meinem Lifestyle zu tun, als mit Ueberzeugungen. Hier in Hollywood ist Buddhismus eben ziemlich chic.

    Doch was soll ich meinen Soehnen sagen, wenn sie mich ueber religioese Fragen ausquetschen? Einer meiner Soehne hat einen weissen Juden als Vater, der andere einen schwarzen Muslim. Das ist eine Mischung! Familienausfluege sind bei uns die reinste Freude! Aber mal ehrlich: Meinen Kids ist das viel zu schwierig, staendig zwischen den Religionen zu switchen. Die haben schon laengst herausgefunden, dass Judentum, Islam, Buddhismus und so weiter, die gleichen Prinzipien haben. Mein juengerer Sohn Jakob, bezeichnet sich selbst als liberalen Atheisten (er ist erst acht, aber es ist nun mal ein Abendbrotthema bei uns!).

    Asif, mein aelterer Sohn, ordnet sich wiederum der religioesen Rechten zu. Er ist aktiv in seiner (christlichen) Gemeinde und hat sich gerade am American Baptist College in Nashville, Tennessee beworben. Ich stehe immer noch unter Schock! Aber mein Punkt ist der: Abend fuer Abend sitzen wir an einem Tisch zusammen. Und wir reden miteinander und wir lachen miteinander und wir streiten uns. Es bringt uns ueberhaupt nicht um, uns gegenseitig zuzuhoeren. Und ich kann nicht verstehen, dass es fuer den Rest des Landes so schwer ist, dasselbe zu schaffen.