Muss der Wunsch nach Entschleunigung unerfüllt bleiben in einer Ära, in der Zeit als etwas Gestalt- und Formbares, außer Kontrolle geraten scheint? Oder schlichtweg diese Eigenschaften verloren zu haben scheint? Hilft die Umklammerung des Terminkalendars als Struktur- und Gestaltungselement des Alltags wirklich weiter? Welche Folgen hat die Globalisierung auf unsere Zeitwahrnehmung? Was könnte man unter der Globalisierung von Zeit verstehen? Wie tickt globale Zeit?

Diese Fragen treiben die Berliner Gazette im Jahr 2007 um. Die Redaktion begibt sich auf die Suche nach einer neuen Weltuhr und befragt dabei Kulturschaffende und Intellektuelle aus der ganzen Welt.
  • Lackmustest für Subjektreserven

    Die Zeit der wirklichen Beschleunigungsdramen ist, glaube ich, vorbei. Das war die Sache des 20. Jahrhunderts. Es mag zwar sein, dass heute Monate wie frueher Tage vergehen, das alles aber hat nicht nur mit erhoehten Geschwindigkeiten und deren Infrastrukturen, mit dem Schwinden zeitlicher Ressourcen und gesteigerten Ungeduldsqualen zu tun. Viel eher scheinen mir Zeitverlaeufe selbst ihre ordnende, strukturierende und somit zwingende Funktion verloren zu haben. Wenn Fristen, Zeitdruck und eine fliehende Zeit einmal das Mass fuer biographische Umstaendlichkeiten, fuer Hast und Ueberstuerzug, fuer Verfehlungsaengste und atemlose Glueckfaelle, also fuer intensive Zeiterfahrungen gewesen sein moegen, so folgt die Zeit heute eher einer Logik der Zerstreuung. Damit sind zwei Dinge gemeint. weiterlesen »

  • Der Ekel vor dem Bleiben

    Theater ist eine zeitbasierte Kunst, Vergaenglichkeit und Aktualitaet sind die beiden Koordinaten, zwischen denen sich die Darstellende Kunst aufspannt. Der wahre Segen dieses Metiers ist die Vergaenglichkeit, denn sie alleine erlaubt es, radikal bis zum Aeussersten zu sein. Die Vergaenglichkeit loest die Kompromisse anderer Kunstgattungen in Zeit auf und oeffnet einen leeren Horizont. weiterlesen »

  • Auszeit im Vakuum

    Sie sind vielleicht ueberrascht, ich aber habe akzeptiert, dass unser Planet eine Kugel ist. Es macht mir nichts aus zu schlafen oder Liebe zu machen, wenn andere Menschen etwas anderes tun. Dennoch beruecksichtige ich den Zeitfaktor, wenn ich einen Kollegen in Kanada oder Indien online sehe und mit ihm ein ernsthaftes Gespraech beginnen will: Je nach Tageszeit und Biorhythmus gibt es leichte Unterschiede in der Art, wie wir uns ausdruecken. weiterlesen »

  • Diskurstempolimit

    Im Prinzip, so scheint mir, ist der Beschleunigungsdiskurs ein strukturverwandtes Phaenomen zur Espressobarschwemme : Hier wie dort nimmt man sich ein bisschen Zeit (fuer ein bisschen Kaffee oder ein bisschen Theorie), um dann sogleich wieder bewegt zu sein, sei es vom Koffein oder dem Theoriehaeppchen, das jeweils inhaerent schon auf modegemaesse Dynamisierung gezuechtet ist. weiterlesen »

  • Tage der Gelassenheit

    In meinem Alltag wimmelt es von Beschleunigungszwaengen. Der Druck der Zeit ist omnipraesent und er setzt ein am sehr fruehen Morgen, um kurz vor vier. Gewohnheitsmaessig stelle ich meinen Wecker auf 4.05 Uhr, doch ich scheine von der Idee absorbiert zu sein, dem Weckerklingeln zuvorzukommen: In aller Regel werde ich zehn Minuten vor der geplanten Zeit wach – und zwar hellwach! Es reisst mich foermlich aus dem Schlaf, der zwar tief und gut, aber mit knapp fuenf Stunden eher kurz ist. Jeden Morgen dasselbe: Ich kann es nicht erwarten, den Herausfoderungen des Tages zu begegnen und mich, nach hocheffizient beschleunigter Morgentoilette, an den Schreibtisch zu setzen. Der ganze lange Tag ist strikt durchgeplant, zeitstreckenweise minutioes. Auf Gaengen durch unsere Wohnung frage ich mich stets, was ich unterwegs noch erledigen koennte: vielleicht – sprichwoertlich by the way – die in der Ecke liegende Wollmaus entfernen, der Huendin frisches Wasser in den Napf fuellen? weiterlesen »

  • Zeittotschläger vs. Raummörder

    Es kostet viel Energie den Beschleunigungszwaengen (Hartmut Rosa) nicht zu erliegen. Und offenbar schuetzt mich gelegentlich mein Unbewusstes, dann vergesse ich ein Versprechen oder irgendwo ein- oder auszusteigen. So wie wir arbeiten/leben – entgrenzt – bedeutet das halt auch den Verlust des befreienden Gefuehls von Freitag ab eins macht jeder seins . weiterlesen »

  • Auf der Zeitbohrinsel

    Ich bin Choreograph und arbeite an einem Tanzstueck mit meinem Vater. Der erste Impuls dazu kam im letzten Jahr, als mein Vater mich fragte, ob ich ihn nicht in seinem Elternhaus besuchen moechte, um dort gemeinsam mit ihm im Garten die Kirschen zu pfluecken. Er hatte das schon oefter gefragt und ich hatte seine Einladung jedes Mal abgelehnt. Ich hatte nie Zeit – entweder war ich auf Gastspielreise oder probte gerade an einem neuen Stueck. Also ueberlegte ich, wie es moeglich waere, mehr Zeit mit meinem Vater zu verbringen, vielleicht nicht unbedingt Kirschen pflueckend, aber doch das mit Mitte 30 wiedergekehrte Beduerfnis befriedigend, meinem Vater und mir mehr Naehe zueinander zu ermoeglichen. Der praktikabelste Weg schien, meinen Vater in meinen Zeitplan zu integrieren, was nichts anderes hiess, als ein Stueck mit ihm zu machen. Als Pensionaer hat er viel Zeit, also sagte er zu. Ein Jahr lang trafen wir uns gelegentlich zur Vorbereitung und seit vier Wochen leben und arbeiten wir zusammen, um das Stueck zu kreieren. weiterlesen »

  • Temponauten-Theater

    Wenn alles unter Kontrolle ist, fahren Sie noch nicht schnell genug. Das ist der Sound des Neoliberalismus. Klingt mitunter ganz witzig, wie Lenin auf Speed. Dennoch – seit Jahren beherrscht mich ein merkwuerdiges Gefuehl der Zeitlosigkeit. Als ob der Globalisierungs-Countdown nach 1989 ins Leere gelaufen sei. Vielleicht ist auch eine Schallmauer durchbrochen worden und wir befinden uns im freien Fall nach oben. Eigentlich herrscht nur in den Metropolen rasender Stillstand, waehrend die Walze der Weltwirtschaft durch die Peripherie mahlt. weiterlesen »

  • Jetzt schon oder noch nicht

    Zeit und Raum spielen zunaechst eine grosse Rolle in der Kosmologie. Im Gespraech mit den Naturwissenschaften hat die Theologie lernen muessen, dass die Welt viel groesser und viel aelter ist, als sie, jeweilig mit den Menschen ihrer Zeit, gedacht hatte. Aber die Thematik der Zeit kommt auch vor, wenn es darum geht, Neues zu denken. Christliche Theologie geht davon aus, dass mit Jesus Christus eine neue Zeit angefangen hat. Die Frage ist, wie sich das denken laesst. Es gab den Gedanken der realisierten Eschatologie, dass also die Endzeit mit Christus angebrochen ist. Es gab im Gegenteil den Vorschlag, die Endzeit als verzoegert zu denken. Schliesslich schlug man vor, dass es zwar in Christus eine wesentliche Veraenderung gegeben hat, aber die letzte Wende noch auf sich warten laesst. weiterlesen »

  • Wenn gestern heute wieder morgen ist

    Unser europaeisch-abendlaendisches Zeitverstaendnis beruht auf der Vorstellung der Linearitaet. Demnach spult sich eine einzige gerade Zeitlinie ohne Umwege gleichmaessig ab. Zeit hat demzufolge auch einen Anfang. Zunaechst aufgrund der Bibel und der darin geschilderten Generationenfolge noch in der fruehen Neuzeit auf 4000 Jahre vor Christi Geburt berechnet, uebernahm nach der Aufklaerung (einer Zeitepoche, die en passant auch unsere Zeitvorstellungen aenderte) die Wissenschaft die Rechnungspruefung und schickte die Astronomie und Archaeologie ins Feld, um den Beginn der Erde und den Beginn der Menschheit zu bestimmen. Wenn die Zeit einen Anfang hat, dann muss sie theoretisch auch ein Ende haben. Die Bibel erklaert das mit der Ewigkeit. In ihr ist die lineare Zeit aufgehoben und ein zeitloser Gluecks- oder Elendszustand im Himmel oder in der Hoelle steht am Ende unserer messbaren Zeit. Das juengste Gericht, von den Ur-Christen noch zu ihren Lebzeiten erwartet, leitet diese Nicht-Mehr-Zeit ein. Die Naturwissenschaften erklaeren das Ende der Zeit mit dem Vergluehen der Sonne und dem Verschwinden der Erde in der Bedeutungslosigkeit des Sternenstaubs. weiterlesen »