MINIMUM
In einem medialen Klima, welches von Rhetoriken der Inklusion und Exklusion geprägt ist und welches zunehmende Polarisierungen innerhalb der Gesellschaft spürbar werden lässt, ruft die Berliner Gazette im Jahr 2008 dazu auf, das Gemeinsame zu definieren. Also das, was uns gleichermaßen verbindet und unterscheidet und das, was uns politisiert. Und zwar grenzübergreifend. Dies wäre das „minimum“. Diese Hypothese ist der Ausgangspunkt für Fragen, welche die Redaktion Intellektuellen stellt, so unterschiedlich wie AktivistInnen, WissenschaftlerInnen, KünstlerInnen, IntendantInnen und MedienproduzentInnen.
  • Gemeinschaft neu denken

    Heute wird das Wort Gemeinschaft mit Kommunitarismus in Verbindung gebracht, wenn nicht sogar darunter subsumiert. Ich weiss nicht genau, wann das Wort Kommunitarismus in Umlauf kam, aber es duerfte nicht lange her sein und wurde gepraegt um eine zunehmende Anzahl von intellektuellen sowie politischen Tendenzen und Bewegungen in Rechnung zu stellen, deren Wesensmerkmal darin besteht, eine akzentuierte Aufwertung der identitaeren Zugehoerigkeit zu einer Gemeinschaft zu propagieren: Eine >Gemeinschaft<, die sich in meisten Faellen ueber ethnisch-nationale oder ethnisch-religioese Kriterien definiert, mit unterschiedlichen Dosen linguistischer, religioeser und historischer, mitunter auch sexueller und generationeller Zugehoerigkeitsmerkmale. weiterlesen »

  • Ein Cocktail fuer alle

    Mein Interesse an Lateinamerika bewog mich Ende der 1980er Jahre dazu, in Mexiko zu studieren, wo ich an der UNAM meinen Magister in Iberoamerikanischer Literatur gemacht habe. Es war mein erster Kontakt mit einem Land, das wesentlich aermer war als mein Heimatland Belgien. Diese Erfahrung hat mich vieles gelehrt. Sie hat mich nicht zuletzt erkennen lassen, dass wir trotz allem vieles gemeinsam haben. weiterlesen »

  • Wir braucht keine Mauern

    Fast alle Architekten und Urbanisten wissen, dass die Idee der Gemeinschaft sich dem Untergang naehert. Sie glauben, dass sie eine moralische und soziale Verantwortung haben, dieses alte Gut wieder instand zu setzen. Leider hat keiner von ihnen eine zuendende Idee, was Gemeinschaft eigentlich bedeutet und wie man sie ueberhaupt herstellt. weiterlesen »

  • Das Gemeinsame ist politisch

    Der Begriff der Gemeinschaft in seiner politischen Dimension war lange diskreditiert. Als Gegenbegriff von Gesellschaft bildete er ein natuerliches, identitaeres, organisches, urspruengliches, reines, nicht-relationales, essentialistisches Reservoir an Ueberzeugungen, aus dem sich identitaetslogische Politiken jeder Art (nationalistische, kolonialistische und so weiter) bedienen konnten und noch koennen. >Gemeinschaft< liefert[e] das vormoderne Programm einer modernen Ueberwaeltigungs- und Machtmaschine, deren ahistorische Organik den Menschen, paradox genug, nicht braucht, weil er nur ist, was er sein kann, weil er wird, >was man ist.< (Friedrich Nietzsche: Ecce Homo. Wie man wird, was man ist) weiterlesen »

  • Offene Wir-Kulturen

    Wie oeffnet man sich fuer Abstrakteres, fuer andere? Vielleicht, indem man zunaechst ganz treudoof >bei sich< ist. In meiner Erinnerung leiteten sich gemeinsame Interessen zunaechst von koerperlichen Vollzuegen ab. Ohne die Dreck- und Schuerfspuren vom Fussball eben kein Einstieg in eine intensive Austausch- und Debattenkultur, die fuer mich letztlich das Feld der Freundschaft markiert. Erst wuergte man zusammen die Luftgitarre, dann besprach man stundenlang den mutmasslichen Sinn bestimmter aesthetischer Entscheidungen auf einem Plattencover, selbst in irrwitzigsten Details steckte eine gefuehlte Unmenge an Bedeutung. >Gemeinsam< war dabei vor allem die Intensitaet und Leidenschaft, mit der man bestimmte Plaene verfolgte und Erfahrungen teilte. weiterlesen »

  • Mangel als Motor

    Ich bin mir gar nicht so sicher, dass nur >abstrakte Interessen< interessant sind; ich meine, eine Gemeinschaft kann sehr wohl davon leben, dass ihre Mitglieder sehr konkrete Interessen miteinander teilen, zum Beispiel das Stillen des Hungergefuehls oder Fussball. Diese Interessen sind, wie es mir scheint, sehr konkret und sehr machtvoll, was das Zusammenhalten von Menschen angeht. weiterlesen »

  • Hoehlen fuer alle

    Eines der ersten Kinoerlebnisse meiner Kindheit war Spielbergs E.T. In einer Szene des Films spielen die Freunde, die den Ausserirdischen wieder zurueck nach Hause bringen wollen, ein Spiel namens >Kerker und Drachen<, das ganz auf Sprache und Visualsierungsleistungen der Gruppe und der einzelnen Spieler basiert. Mir klappte die Kinnlade herunter. Was machten die da bloss? Von Rollenspielen hatte man zu dieser Zeit in unserer kleinen sueddeutschen Stadt ja noch nicht gehoert. Als dann einer der Spieler – wenn ich mich richtig erinnere – angesichts einer schwierigen Situation sagte, er wuerde sich einfach in seiner tragbaren Hoehle verstecken, fiel ich endgueltig vom Kinosessel. Ein Raum im Raum. Was fuer ein Traum. weiterlesen »

  • Spannungen aushalten

    Aristoteles sagte: >Der Mensch ist ein Gesellschaftstier.< Jede Biographie, und gibt sie sich noch so intellektualistisch, ist ganz besonders durch Freundschaften gepraegt. Die Entscheidung fuer den Aufbau, die Fortsetzung und wohl mehr noch fuer den Bruch mit einer Freundschaft konturiert unsere Lebenswege – in der wechselseitigen Zuneigung ebenso wie im Streit. Ich weiss nicht, ob Freundschaften, die auf gemeinsamen Abstraktionen basieren, besser oder interessanter sind. Sie sind nur anders. In meiner Kindheit in Hamburg-St. Pauli und in Altona habe ich mich oft mit meinen besten Freundinnen gehauen. Das war unter den Maedchen bei uns normal – und hoechst ritualisiert. Ich fuehlte mich dabei meistens unwohl. Aber sicher habe ich dabei nicht weniger gelernt als spaeter im Beruf – das Studieren der Anderen; das Antizipieren der naechsten Bewegung; schliesslich die Faehigkeit, von mir und meiner Lage und meinen Unzulaenglichkeiten zu abstrahieren. In der Anthropologie sind das alte Themen. Pierre Bourdieu nannte die solcherlei intuitiv erlernten Wissensformen >sens pratique< – den brauchte ich spaeter waehrend meiner Ausbildung zur Industriemechanikerin und heute noch genauso in der Wissenschaft. weiterlesen »

  • Resteverwertungsgemeinschaft

    Am HAU, das ich 2003 ins Leben rief, interessieren wir uns in erster Linie fuer den Bezirk Kreuzberg – einerseits. Fuer uns als Theater gibt dieser Bezirk viele Themen her: das Thema >migrantische Gesellschaft<, dann das Thema >Leben ohne Geld< als grossangelegter Modellversuch und als Drittes das >Abrutschen in die Unterschicht<. Das Spezifische am HAU ist andererseits, dass Regisseure und Choreographen aus Buenos Aires, Rio und New York auf diesen lokalen Kontext treffen. Wenn man so will, ist Kreuzberg dann ein extrem nach vorne getriebenes Laboratorium, was prononciert repraesentiert, was die Stadt Berlin als Spezifikum auszeichnet. Der Stadtteil war ja fuer die Westberliner Gesellschaft ein wichtiger Orientierungspunkt. weiterlesen »

  • Klunker und Kitsch

    Das Gemeinsame ist weder abstrakt noch konkret – das Geheimnisvolle an den Gemeinschaften, die uns etwas bedeuten, ist die Verbindung aus beiden. Was die Gemeinschaft konstituiert, ist nicht nur was, sondern vor allem wie die Dinge artikuliert und gesagt werden: der ironische Tonfall einer Rede, eine smarte Haltung, Obamas sexy Gang (um nur die belanglosesten Beispiele zu zitieren, von denen das am wenigsten Belanglose natuerlich die Gemeinschaftsbildung des Verliebens ist). weiterlesen »