Heute wird das Wort Gemeinschaft mit Kommunitarismus in Verbindung gebracht, wenn nicht sogar darunter subsumiert. Ich weiss nicht genau, wann das Wort Kommunitarismus in Umlauf kam, aber es duerfte nicht lange her sein und wurde gepraegt um eine zunehmende Anzahl von intellektuellen sowie politischen Tendenzen und Bewegungen in Rechnung zu stellen, deren Wesensmerkmal darin besteht, eine akzentuierte Aufwertung der identitaeren Zugehoerigkeit zu einer Gemeinschaft zu propagieren: Eine >Gemeinschaft<, die sich in meisten Faellen ueber ethnisch-nationale oder ethnisch-religioese Kriterien definiert, mit unterschiedlichen Dosen linguistischer, religioeser und historischer, mitunter auch sexueller und generationeller Zugehoerigkeitsmerkmale. weiterlesen »
Mein Interesse an Lateinamerika bewog mich Ende der 1980er Jahre dazu, in Mexiko zu studieren, wo ich an der UNAM meinen Magister in Iberoamerikanischer Literatur gemacht habe. Es war mein erster Kontakt mit einem Land, das wesentlich aermer war als mein Heimatland Belgien. Diese Erfahrung hat mich vieles gelehrt. Sie hat mich nicht zuletzt erkennen lassen, dass wir trotz allem vieles gemeinsam haben. weiterlesen »
Fast alle Architekten und Urbanisten wissen, dass die Idee der Gemeinschaft sich dem Untergang naehert. Sie glauben, dass sie eine moralische und soziale Verantwortung haben, dieses alte Gut wieder instand zu setzen. Leider hat keiner von ihnen eine zuendende Idee, was Gemeinschaft eigentlich bedeutet und wie man sie ueberhaupt herstellt. weiterlesen »
Der Begriff der Gemeinschaft in seiner politischen Dimension war lange diskreditiert. Als Gegenbegriff von Gesellschaft bildete er ein natuerliches, identitaeres, organisches, urspruengliches, reines, nicht-relationales, essentialistisches Reservoir an Ueberzeugungen, aus dem sich identitaetslogische Politiken jeder Art (nationalistische, kolonialistische und so weiter) bedienen konnten und noch koennen. >Gemeinschaft< liefert[e] das vormoderne Programm einer modernen Ueberwaeltigungs- und Machtmaschine, deren ahistorische Organik den Menschen, paradox genug, nicht braucht, weil er nur ist, was er sein kann, weil er wird, >was man ist.< (Friedrich Nietzsche: Ecce Homo. Wie man wird, was man ist) weiterlesen »
Wie oeffnet man sich fuer Abstrakteres, fuer andere? Vielleicht, indem man zunaechst ganz treudoof >bei sich< ist. In meiner Erinnerung leiteten sich gemeinsame Interessen zunaechst von koerperlichen Vollzuegen ab. Ohne die Dreck- und Schuerfspuren vom Fussball eben kein Einstieg in eine intensive Austausch- und Debattenkultur, die fuer mich letztlich das Feld der Freundschaft markiert. Erst wuergte man zusammen die Luftgitarre, dann besprach man stundenlang den mutmasslichen Sinn bestimmter aesthetischer Entscheidungen auf einem Plattencover, selbst in irrwitzigsten Details steckte eine gefuehlte Unmenge an Bedeutung. >Gemeinsam< war dabei vor allem die Intensitaet und Leidenschaft, mit der man bestimmte Plaene verfolgte und Erfahrungen teilte. weiterlesen »
Ich bin mir gar nicht so sicher, dass nur >abstrakte Interessen< interessant sind; ich meine, eine Gemeinschaft kann sehr wohl davon leben, dass ihre Mitglieder sehr konkrete Interessen miteinander teilen, zum Beispiel das Stillen des Hungergefuehls oder Fussball. Diese Interessen sind, wie es mir scheint, sehr konkret und sehr machtvoll, was das Zusammenhalten von Menschen angeht. weiterlesen »
Eines der ersten Kinoerlebnisse meiner Kindheit war Spielbergs E.T. In einer Szene des Films spielen die Freunde, die den Ausserirdischen wieder zurueck nach Hause bringen wollen, ein Spiel namens >Kerker und Drachen<, das ganz auf Sprache und Visualsierungsleistungen der Gruppe und der einzelnen Spieler basiert. Mir klappte die Kinnlade herunter. Was machten die da bloss? Von Rollenspielen hatte man zu dieser Zeit in unserer kleinen sueddeutschen Stadt ja noch nicht gehoert. Als dann einer der Spieler – wenn ich mich richtig erinnere – angesichts einer schwierigen Situation sagte, er wuerde sich einfach in seiner tragbaren Hoehle verstecken, fiel ich endgueltig vom Kinosessel. Ein Raum im Raum. Was fuer ein Traum. weiterlesen »
Aristoteles sagte: >Der Mensch ist ein Gesellschaftstier.< Jede Biographie, und gibt sie sich noch so intellektualistisch, ist ganz besonders durch Freundschaften gepraegt. Die Entscheidung fuer den Aufbau, die Fortsetzung und wohl mehr noch fuer den Bruch mit einer Freundschaft konturiert unsere Lebenswege – in der wechselseitigen Zuneigung ebenso wie im Streit. Ich weiss nicht, ob Freundschaften, die auf gemeinsamen Abstraktionen basieren, besser oder interessanter sind. Sie sind nur anders. In meiner Kindheit in Hamburg-St. Pauli und in Altona habe ich mich oft mit meinen besten Freundinnen gehauen. Das war unter den Maedchen bei uns normal – und hoechst ritualisiert. Ich fuehlte mich dabei meistens unwohl. Aber sicher habe ich dabei nicht weniger gelernt als spaeter im Beruf – das Studieren der Anderen; das Antizipieren der naechsten Bewegung; schliesslich die Faehigkeit, von mir und meiner Lage und meinen Unzulaenglichkeiten zu abstrahieren. In der Anthropologie sind das alte Themen. Pierre Bourdieu nannte die solcherlei intuitiv erlernten Wissensformen >sens pratique< – den brauchte ich spaeter waehrend meiner Ausbildung zur Industriemechanikerin und heute noch genauso in der Wissenschaft. weiterlesen »