• Fahrgemeinschaft auf Abwegen

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    Fahrgemeinschaften werden immer beliebter um sich seinen Weg von A nach B zu bahnen: man lernt nette Leute kennen, hat jemanden der einen auf der langen Fahrt unterhält und als Sahnehäubchen oben drauf teilt man sich die Kosten. IT-Unternehmer und Berliner Gazette-Autor Ulf Schleth kennt die Subkultur des Vertrauens schon lange. Inzwischen auch von der dunklen Seite. Ein Erfahrungsbericht.

    *

    Mein Auto ist mir zu teuer geworden. Deshalb wohnt es nicht in Berlin, wie ich, sondern in Schleswig-Holstein bei meiner Liebsten, die es durch die Gegend fährt. Nur wenn ich mit meinen Kindern in die Ferien fahre, hole ich mir „Käptn Blaubär“, so nennen die Kinder das Auto und fahre mit ihnen campen. Dieses Jahr waren wir am Plöner See. Wir konnten jeden Tag wohltemperiertes Wasser und eine leichte Brise genießen. Abends wurden wir gut gegart von Legionen riesiger und sehr hungriger Monstermoskitos verspeist. Meine Tochter brachte es auf 101 Stiche, war aber vor allem stolz, daß sie sie ganz allein zählen konnte.

    Am Sonntag, dem letzten Ferientag, mußte ich Käptn Blaubär dann wieder nach Schleswig-Holstein zurückbringen. Weil das Geld knapp ist, habe ich mir über mitfahrgelegenheit.de eine Mitfahrerin gesucht und gefunden. Veronika Junam. Ich war wie verabredet um 13:00 am vereinbarten Treffpunkt, dem S-Bahnhof Pankow. Dann rief ein Typ an, der meine Mitfahrerin angeblich gerade von Bulgarien nach Berlin gebracht hätte und sagte mir, ich könne sie dort abholen. Ich war eher der Meinung, sie solle sich beeilen, zum Treffpunkt zu kommen. Der Herr sagte mir dann, Frau Junam würde mir zusätzlich zu den vereinbarten 17 Euro für die Fahrt Berlin->Lübeck 20 Euro zahlen. Darauf ließ ich mich ein und gurkte in der heissen Mittagssonne durch die halbe Stadt, um sie zu holen.

    Wir haben uns während der Fahrt gut unterhalten. Sie erzählte aufregende Geschichten, dass sie im Auftrag von Amnesty International Flüchtlingslager in Bulgarien besucht hätte und wie schlimm die Zustände dort seien. Sie verriet mir, daß zur Vorbeugung und Behandlung von Mückenstichen Apfelessig eine gute Wahl sei, zur Vermeidung fast besser sei jedoch Chrysanthemenspray, das man im Pferdebedarf bekomme. Und dass ihr ihr gerade neu gekaufter Passat gestohlen worden sei. Woraufhin ich ihr anbot, statt der vereinbarten 37 Euro nur 30 zu verlangen und sie in Lübeck gern bis vor die Haustür zu fahren. Ihre Haustür befand sich ziemlich abgelegen in Lübeck-Schlutup, was mich etwas wunderte, da sie mir während der Fahrt erzählt hatte, dass sie noch auf dem Weg zum Lübecker Hauptbahnhof liege.

    Nach der Ankunft fragte sie mich, ob sie mir noch einen Kaffee anbieten könne. Ich fand nach der langen Fahrt durch Staus und Hitze, daß das eine gute Idee sei und willigte ein. Wir waren schon ausgestiegen, da bat sie mich, mein Auto lieber umzuparken, sonst würden die Nachbarn sich beschweren. Als ich fertig damit war, stieg ich aus. Frau Junam war weg. Ich sah, wie es Sherlock Holmes nicht besser hätte machen können, daß eine Pforte offen stand, die vorher geschlossen war und ging hindurch, um meine Mitfahrerin zu suchen, auf einem Weg zwischen kleinen Reihenhäusern. Ein Mann der in seinem Garten arbeitete, fing meinen suchenden Blick auf und fragte mich, ob er mir helfen könne. Ich sagte ihm, dass ich meine Mitfahrerin vermisse und ob er eine Frau mit Gepäck gesehen hätte. Er sagte ja, er hätte sie gesehen, das wäre seine Nachbarin.

    Ich ging also um die Ecke und stand vor ihrer Tür. Links daneben standen sauber aufgereiht, drei verschieden große Mülleimer. Das war insofern seltsam, als daß die kleinste davon, die Biotonne, auf dem Kopf stand und an ihrem unteren Rand etwas Bioabfall herausquoll. Ich klingelte also an ihrer Tür, ich hörte von Innen Geräusche, aber niemand machte auf. Ich ging nochmal zu dem Nachbarn, der mir dann eröffnete, die Frau hieße gar nicht Junam, sondern Pour oder Eshratipour, was sich mit dem Schild an ihrem Briefkasten deckte. Auf dem jedoch noch einige andere Namen standen. Ich ging wieder klingeln. Eine andere Nachbarin sah das.
    „Na, macht keiner auf?“ „Nein, da macht keiner auf.“ „Ja; da macht nie einer auf.“ Ich klingelte trotzdem weiter. Der Nachbar kam aus seinem Haus.

    Ich eröffnete ihm, ich würde jetzt gleich die Polizei rufen. Er bot mir an, mich voll zu unterstützen und ich könne ihn ruhig als Zeugen angeben, er habe kein sehr gutes Verhältnis zu seiner Nachbarin. Also rief ich die Polizei. Als sie kam, bekamen das eine Handvoll Kinder mit, die von der Straße und den umliegenden Gärten herbeiströmten und die ganze folgende Szenerie von nun an begleiteten. Ich klagte den Polizisten mein Leid. Sie baten mich zu warten wo ich war und gingen zu Frau Pour oder wie auch immer sie hieß. Währenddessen kamen die Kinder und fragten mich aus, um wen es sich handele, wie die aussähe („ich kenn die, ich kenn die“).

    Irgendwann kamen die Polizisten zurück und sagten den Kindern, sie sollen jetzt mal lieber langsam ins Bett gehen, morgen früh sei Schule. Als die außer Hörweite waren, erzählten sie, Frau Pour hätte ihnen geöffnet, sie würde jetzt ihrerseits behaupten, sie hätte mir das Geld bereits gegeben und ich würde nun wohl versuchen, das doppelte Fahrgeld zu ergaunern. Sie würden eine Anzeige aufnehmen, aber wenn ich mein Geld wolle, bliebe nur der Weg über eine Klage beim Zivilgericht. Auf meine Frage, ob das denn Aussicht auf Erfolg habe, schüttelte einer der Beamten auf diese „das darf ich eigentlich gar nicht sagen“-Art kaum wahrnehmbar seinen Kopf. Wir verabschiedeten uns freundlich, wünschten uns einen schönen Abend und fuhren davon, ich mit einigen Flüchen auf den Lippen. So etwas ist mir in meiner mehrjährigen Mitfahrzentralenerfahrung noch nicht passiert.

    Gut, es sind ab und zu Fahrer oder Mitfahrer dabei, die einfach nicht erschienen. Aber es war immer schön zu sehen, daß es in der Mitfahrerszene üblich ist, das Geld erst am Schluss der Fahrt zu verlangen. Daß dort das Wort noch etwas gilt. Eine Subkultur des Vertrauens. Damit ist es nun vorbei.

    Anm.d.Red.: Foto von Heisenberg Media, cc by 2.0.


2 Kommentare zu Fahrgemeinschaft auf Abwegen

  • Julia Müller am 13.08.2013 09:37
    Ich finde es wirklich schade, dass es Leute gibt, die diese "Subkultur" des Vertrauens durch ihr asoziales Verhalten zerstören. Trotzdem bin ich auch der Meinung, dass es sich dabei um Einzelfälle handelt und man so etwas nicht verallgemeinern. Ich habe mir Fahrgemeinschaften immer sehr gute Erfahrungen gemacht,
  • Achim am 05.12.2013 17:41
    Na Sie haben ja Nerven. Für mich wäre am Bahnhof Pankow Schluss gewesen. Unseriöses Verhalten seitens der Mitfahrerin!

    Wieso gibt es auf mitfahrgelegenheit.de eigentlich keine Bewertungsmöglichkeit von FalschfahrerInnen? Die AnbieterInnen bleiben sich selbst überlassen. Unseriös.

    Ich lieh einst einem obdachlosen Sänger aus Australien - erzählte er mir jedenfalls - zu Beginn eines Monats meine Umweltkarte. Am nächsten Tag wollte ich sie zurück. Er erzählte mir dann, dass ich sie ihm doch geschenkt hätte. Ich hatte ihm vorher bestimmt zehnmal klargemacht, dass ich die Karte selbst wieder brauche. Na ja, ich ließ die Karte ihm dann. Er sah so aus, als hätte er ein sehr schlechtes Gewissen.

    Lehrgeld kann teuer sein. Lehre für mich: Armen Menschen gibt man nicht etwas, dass man wiederbraucht.

    Die Lehre, die Sie zum Schluss des Artikels ziehen, würde ich vielleicht doch noch mal überdenken. Mitmenschen Vertrauen entgegenbringen ist eine schöne Charaktereigenschaft. Ich würde an Ihrer Stelle nur bei den Fahrgemeinschaften über mitfahrgelegenheit.de aufpassen, solange die Einrichtung für ihre Nutzer in keiner Form haftet.

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