• Exit Through the Gift Shop, oder: Wie werde ich Streetart-Millionär?

    Banksys Bilder hingen schon in der Tate Gallery in London und im Pariser Louvre. Lange hingen sie dort nicht, weil ihnen kein Kurator den Platz zugewiesen hatte, sondern der Künstler selbst. Er tat es ungefragt. Deshalb verfremdete er sein Äusseres beim Anbringen der Bilder mit Mantel, Hut und angeklebten Bart. Banksys „falsche Gemälde“ sind die wahrscheinlich subtilsten Werke der Kategorie Grafitti. Manch ein Besucher bemerkte den Betrug erst gar nicht. Den neuesten Coup des populären Street Artist scheinen auch nicht alle bemerkt zu haben. Es ist sein Regiedebüt.

    Der Film „Exit through the gift Shop“ war auf der diesjährigen Berlinale zu sehen. Seit vergangener Woche läuft der Film regulär in den Kinos. Es ist Banksy gelungen, selbst professionelle Durchblicker an der Nase herumzuführen. Einige Rezensenten nannten Banksys Arbeit einen Dokumentarfilm.

    Alles ist echt, wirklich!

    Es stimmt, das Herzstück des Films besteht aus dokumentarischen Versatzstücken: Das sind die meist nächtlichen Szenen, in denen überdimensionale Plakate auf Häuserwände geklebt, Lackfarbe in Litern pro Sekunde versprüht und Londoner Telefonzellen gekidnappt werden. Der Rest ist ein Fake. Genau, wie die falschen Gemälde im Louvre. Der Film ein durchkomponierter Banksy.

    Es ist eine Parabel auf das Phänomen Street Art, bebildert mit authentischen Videoaufnahmen von Grafitti-Aktionen. Nur stammen die nicht vom Thierry Guetta, dem Protagnonisten des Banksy-Films. In der Grafitti-Szene, wo die Wurzeln der Streetart liegen, ist es seit Jahren Usus, nicht nur die fertigen Bilder zu dokumentieren, sondern auch ihre Entstehung. Guetta ist keine reale Person, seine Erfindung ist nur ein Kniff, um das Phänomen Streetart zu beschreiben.

    Wer ist Thierry Guetta?

    Guetta, der alles um sich herum mit einer Videokamera festhält, kommt durch seinen Cousin mit der Streetart in Berührung. Er beginnt den Verwandten, der unter dem Pseudonym „Space Invader“ bekannt ist, zu filmen. Zuerst in der heimischen Garage beim Zusammenkleben seiner Mosaike und später dann beim Ankleben derselben in den Straßen von Paris. Guetta steigt immer tiefer in die Szene ein.

    Das Vertrauen der Menschen hinter den bunten Pseudonymen erlangt der Hobbyfilmer durch seine Furchtlosigkeit. Mit den Malern klettert er auf jedes Dach, und – für den richtigen Blickwinkel auf die im Dämmerlicht hektisch bewegten Farbrollen – immer noch ein Stückchen höher. Selbstbewusst erklärt er einen Dokumentarfilm machen zu wollen. Die Künstler lassen ihn gewähren. Auch, weil er die Umgebung im Auge behält. Der Kameramann steht Schmiere. Er wird zum Komplizen.

    Irgendwann vollzieht sich der Seitenwechsel. Guetta stellt die Kamera ab um zur Farbrolle zu greifen. Es ist der Beginn einer Karriere, die ihn zum Millionär machen soll.

    Ohne einen Funken Sensibilität kopiert und überklebt Guetta, der sich fortan Mr. Brainwash nennt, die Kunst seiner Vorbilder. Ein Affront, der in der Grafitti-Kultur nicht ungestraft geblieben wäre, aber die Streetart hat sich längst von ihren Wurzeln emanzipiert. Banksy widmet sich indes dem umfangreichen Videomaterial Guettas, der nie vorhatte einen Film daraus zu machen. Sämtliche Bänder landeten unbeschriftet in Kartons, die sich bald in seiner Garage stapelten. Banksy bleibt nächtens zu hause und schneidet Videosequenzen.

    Der Ausverkauf der Streetart

    Der Rollentausch ist perfekt. Und Mr. Brainwash arbeitet unter Hochdruck am Ausverkauf der Streetart. Seine nicht einmal kongeniale Melange von Strassenkunst und Popart wird von Angestellten unter seiner Regie fließbandartig produziert. Guetta wird zum Henry Ford der Streetart. Seine Werke verkauft er an Kunstsammler, die dem Hype um die Straßenkunst verfallen sind. Zu spät merkt Banksy, dass er seinen einstigen Lehrling nicht zurückpfeiffen kann.

    Mit aller Gewalt setzt der sich über das eigentliche Credo der Streetart hinweg, das da lautet nicht käuflich, dafür aber für jeden voraussetzungslos zugänglich zu sein. In „Exit through the Gift Shop“ bekommt die Monetarisierung der Streetart mit Thierry Guetta ein Gesicht.

    Die realen Guettas haben längst zugeschlagen und sich der Straßenkunst bemächtigt. Jedem Werk haben sie einem Preis zugeteilt. Ein Banksy sei zur Zeit etwa 170.000 Euro wert heißt es.

    Gegen Ende des Films kommt noch eine Kunstsammlerin zu Wort. Sie sagt, keine zeitgenössische Kollektion komme mehr ohne einen Banksy aus. Ob die Sammlerin real ist oder nicht, ihre Aussage ist es. Deshalb wird jeder Kurator gut daran tun Banksys ungefragt angebrachte Mona Lisa mit Smiley-Gesicht das nächste Mal einfach an seinem Platz zu lassen – sei es in der Tate oder im Louvre. Der falsche Meister ist längst keiner mehr. Sein Film ist ein weiterer Beweis. Es ist die kritische Reflexion des eigenen Schaffens.


6 Kommentare zu Exit Through the Gift Shop, oder: Wie werde ich Streetart-Millionär?

  • Karolina am 27.10.2010 11:50
    Btw, wer hat den cover zu Madonnas neustem Album gemacht? Laut ihrer offiziellen Seite: it was Mr. Brainwash! ;)
    http://www.queenofpop.eu/news/index.php?start_from=25&ucat=&archive=&subaction=&id=&
    Ihn gibt es ja auch sonst mehrmals im Netz und Fotos von der krassen Ausstellung in LA auch: Teil der Filmkreation? Banksys alter ego? Den Film fand ich sehr spannend; die Erzaehlweise, vor allem am Anfang an - wie bei Woody Allen nur eben nicht ganz - ein bisschen nervig.
  • Schade, dass der Autor dem Hoax der ersten Zeilen nicht weiter folgt. Guetta sieht schliesslich nicht durch Zufall dem bideraufhängenden Banksy ähnlich?!
  • Salvy Ungemach am 27.10.2010 17:24
    @devid: Woher weißt du, wie Banksy aussieht?
  • Horst A. Bruno alias Brunopolik am 27.10.2010 19:00
    Ist Banksys Credo: Letzten Endes lässt sich jede Kunst korrumpieren? Aber auch jeder Künstler, muss ich dann fragen.
  • ich meine den "bildaufhängenden" banksy, zB in der tate. der wird in diesem text als mit "Hut und angeklebtem Bart" beschrieben. es gab früher auch einige videos darüber.
  • Salvy Ungemach am 27.10.2010 21:32
    Gut, verstehe, aber das ist ja nun wirklich eine sehr vage, um daran eine gewollte Ähnlichkeit festzumachen. Und diese hippen Künstler tragen doch sowieso alle Bärte im Gesicht.

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