• Europaeisch-Aequatorialafrika revisited

    Ich habe zwischen 1991 und 1994 mit meiner Familie im Sueden des Tschad Tschad gelebt und in einem Projekt der laendlichen Entwicklung gearbeitet. Seit dieser Zeit bereise ich regelmaessig dieses Land. In diesen Jahren sind tiefe und bereichernde Freundschaften entstanden zu Menschen verschiedenster Herkunft. Ich bin von Beruf Agrar-Ingenieur und seit zwei Jahren als freier Berater in der Entwicklungszusammenarbeit taetig. Meine Erfahrungen mit dem Erdoelprojekt im Tschad bewegten mich dazu, meine Schwerpunkte auf die Friedens- und Menschenrechtsarbeit zu setzten. 1991 habe ich an der Gruendung der ersten tschadischen Friedensorganisation mitgewirkt.

    Im Spannungsfeld des gigantischen Erdoelprojektes Tschad-Kamerun kreuzen sich mehrere Themen. Umwelt: Der Regenwald in Kamerun und die natuerlichen Lebensgrundlagen der Menschen sind bedroht. Wirtschaft: Wer verdient am Oel? In wessen Taschen wird hier gewirtschaftet? Politische Prozesse und Eskalationsrisiken: Das Risiko, dass gewaltsame Konflikte zunehmen, ist weiterhin hoch. Das Fehlen von Rechtstaatlichkeit und von Moeglichkeiten zur Partizipation am politischen Prozess schuf ein Klima der Angst.

    Eindrueckliche Erfahrungen wie die Ermordung eines Bauern durch die fuer die Sicherheit von Esso zustaendige tschadische Gendarmerie haben Menschen dazu mobilisiert, sich zu engagieren. Angesichts der Groesse und Komplexitaet des Erdoelprojekts wurden die Grenzen des Engagements, die Unmoeglichkeit der Einflussnahme fuer die Einzelnen jedoch elementar erfahrbar. Die Notwendigkeit, zusammen zu arbeiten war keine abstrakte Einsicht, sondern eine konkret erlebte Situation. Nur im Zusammenspiel mit anderen konnte angemessen reagiert werden. 1997 entstand ein transnationales Netzwerk mit Knotenpunkten in Europa, USA sowie Tschad und Kamerun. NGOs im Norden machten den Anfang, indem sie die Informationen beschafften, an die Betroffene im Sueden nicht gelangten. Sie machten die Informations- und Advocacyarbeit, die zu Beginn im Sueden nicht geleistet werden konnte, weil das offene Infragestellen der Art und Weise, wie das Projekt vorbereitet wurde, lebensgefaehrlich war.

    Das Annehmen der Herausforderung des Erdoelprojekts hiess fuer viele Beteiligte, Routinen, Grenzen und Mandate zu ueberschreiten. Erdoel stand nicht auf der Tagesordnung der Entwicklungsorganisationen. Persoenliche und langfristige Beziehungen zu Betroffenen in beiden Laendern aufzubauen, war bisher keine uebliche Aufgabe des Personals von beteiligten Umweltorganisationen. Sich zu Problemen ausserhalb der Menschenrechte zu verhalten, widersprach dem Mandat der Menschenrechtsorganisationen. Das Engagement fuer das Erdoelprojekt als Friedensarbeit zu verstehen, war fuer die Friedensorganisationen alles andere als selbstverstaendlich. 1997 haben Menschen und Organisationen weltweit die Herausforderung dieses Erdoelprojektes angenommen. Sie stellten sich dem Projekt in seiner Komplexitaet trotz der eigenen Unzulaenglichkeiten, trotz fehlender Erfahrungen und Kompetenzen. Im Laufe der Jahre ist ein loses Netzwerk entstanden aus Persoenlichkeiten, Organisationen, Gruppen und Institutionen wie z.B. der Association Tchadienne pour la Non-Violence und dem Dachverband der Gewerkschaften des Tschad, dem Service Ecumenique pour la Paix und dem Centre pour l“Environnement et le Développement in Kamerun, aus Amnesty International, Brot fuer die Welt, EIRENE, Misereor in Deutschland, Environmental Defense und der Bank Information Center in USA, Friends of the Earth in den Niederlanden, Agir Ici in Frankreich, Swissaid und FIAN in der Schweiz, Reform the Worldbank Campaign in Italien etc.

    Die Dynamik der Netzwerkarbeit hatte ihren Ursprung in der Zusammenarbeit von Organisationen, deren Wirkungskreise sich bisher nur wenig beruehrten. Um das Erdoelprojekt herum entstanden neue Kooperationen. Die Staerke des internationalen Netzwerkes ist, dass es weltweit Kompetenzen in Umwelt-, Entwicklungs-, Menschenrechts-, Friedens-, Advocacyarbeit abrufen kann. Dadurch kann es in allen Arenen mithalten. Das Netzwerk wuchs ueber den Informationsaustausch, gezielte Beziehungsarbeit und das Handeln von Organisationen und Menschen, und nicht ueber Grundsatzdebatten, Konsensfindung und strategische Planungen. Personen initiierten und gestalten die Netzwerke, motiviert durch persoenliche Beziehungen zu Menschen in beiden Laendern. Die Arbeit war nie linear, es war selten moeglich vorauszusehen, was wirklich geschehen wuerde. Es ging nie darum Truppen zu sammeln, die Schlagkraft zu erhoehen, zielstrebig zustossen zu wollen. Es ging um Beziehungsarbeit und die Bereitschaft zum Handeln, gerade auch, wenn nicht zu uebersehen war, wo das alles hinfuehrte.

    Es ist heute keineswegs gesichert, dass die Erdoelfoerderung im Tschad zur Entwicklung des Landes beitraegt. Es gibt viele Entwicklungen und Hinweise, die nach wie vor befuerchten lassen, dass es zu aehnlich katastrophalen Fehlentwicklungen, Korruption und Gewalt kommt, wie in vielen anderen Erdoel exportierenden Laendern Afrikas. Dennoch es besteht auch Anlass zur Hoffnung. Im Ringen mit Esso, der Weltbank und den Regierungen konnten konkrete Verbesserungen wie angemessener Entschaedigungen fuer umgesiedelte Familien, eine umweltfreundliche Pipeline-Trasse und ein kontinuierlich verbesserter Zugang zu Informationen ueber das Projekt und seine Auswirkungen erzielt werden. Daneben wurden Rahmenbedingungen erwirkt, die Perspektiven fuer die Menschen im Tschad schufen, die in vergleichbaren Regionen und Situationen (Nigeria, Sudan und Kongo) fehlen. Zu den verbesserten Rahmenbedingungen gehoeren, ein Gesetz, Regelungen und eine Aufsichtskommission mit Vertreterinnen und Vertretern der Zivilgesellschaft im Tschad, zur Sicherstellung, dass die Erdoeleinnahmen der Entwicklung des Landes und der Erdoelregion zugute kommen sowie Monitoring-Instrumente, die das Erdoelprojekt zu einem der am besten beobachteten Projekte der Welt machen.

    Die wichtigste Einflussmoeglichkeit zur Schaffung dieser Rahmenbedingungen war die Weltbank, die an der Finanzierung und Konzeption des Projektes beteiligt ist. Durch intensivste Advocacyarbeit bei der Weltbank und vor allem bei den Regierungen der einflussreichen Mitgliedslaender wurde erreicht, dass das Weltbankmanagement wenigsten teilweise ihre eigenen Richtlinien einhaelt. Mehr war es nicht – aber das ist schon etwas. Und auf dem Erreichten kann aufgebaut werden.

    Die Arbeit mit den Regierungen in Tschad und Kamerun war und ist schwierig. Beide Regierungen gehoeren zu den korruptesten der Welt, Menschenrechtsverletzungen sind an der Tagesordnung, die muehsamen Demokratisierungsprozesse sind von Wahlfaelschung und Repression gezeichnet. Der Bevoelkerung im Erdoelgebiet wurde ueber Jahre das Recht, sich in einer Interessensgemeinschaft zu organisieren verweigert. Das Erbe der Kolonialzeit, die willkuerlich gezogenen Grenzen, eine fremde, heute oft sinnentleerte Buerokratie und Verwaltung, erschweren die Demokratisierungsprozesse. Im Tschad ist jedoch eine Zivilgesellschaft im Werden, die eine Gegenmacht zu Regierung, Esso und Weltbank werden kann. Davon war sie 1997 weit entfernt. Demokratisierung von unten! Die Zivilgesellschaft und die Interessenvertretung der Bevoelkerung gestaerkt zu haben, wurde vom internationalen Netzwerk als eines der wichtigsten Ergebnisse der Arbeit angesehen, denn dies hat ein Verhandeln auf gleicher Augenhoehe ermoeglicht und damit den Betroffenen Perspektiven eroeffnet um Angst und Hoffnungslosigkeit zu ueberwinden. Erreicht wurde dies dadurch, klare Position beziehen auf der Seite der Schwachen.

    Fuer ExxonMobil bzw. Esso und damit die USA war dieses Erdoelprojekt der Einstieg in eine sehr langfristige Erdoelfoerderung in der Region. Das Projekt wurde vor dem Hintergrund gigantischer Vorkommen im Tschad, Zentralafrika, Sudan, Nordkamerun und Niger konzipiert, Vorkommen, die eines Tages die Vorkommen im Nahen Osten substantiell ergaenzen sollen. Mit diesem Projekt wurden die bisher weltwirtschaftlich unbedeutenden Laender in das globalisierte Wirtschaften hinein gesogen. Nur noch das Erdoel zaehlt, das lokale Wirtschaften, gepraegt von einem grossen Selbsthilfepotential geraet politisch noch weiter in den Hintergrund. Globalisierte Arbeiterheere aus der ganzen Welt arbeiten auf den Baustellen, internationale Firmen lassen tschadischen Unternehmern keine Chance, HIV/AIDS verbreitet sich in nicht gekanntem Ausmass, hochmoderne und luxurioese Anlagen entstehen in direkter Nachbarschaft zu absoluter Armut und grossem Elend.

    Frieden muss von innen wachsen, das ist eine recht gesicherte Erkenntnis beim Friedenschaffen. Aber – wo ist aussen bei globalen Themen? Das Erdoelprojekt ist kein tschadisches, sondern ein internationales Projekt. Auch wir in Deutschland sind in der Verantwortung. Die Praesenz, der Druck und die Expertise von transnationalen Organisationen hatte immer zentrale Bedeutung und wird sie weiter haben.


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