• Zeit für Zorn: Sieben Forderungen zum Ende und Neubeginn des Journalismus

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    Die brennende Frage unserer Tage lautet: Was ist eigentlich aus dem Journalismus geworden? Glaubwürdigkeit, Qualität, Unabhängigkeit – im Grunde steht alles, was ihn ausmacht auf dem Spiel. Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki artikuliert sieben Forderungen in Zeiten der Krise.

    *

    Der Journalismus ist angezählt. Das K.O. könnte schon in der nächsten Runde kommen. Die Massenmedien drohen, ihre Watchdog-Funktion vollends zu verlieren. Die Verschmelzung der Überwachungsindustrie mit Sozialen Medien und digitalen Content-Anbietern lässt einen „Military-Entertainment-Complex“ (Konrad Becker) entstehen, in dem Journalismus abgeschafft wird. Hier gibt es keinen Platz für Kritik, Widerspruch und Analyse. Geschweige denn für nackte Tatsachen.

    Düstere Zukunftsmusik? Das Censorship-Regime in China zeigt schon heute, wie das konkret aussehen konnte: Die Zentralisierung der Datenströme ermöglicht eine zentral gesteuerte Kontrolle derselben. Je stärker ökonomische Umbrüche die Gesellschaft in Bewegung versetzen, desto stärker das Bedürfnis der mächtigen Eliten, die Gesellschaft (und die Informationströme) zu kontrollieren. Diese Mechanik zeichnet sich „nicht nur in China ab“ (Sonya Song). Sondern global. Daran erinnern auch die Snowden-Enthüllungen. Und so bewahrheitet sich dieser Tage in neuer Weise: Während sich China dem Westen angleicht, wird der Westen immer mehr wie China.

    Alternativen dazu? High-Visibility-Plattform – ohne User-Daten-Tracking. Wikipedia und The Pirate Bay wären Beispiele. Aber Fenster des unabhängigen Journalismus? Noch nicht. Das könnte sich ändern. Eine Inspirationsquelle: Im autoritären Staat Weißrussland wird von Aktivisten ein Webservice namens prokopovi.ch betrieben. Als unabhängige Geldwechselstube zu einer der beliebtesten Websites des Landes avanciert, öffnet die Plattform „ein Fenster für unzensierten Journalismus“ (Stefan Candea). Auch andere High-Visibility-Plattform, die ohne User-Daten-Tracking und ohne zentralisierte Strukturen arbeiten, könnten solche Foren bieten.

    Daraus ergeben sich folgende Forderungen:

    1) Es gilt Graswurzelbewegungen zu fördern – sowohl innerhalb der Developer-Szene als auch innerhalb der Medienmacherszene: Hacker und (Bürger-)Journalisten sollten intensiver an gemeinsamen Visionen arbeiten.

    2) Es gilt neue Kollaborationskulturen zu initiieren – welche, die über den Tellerrand der eigenen Expertenkreise hinaus neue Verknüpfungen suchen. In diesem Kontext: Journalisten sollten verstärkt mit Nicht-Journalisten zusammenarbeiten.

    3) Es gilt Journalismus wieder stärker aus dem Zorn unserer Gegenwartserfahrung heraus entstehen zu lassen.

    Zeigt Zorn!…

    …um 4) dem Journalismus wieder eine deutlich vernehmbare Stimme des Widerstands gegen die Zumutungen des aufziehenden Military-Entertainment-Complex zu verleihen.

    …um 5) Kollaborationskulturen nicht auf einen rein harmonischen Möglichkeitsraum zu begrenzen.

    …um 6) Graswurzelbewegungen im Medienbereich wieder mit mehr politischer spreng- und innovationskraft auszustatten.

    Schließlich:

    …um 7) das Engagement im Journalismus nicht der populistischen Verlockung einer Gesellschaft im Zeichen des Like-Buttons preiszugeben.

    Anm.d.Red.: Die oben artikulierten Forderungen ergeben sich aus Diskussionen, die bei der Konferenz WHATEVER HAPPENED TO JOURNALISM? geführt worden sind. Die Dokumentation des Projekts findet sich unter berlinergazette.de/whtj. Die englische Version des Texts findet sich hier. Das Foto oben entstand bei dem Workshop „Networks of Journalism“, bei dem u.a. Vertreter des Medienlabors The Sponge zu Gast waren. Fotocredit: Andi Weiland, berlinergazette.de


6 Kommentare zu Zeit für Zorn: Sieben Forderungen zum Ende und Neubeginn des Journalismus

  • [...] Originaltext [...]
  • Es gilt neue Kollaborationskulturen zu initiieren – welche, die über den Tellerrand der eigenen Expertenkreise hinaus neue Verknüpfungen suchen.

    interessante analisi troppo spesso si trovano commenti in spazi di solo esperti anche se è estremamente logico...
  • was ich nicht kapiere: die leute wie spiegel schreiben gegen die überwachungsindustrie an und schlaten werbung für die cloud dienste (also vertreter dieser sicherheitsindustrie) - das ist doch nicht glaubhaft oder einfach nur nicht wirkungsvoll konsequent, oder?
  • und dann erst die ganzen cookies auf webseiten des sog qualitätsjournalismus (SPON, etc), die kritische über NSA & co berichten und nebenbei laufen leise und unsichtbar im hintergrund deren user-data-tracking programme, das ist doppelmoral vom feinsten
  • xanadoo_walcott am 17.12.2013 11:33
    die Problematik der Zentralisierung, die gibt es auch bei Snownden! leaked data in the hands of few (greenwald und friends, dann: medienpartner-club) → centralized und protected data, not open data → die critique of mass media sollte auch hier ansetzen!
  • Helga Sonenberg am 18.12.2013 11:02
    Zum Thema: Ich habe neulich einen interessanten Beitrag entdeckt, der die Doppelzüngigkeit der Zeitungen/Online-Medien gut darstellt. In dem Blog Leitmedium wurde mit hilfe eines Tests nachgewiesen, wie viele Tracker die großen Medien benutzen und somit auch zu den großen Datenkraken gehören. Besonders empörend: Große Aufklärermedien wie Washington Post oder The Guardian tracken besonders viel.

    Wie soll ich in unabhängigen Journalismus vertrauen, wenn ich den Eindruck bekommen muss, dass die Medien eben auch nur Teil der Daten-Industrie sind? #ZeitfuerZorn

    Hier geht es zu dem Bericht: http://www.leitmedium.de/2013/12/10/warum-die-nsa-affaere-niemanden-wirklich-stoert-vielleicht-weil-selbst-facebook-weniger-tracken-als-guardian-und-faz/

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