• Das Ende der Welt in der Popkultur

    Das Motiv der Apokalypse ist ein urmenschliches, ein biblisches – nach Zivilisationsbrüchen, nach kulturellen Einschnitten ist es besonders präsent. Wie begeht nun der Pop die Apokalypse? Welche Entwicklungen lassen sich vom frühen Dylan zu den Strokes ausmachen? Ein Versuch in sieben Songs – von Jens Uthoff.

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    Man muss bei Minus Eins beginnen, will man über das Motiv der Endzeit im Pop sprechen. Bob Dylans Song A Hard Rain’s A-Gonna Fall ist eine der frühesten Äußerungen der Popmusik, die sich auf ein drohendes Weltende beziehen. Der Song enthält apokalyptische Momente, so viel ist klar. Eigentlich aber ist es das einzige hier behandelte Stück, das präapokalyptisch ist. Alle anderen handeln von der Zeit nach der Katastrophe. Dylan aber sieht ihr im Song erst entgegen.

    Das Motiv vom Ende der Welt ist natürlich so alt wie die Menschheit selbst – zumindest aber ist es seit dem Neuen Testament, seit der Offenbarung des Johannes und dessen prophetischer Rede vom „letzten Gericht“ in der abendländischen Kultur allgegenwärtig. Vom griechischen Wortursprung her heißt Apokalypse so viel wie „Offenbarung“ oder „Enthüllung“. Die Rede von der Apokalypse tritt natürlich vermehrt nach zivilisatorischen und geschichtlichen Einschnitten auf, wie zu sehen sein wird.

    [-1] Bob Dylan – „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ (1962)

    Erst einmal ist da aber dieser 21-jährige Dylan. Man mag ihn sich gut vorstellen, wie er damals, flanellbehemdet und mit hochtoupiertem Haar, harmlos im Hinterzimmer hockt und mit „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ einen Protestsong schrieb. Da ist der junge Künstler, der ein Klagelied anstimmt, seinen Protest kundtut, sich der drohenden Apokalypse mit einem flotten Liedchen entgegenstemmend. Hier ist jemand, der die Hoffnung zumindest noch nicht ganz aufgegeben hat – im Vergleich zu allen nun folgenden Künstlern.

    “And it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard, it’s a hard rain’s a-gonna fall”, ist Dylan sich sicher. Dabei besingt er laut eigener Aussage nicht den nuklearen Regen: „No, it’s not atomic rain, it’s just a hard rain. It isn’t the fallout rain. I mean some sort of end that’s just gotta happen”, sagte er in einem Interview. Die im Oktober desselben Jahres folgende Kubakrise und die Zuspitzung des Kalten Krieges, die Angst vor einem Atomkrieg sollten den bei Dylan noch ungefähren Befürchtungen Nahrung geben. „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ ist ein Song, der warnt und mahnt. Denn das Schlimmste kommt noch.

    [0] The Doors – „The End” (1967)

    Mit The Doors ist man am Nullpunkt. An ihrem Song The End kommt man nicht vorbei, wenn die Welt untergeht. Und an ihm, Jim Morrison, dem Heiland des Pop, auch nicht. Der Doors-Sänger, der im Juli 1971 wohl an einer Überdosis Heroin starb, schuf mit der Zeile „This ist the end / beautiful friend“ und dem dazugehörigen Song eine Endzeithymne. Als einer der ersten Songs der Popgeschichte ist er von Defätismus und Endzeitstimmung durchzogen – ohne auch nur ein wenig Licht am Horizont schimmern zu lassen.

    Es ist nicht überraschend, dass die Doors und dieser Song immer wieder als signifikante apokalyptische Äußerung im Pop genannt werden. Nicht zuletzt bildet das Lied ja auch den Soundtrack zu Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“. Der Untergang ist in Songs wie „The End“ längst da. Mit The Doors kann man sich eher fragen, was bleibt – wenn im Grunde nichts geblieben ist.

    In „The End“ ist man auf allen Ebenen am Ende angekommen: Moralisch greift Morrison das Ödipus-Motiv auf („Father, yes son / I want to kill you / Mother…I want to…/ fuck you”), historisch ist die Menschheit verloren (“Of everything that stands / the end”), auch seinsgeschichtlich oder „biologisch” („All the children are insane“) lässt die 1965 gegründete kalifornische Band nichts mehr übrig, an das man glauben könnte.

    Glaube und Unglaube sind auch die kulturgeschichtlich spannendsten Termini, an denen man sich bei einer Band wie den „Doors“ abarbeiten kann. Die Rede vom Weltende ist auch immer mit einer Heilserwartung verknüpft. In der biblischen Geschichte konzentrierten sich alle Heilserwartungen auf Jesus – und in der frühen Popkultur galt diese Hoffnung vor allem einer Figur: Jim Morrison. Mit ihm hatte man in der frühen Popkultur einen Heroen auserkoren, der das bloße Sein, der den Eros verkörperte, der aber garantiert keine Werte verkörperte – wie Jesus in der christlichen Religion.

    Beide fußen jedoch gleichermaßen auf religiöser Mythenbildung. Morrison aber wäre auch als Antiheld im Sinne des später folgenden, atmosphärisch endzeitlicheren Punk durchgegangen. Dazu braucht man nur die Biografie seines Zeitgenossen und indianischen Freundes Craig Kee Strete, Uns verbrennt die Nacht: Ein Roman mit Jim Morrison, zu lesen. Nur die Doors tanzten noch in den Ruinen und auf den Gräbern oder kopulierten darauf, während die Punks das Gestein später nur noch anpissen sollten.

    [1] Black Sabbath – „Into The Void“ (1971)

    “Could it be the end of man and time?” fragen Black Sabbath in Into The Void. In diesem Song empfehlen sie der Menschheit, sich vom Acker zu machen: “Leave the earth to Satan and his slaves”, heißt es da. Der Song vom Album „Master Of Reality“ ist in jeder Hinsicht von einem Dahindämmern der Menschheit, von ewigem Siechtum geprägt. Menschheitsdämmerung hieß das bei Kurt Pinthus im literarischen Expressionismus noch, genau diese Dämmerung nehmen Black Sabbath gute 50 Jahre später wieder auf. Von politischem Aufbruch etwa – wie man angesichts des Entstehungsdatums vermuten könnte – ist auf „Master Of Reality“ wenig zu hören.

    Der monotone, metallische Sound Black Sabbaths ist seiner Zeit weit voraus, es handelt sich in „Into The Void“ vor allem um ein einziges Thema, das ständig wiederholt wird. Irgendwann dann wird das Tempo leicht verschärft. Dazu quäkt Ozzy Osbournes und stimmt den „Final Suicide“ an. Der Sound Black Sabbaths steht genauso wie die Lyrics für Endgültigkeit und für jenes transzendentale Nichts. Die Doors sind noch in der Endzeit zumindest lebendig, bei Black Sabbath aber schmoren wir alle schon in der Hölle.

    [2] Richard Hell + The Voidoids – “Blank Generation” (1977)

    Auch der Song Blank Generation der 1976 in New York von Richard Hell gegründeten Band darf getrost als endzeitlich gelten. Denn die Generation, die hier besungen wird, ist die letzte, nach ihr wird keine mehr kommen. Schlimmer noch: Es ist eine Generation, die gar nicht hätte geboren werden dürfen. Dieses Motiv sollte im Punk und später im Hardcore ganze 30 Jahre lang Bestand haben. Der Song beginnt mit den Zeilen: „I was sayin‘ let me out of here before I was / even born.”

    Zwar behauptet Hell im Chorus „I belong to the blank generation and / I can take it or leave it each time”, aber es deutet einiges darauf hin, dass dieses Verlassen ein endgültiges wäre – und nur um den Preis des eigenen Endes zu haben ist. In Hells Song finden sich alle Motive, die den ‘77er-Punk auszeichnen und die mit jeglichem Erbe von Woodstock in den USA brechen (analog geschah dies in Europa mit den brachen Resten von ’68).

    Man stellt sich die Frage, ob das Ende nicht immer schon gewesen ist, ob wir nicht immer mit neuen Enden konfrontiert werden? Im Falle von Richard Hell: Ja. Die Generation des Punk, mit Napalm aus Vietnam in der Wiege, der Asche in der Vitrine groß geworden, dem Atomkrieg auf ABC entgegensehend, stellte fest, dass sie bereits in die Welt nach der Katastrophe hineingeboren war. Als „God’s Consolation Prize“, so heißt es bei Richard Hell, kam man zur Welt.

    Und die Voidoids stellen spätestens die Frage, die sich Simon Reynolds in Ansätzen schon in Retromania (2011) stellte: Wird es nicht Zeit für das Ende des sich immer wiederholenden Pop? Was bleibt, wenn nach der Katastrophe wieder nur vor dem Pop ist? Noch 35 Jahre nach Richard Hells Song versucht sich die Popkultur an immer neuen Enden. Zeit für einen Neuanfang?

    [3] Fehlfarben – „Paul Ist Tot“ (1980)

    Die Fehlfarben zeigen, dass jede Zeit und jeder Ort ihr eigenes Ende besingt. Dass man immer wieder „ein anderes Blau“ (Rolf Dieter Brinkmann) begeht. Ein Song namens „Apokalypse“ befindet sich ebenfalls auf „Monarchie Und Alltag“, dem wegweisenden 1980er-Album der Düsseldorfer Band. Songs wie Paul Ist Tot oder „Grauschleier“ stehen aber mindestens genauso für das tote Jahrzehnt, das der BRD bevorstehen sollte. Auf der Schnittstelle zwischen Punk und Postpunk angesiedelt, verweist das ganze Album bereits auf ein siechendes Dasein in den Achtzigern, kurz: auf Endzeit.

    Bevor die Ära der Strauss‘ und Kohls erst richtig beginnt, stimmen die Fehlfarben schon deren Abgesang an. Es riecht nach vergammeltem Hinterzimmer in der BRD, nach Beton und Boden, nach Amtsschimmel und Frühschoppen. „Monarchie Und Alltag“ zeigt aber auch: Es braucht – zumindest hier noch – die Wiederbearbeitung, die Neuinszenierung des Motivs Endzeit durch den Pop.

    „Monarchie Und Alltag“ ist das graue Album der Fehlfarben. Ein Grauen schlechthin durchzieht die Songs. Und das Stück „Paul Ist Tot“ beschreibt mitnichten nur das Ende einer Beziehung, der Song erzählt eher von einer Zeit, in der sich nichts, aber auch gar nichts fortbewegt. Eine Zeit, in der man nicht einmal, wie noch bei Richard Hell, wütend gegen die Nichtigkeit der eigenen Generation anschreien kann. „Ich schau mich um und seh‘ nur Ruinen / vielleicht liegt es daran, dass mir irgendetwas fehlt“, singt Peter Hein. Zwei simple, monotone Anschläge auf der Gitarre tun ihr Übriges. Die Einstürzenden Neubauten führen wenig später den eingeschlagenen Kurs konsequent fort.

    [4] REM – „It’s The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)” (1987)

    “That’s great, it starts with an earthquake“, so beginnt der R.E.M.-Song It’s The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine) aus den späten Achtzigern. Er zeigt ein gänzlich anderes Bild des Untergangs als wir es aus Punk und New Wave kannten. Die Indie-Pioniere um Michael Stipe begrüßen das Weltende hier lachend und arbeiten sich nebenbei an der verrottenden US-amerikanischen Unterhaltungskultur ab.

    Mit Walter Benjamin würde man sagen: „Die Katastrophe ist, dass es ‚so weiter‘ geht“. R.E.M. listen fröhlich die katastrophischen Elemente der US-amerikanischen Konsumkultur auf, beziehungsweise das Katastrophische, das sie impliziert: „Uh oh, overflow, population, common food, but it’ll do to save yourself, serve yourself. World serves its own needs, listen to your heart bleed dummy with the rapture and the revered and the right, right. You vitriolic, patriotic, slam, fight, bright light, feeling pretty psyched.” Man wartet auf Neues, mäandert in der Unterhaltungsindustrie fröhlich dem Ende entgegen.

    Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet die Titelgebende Zeile dieses Lieds so häufig nach katastrophischen Ereignissen bemüht wird. Nur allzu offensichtlich, dass dem nicht so ist: private Schicksale, ja, immer. Die Welt aber wird, ob nach 9/11, Fukushima, ob nach Tschetschenien oder Syrien, mit unserer freundlichen Unterstützung weitere Katastrophen produzieren – wie wir sie kennen.

    [5] The Strokes – “The End Has No End” (2003)

    Und gut fünfzehn Jahre später, zwei Jahre nach 9/11, kommen die Strokes – und sie können in Gestus und Sound nur davon berichten, wie es immer so weitergeht, wie resistent unser Zeitalter gegen jede noch so signifikante Zäsur ist. „’Won’t you take a walk outside?’ / – Oh no. / ‘Can’t you find some other guy?’ / – Oh no. / ‘1 9 6 9 what’s that sound?’ / – Oh no. / Keeping down the underground”, singt Julian Casablanca in seiner charakteristischen monotonen Manier. Das Repetitive, das gebetsmühlenartig Wiederholte ergibt hier Sinn, ist Teil der Aussage. Zwei Jahre nach dem GAU in den USA kommt die 1998 gegründete New Yorker Band daher und kann uns auch nicht mehr mitteilen als The End Has No End.

    Und sagt damit eigentlich alles. Die Strokes weisen zurück auf Interpreten wie die Stooges, Velvet Underground oder MC 5. Sie zeigen, und das ist so intendiert, dass die Desillusion der Nullerjahre sich grundlegend nicht so sehr von der der Siebziger unterscheidet. Nur dass mittlerweile diverse weitere Bewegungen durchlebt worden sind. Dass das digitale Zeitalter angebrochen ist. Bis zu jenem Zeitpunkt, da die Strokes „two steps forward“ und „three steps back“ gehen, hat das noch nicht viel geändert.

    Nach der Katatrophe bleibt doch Pop

    Ergebnisse nach sieben endzeitlichen Songs? Das Ende nimmt kein Ende. Im Pop nicht, in der Welt nicht. Die Popkultur arbeitet sich weiter und zunehmend am Untergang ab, heute sind das dann Bands wie Anthony and the Johnsons, auch die österreichische Künstlerin Soap&Skin darf als ganz schön endzeitlich gelten. Und etliche weitere.

    Vielleicht, so der Religionswissenschaftler Falko McKenna, ist das das Wesen der Avantgarde im Pop schlechthin: Sie muss immer weiter, immer mehr an ein Ende kommen – man denke da heute an die Noise- und Klangeskapaden von etwa Sunn O))) und Artverwandten. In der Popmusik hatte man nicht nur bereits das „Wimmern“, man hatte auch schon Stahlwerksound bei den Neubauten, man hatte Stille bei John Cage. Dem Kulturwissenschaftler Tobias Nagl bleibt daher auch nur übrig zu sagen: „Nach der Katastrophe bleibt wohl immer: Pop.“ Vielleicht ist genau das die Katastrophe.

    Anm.d.Red.: Der Beitrag entstand nach dem Besuch des Festivals Apocalypse now (and then) – Das Ende der Welt in der Popkultur: Drei Tage lang widmeten sich Poptheoretiker und Kulturjournalisten im Hebbel am Ufer (HAU) dem Weltende in der Popkultur. Das Motiv oben stammt aus dem Archiv der NASA.


5 Kommentare zu Das Ende der Welt in der Popkultur

  • Danke für den tollen Artikel. Ich habe die Songs gleich mal bei Spotify in einer Playlist zusammengestellt: http://open.spotify.com/user/1121727888/playlist/6oL3RGCJpD3whKHIx50Ta9
  • limer am 16.05.2012 02:39
    guter Punkt! "Das Ende nimmt kein Ende. Im Pop nicht, in der Welt nicht." Popmusik kann man wie Zeitung hören/lesen. Das ziehe ich auch da raus. Nur das da die Nachrichten fehlen. Oder andere Nachrichten kommen.
  • limer am 16.05.2012 02:41
    @andi: ich kenne mich mit Spotfify nicht aus, muss ich das jetzt neu installieren, dafür bezahlen oder auch nicht, warum ist das wichtig?
  • @limer: Spotify ist ein MusikStreaming-Angebot und in der Grundausstattung muss man nichts dafür bezahlen, aber sich leider mit seinem Facebook-Account anmelden. Wenn man pro Monat ein bisschen Geld bezahlt, dann hat man beispielsweise keine Werbung bei den Songs oder kann sie auch offline hören.

    Mehr dazu gibt es auch hier:
    http://www.spotify.com/de/about/what/

    Ich habe den Dienst nur genommen, weil ich den selber nutze und auch einige meiner Freunde. Es gibt natürlich auch Alternativen zu Spotify:
    http://t3n.de/news/alternativen-spotify-358122/
  • Fanny Steyer am 27.03.2013 11:11
    Toller Artikel!!

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