• Schicksalsgemeinschaft ohne Schicksal

    Luis Bunuels El Angel Exterminador (1962) zeigt wie eine Gesellschaft, die an die Grenze ihrer Konstitution gefuehrt wird, systemstabilisierende Rituale ablegt und die Gemeinschaftlich- keit ihres Seins als zutiefst verstoerendes Ereignis erfaehrt. Es beginnt damit, dass Menschen sich zusammenfinden, aus Anlaessen so unterschiedlich wie Diner und Gottesdienst, und den Abschluss dieses gesellschaftlichen Programms nicht finden: Sie koennen die Raeume, in denen sie sich versammelt haben, nicht verlassen.

    Allerdings gibt es dafuer keinen ersichtlichen Grund. Die Frage nach dem Warum? taucht in ihrer Mitte ohnehin nicht gleich auf, weil der verpasste Abschluss zunaechst in einen Leerlauf im Sein uebergeht.

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    Es ist eine Zwischenzeit, in der sich weder Fragen stellen, noch Handlungen aufdraengen. Jospeh Vogl wuerde diesen Moment vielleicht als unbewusstes Zaudern beschreiben und damit als einen Moment, in dem das Verhaeltnis der Figuren zur Welt aus den Fugen geraet. Dieses In-der-Schwebe-Sein wird den Figuren erst nach und nach bewusst. Nachdem eine Nacht vergangen ist, legen sie die Orientierungslosigkeit von Schiffbruechigen und Verschuetteten an den Tag, wie 1966, im Jahre des Kinostarts in Deutschland geschrieben wurde. Mehr als vier Dekaden spaeter, da das Kino des Aus- nahmezustands eine atemberaubende Karriere gemacht hat, draengen sich umso mehr Vergleiche zu den Gestrandeten des Kriminal-, Katastrophen- und Kriegsfilms auf.

    Die in den Raeumen des sozialen Rituals Ausgesetzten geben das perfekte Bild einer Schicksalsgemeinschaft ab. Doch das Verstoerende ist: Anders als in den vertrauten Szenarien des Ausnahmezustands, gibt es weder einen Terroranschlag noch ein Verbrechen, weder einen Unfall noch ein Unglueck. Es existiert einfach keine externe Bedrohung oder Macht, die sich auf die eine oder andere Art erklaert haette. Selbst nach einigen Tagen laesst sich kein Schicksalsschlag rekonstruieren, der dafuer verantwortlich zu machen waere, dass die Menschen einem gemeinsamen Schicksal ausgesetzt sind. Anders gesagt und allgemeiner gesprochen: Die Schicksalsge- meinschaft konstituiert sich ueber ein abwesendes Schicksal.

    Das Schicksal der Figuren besteht darin, kein Schicksal zu haben. Das ist der Ausnahmezustand, den Bunuels El Angel Exterminador nachzeichnet. Dieses Nicht-Schicksal stuerzt die Menschen nicht nur in Verzweifelung und setzt in ihnen ein (nicht allzu weitreichendes) Nachdenken ueber ihre Existenz in Gang. Es scheint sie auch auf einen Urzustand zurueckzu- fuehren, in dem sie die Gemeinschaftlichkeit ihres Seins erfahren. Es ist ein Urzustand, der weder quasi-paradiesisch noch durch eine andere prae-soziale Idylle gekennzeichnet ist, sondern durch Rohheit, Anarchie und Gewalt. Anders als ueblich stilisiert Bunuel die Gemeinschaft hier nicht als historischen Verlust, dem es, wie dem verlorenen Paradies, nachzutrauern gilt, sondern zeigt sie als die Nacktheit des Zusammen-Seins.

    Als die Stunde der Schicksalsgemeinschaft schlaegt, loest sich die Konstruktion des sozialen Bandes und damit auch der sozial-zivilisatorische Bezugsrahmen auf. Es tritt hervor, was die Menschen jenseits sozialer Verbindlichkeiten und Vertraege zusammenhaelt. Dieses Gemeinsame zeichnet sich nicht nur durch eine Primitivitaet aus, sondern auch durch eine Abwesenheit. Nach mehreren Tagen des Ausgesetzt-Seins, wird die Gemeinschaft von Chaos und Verfall beherrscht und von Sinnlosigkeit geplagt: Neben den Bildern des Ausnahmezustands, die die Menschen bei abgruendigen, amoralischen oder animalischen Handlungen zeigen, bietet auch die Gemeinschaft als Ganze ein Bild des Ausnahmezu- stands, da sie bei der Suche nach einem Grund fuer ihr Zusammensein auf sich selbst zurueckgefallen ist.

    Denn selbst wenn diese bestuerzende Abwesenheit fuer nichts anderes als Gott selbst steht, so hat sich dieser Gott zurueckgezogen und eine Leerstelle entstehen lassen, die durch den Menschen gefuellt werden muss. Insofern steht die Abwesenheit eines Schicksals (einer goettlichen Vorsehung, eines sozialen Programms), also die Abwesenheit von Maechten, die den Menschen den Sinn ihres (Zusammen-) Lebens schicken, als die vielleicht groesste Bedrohung im Raum. In El Angel Exterminador wird diese Bedrohung mit Totalen visualisiert, welche die in dem Raum ihres sozialen Programms gefangenen Menschen an der Schwelle zu einem leeren, naechtlichen Draussen zeigen, das sie weder betreten noch begreifen koennen.

    Es laesst sich nicht begreifen, weil es sich nicht betreten laesst, aber auch, weil dort auch immer absurdere Tierspiele vor sich gehen: Schafe laufen frei umher, Baeren krabbeln an der Wand hoch, etc.

    [Anm. d. Red.: El Angel Exterminador ist auf der Berlinale im Rahmen der grossen Luis Bunuel-Retrospektive zu sehen.]


1 Kommentar zu Schicksalsgemeinschaft ohne Schicksal

  • [...] kulturellen Evolution von Höhlenmensch, Ackerbau, Viehzucht, Handel, Städtegründung, Hygiene und Demokratie im Rückwärtsraffer beobachten. Man ist der Natur ausgeliefert, ernährt sich schlecht und wäscht sich [...]

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