• Schöner Einkaufen in der Krise: Direktverkauf vs. Supermarkt in Thessaloniki

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    Griechenland ist Krisenland. Dies macht sich auch im Supermarkt bemerkbar. Gemessen am Mindesteinkommen sind die Preise für Lebensmittel in Griechenland höher, als in jedem anderen Mitgliedsstaat der EU. Daher greifen die Menschen auf ein altes Konzept zurück: Auf neu organisierten Märkten vertreiben Händler ihre Waren im Direktverkauf. Davon profitieren Hersteller und Endverbraucher und erzeugen nebenbei das, woran es gerade am meisten mangelt: soziale Netzwerke. Aus Thessaloniki berichtet Journalist und Blogger Florian Schmitz.

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    Ein Drittel der Griechen ist arbeitslos und wer Arbeit hat, bekommt oft nur den Mindestlohn, der in Griechenland bei 2,50 Euro liegt. Für viele reicht das monatliche Einkommen daher nicht mehr aus, um in großen Supermärkten wie Masoutis, Carrefour oder auch Discountern wie Lidl einzukaufen. Wie die Zeitung „Ta Nea“ berichtet, zahlt der Grieche für den Warenkorb mit den 20 Grundnahrungsmitteln durchschnittlich 63,40 Euro. Bei einem Mindestlohn von 586 Euro (Vollzeitbeschäftigung) entspricht das 10,81% des monatlichen Einkommens. Zum Vergleich: in Portugal, einem Land mit ähnlich strikter Sparpolitik, beläuft sich das Verhältnis auf 9,58%, in Luxemburg dagegen auf 3,7% und in den Niederlanden sogar nur auf 3,4%.

    Supermärkte sind kaum noch bezahlbar

    Um genug Essen auf den Tisch zu bringen kehren viele Griechen daher zu einer alten Tradition zurück und erledigen ihren Einkauf auf Straßenmärkten. Dies ist nur eine weitere Art der Selbstorganisation zu Krisenzeiten. Wie auch in Deutschland gibt es diese „Volksmärkte“ (λαϊκή αγορά) einmal pro Woche. Hinzu kommen Markthallen, auf denen täglich alles feilgeboten wird, was man zum Leben braucht. Die Preise unterscheiden sich drastisch von denen in den überteuerten Supermärkten.

    Der Grund dafür liegt zunächst einmal an den Kosten, die ein großer Laden mit sich bringt, sowie den langen Wegen, die die Waren zurücklegen. Das Gros wird industriell verarbeitet, verschifft, geht über Zwischen- und Großhändler, sprich, bis die Ware beim Endverbraucher ankommt, hat sie bereits mehrere Stationen durchlaufen, die mit dem Endpreis verrechnet werden. Dass dieser in Deutschland dann immer noch erschwinglich ist, liegt an der Masse der Waren, die Supermärkte vom Hersteller oder Zwischenhändler beziehen. Für zehntausend Gurken zahle ich einen geringeren Stückpreis als für fünfzig. Die hohen Preise in Griechenland lassen sich daher nur mit der undurchsichtigen und dubiosen Marktpolitik der Supermarktketten erklären.

    Wer sich auch nur annähernd mit dem völlig inflationär benutzten Begriff der Nachhaltigkeit beschäftigt, weiß indes, dass es aus all diesen Gründen besser ist, möglichst (!) auf Waren aus der Region zurückzugreifen und diese bei kleineren Einzelhändlern zu beziehen. Dabei spielen nicht nur ökologische Aspekte eine Rolle, sondern auch wirtschaftliche, da der Käseproduzent in Griechenland oder der Gemüsebauer in Spanien kaum etwas daran verdient, wenn seine Produkte in unseren Alditüten landen.

    Neue Märkte, neue Netzwerke

    In Thessaloniki haben die Universität sowie diverse Initiativen vor diesen Hintergründen jetzt neue Märkte organisiert. Sie unterscheiden sich von den üblichen Wochenmärkten, die ihre Produkte in der Regel auf dem Großmarkt erstehen, darin, dass die Waren direkt von den Produzenten verkauft werden. Das sieht dann so aus, dass am Sonntag der Lieferwagen zum mobilen Geschäft wird und Gemüse, Obst, Oliven, Käse, Öl – alles eben, was die Umgebung so hergibt – an den Mann gebracht werden. Die Qualität ist gut, die Preise günstig. Beispiel: Für ein Kilo Orangen zahlt man in einem Supermarkt fast einen Euro, auf besagtem Markt weniger als die Hälfte. Und: der Umsatz geht zu 100% an die Person, die sie mit viel Arbeit und auf eigene Kosten angebaut hat.

    Abgesehen davon, dass die Waren spürbar günstiger sind, ist auch die Atmosphäre wesentlich angenehmer. In der Regel kommt es zu Gesprächen mit den Verkäufern, ein Extraapfel wandert in die Tasche und man unterhält sich über die Situation, über das Leben und natürlich über die Ware. Der Lebensmittelkauf wird zu einem sozialen Akt, von dem beide Seiten profitieren und der in Zeiten von Riesensupermärkten, wo die Kommunikation mit den Kunden sich zumeist auf den Bezahlvorgang an der Kasse beschränkt, längst verloren gegangen ist.

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    Übrigens, die Betreiber vieler großer Supermarktketten halten nichts von dieser Art des sozialen Direktverkaufs. Sie protestieren gegen die Märkte, mitunter auch mit Hilfe der Polizei. Die eigene Preispolitik zu überdenken scheint dabei nicht Frage zu kommen, um die Kunden in den Läden zu halten. Lidl, als Discountsupermarkt, hat die Preise im Verlauf der Krise sogar noch einmal deutlich nach oben geschraubt. Auch deswegen verzichten viele in Griechenland gerne auf Rabattkarten und kerzengerade Salatgurken für einen Euro. In Zeiten, in denen immer weniger Menschen auf den Straßen gegen die einseitige Sparpolitik protestieren, zeigt der Einkauf auf dem Markt vor allem eins: aktive Demokratie endet nicht an der Wahlurne.

    Anm.d.Red.: Mehr zu diesem Thema in unserem Dossier Europakrise. Die Fotos in diesem Beitrag wurden von Florian Schmitz in Thessaloniki aufgenommen.


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