• Ein Idyll am Rande

    Die Stadt schlaegt sich die Koepfe ein und ich fahre zur Familienfeier an den Wannsee. Dort trifft sich alljaehrlich die Familie meines Freundes, trinkt Bier und braet Putenschnitzel auf dem Elektrogrill. Die Sonne scheint, die Kinder huepfen auf dem Trampolin oder maehen den Rasen mit einem Kinderrasenmaeher, der wie eine elektrische Zahnbuerste klingt.

    Der Vater meines Freundes sitzt als Einziger oben ohne am Tisch. Dann kommen die Nachbarn vorbei, gruessen mich als wuerden wir uns schon jahrelang kennen und reissen zotige Witzchen. Die Gespraeche sind keine, die Fragen nicht ernst gemeint. Nicht mal uebers Wetter wird geredet. Dabei steht keine Wolke am Himmel und heisser als letztes Jahr ist es auch.

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    Dann kommen die Beschwerden. Beschwerden ueber die neugierigen Nachbarn, ueber das Verkehrschaos in Koepenick, ueber den Sohn der versprochen hatte mit mir ueber Nacht zu bleiben und es dank mir kurzfristig ablehnte. Die Tochter der neuen Frau des Vaters meines Freundes legt eine unangenehme Aggressivitaet an den Tag und wettert gegen ihren angeheirateten Bruder: Du lebst in einer anderen Welt! Wie zur Bestaetigung zaubert er aus seiner Brusttasche einen kleinen Fingerpuppenzombie hervor und nervt damit die augenrollenden Gaeste. Was fuer eine Party.

    Im Nachbargarten steht ein Pudel und bellt ununterbrochen zu uns herueber. Seine Herrchen sitzen mit uns am Tisch und sprechen in Phrasen. Um Neugier zu heucheln oder ein Gespraech zu beginnen, frage ich nach worum es geht. Aber es geht um nichts. Aus dem Radio schallt Neue Deutsche Welle und die Kinder streiten sich um das Skateboard.

    Es ist noch nicht dunkel und wir verabschieden uns: Heute steigt noch eine Geburtstagsfete zu der wir eingeladen sind. Nach der einstuendigen Heimfahrt legen wir uns auf die Couch und schlafen betrunken ein. (Anm. d. Red.: Die Verfasserin des Textes nimmt am CRASHKURS ONLINE-MEDIEN der Berliner Gazette teil und betreibt ihren eigenen Weblog Lotterliebe.)


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