• Du Kolumbus, ich Jane – Japan #1

    Vor zwei Tagen hat Japan offiziell begonnen, denn wir haben einen Adapter für die dortigen Steckdosen und sind gewappnet für die Reise ans andere Ende der Welt (Zitat Mama). Krystian Woznicki und ich sind eingeladen, das Projekt McDeutsch an der Hokkaido University vorzustellen. Der Adapter ist wichtig, denn ohne Strom kein Netbook, ohne Netbook kein Reisetagebuch, ohne Reisetagebuch keine Reise, oder? Doch will ich meine Gedanken und Fotos eigentlich sofort online stellen, wie es Freunde und Familie fordern? Ist bloggen von einem anderen Ort aus nicht einfach nur bloggen von einem anderen Ort aus? Wie sieht Reiseliteratur im 21.Jahrhundert aus, wenn es erstens: Nichts mehr zu entdecken gibt und zweitens das Internet überall das Gleiche ist?

    Um ehrlich zu sein beschäftigt mich diese Frage nicht erst, seitdem ich die Koffer für Japan packe. Bereits im September 2009 hat sich der Berliner Gazette Workshop Tourism Complexes im litauischen Palanga mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Ein Fazit war: Es ist unglaublich schwer, im Digital-Zeitalter Texte über das Reisen zu verfassen. Als europäische Reisende können wir anscheinend nicht anders, als alles durch bestimmte Brillen zu sehen (post-kolonial, post-national, prä-natal) und obendrein krampfhaft zu versuchen, die Brillen abzusetzen, oder (ironisch) zu brechen. Ziemlich frustrierend, oder, um das Gefühl in Bloggersprache auszudrücken: Argh! Das Reiseschreiben könnte ein Frischzellenkur vertragen. Vielleicht reicht auch eine gründliche Revision.

    Ich fahre also nach Japan, zum ersten Mal in meinem Leben. Die Reaktionen von 50 Prozent meiner Mitmenschen auf diesen Sachverhalt war: Hast du den Film ‚Lost in Translation‘ gesehen? *kopfschüttel*. Ich meine, klar, habe ich den Film gesehen. Unverständnis löst eher die Tatsache aus, dass ein Filmtitel hier zur Chiffre wird. Drei Worte sagen schon: Tokio – sehr interessant – große Häuser – fremdartig – Einsamkeit – Karaoke – Zuhause sein ist schöner. Im Grunde war ich schon da, oder? Medial, pop-kulturell ist Japan soweit entfernt wie mein Hinterhof. Nur Indien und Thailand sind noch näher. Aber hey, eigentlich würde ich trotzdem ganz gerne hinfahren. Nur wie?

    Ich kann nicht ablegen wer ich bin und woher ich komme. Ich kann nur andere Fragen stellen. Deswegen wird meine Japan-Kolumne, die in loser Abfolge im Dezember und Januar in der Rubrik Reisen veröffentlicht wird, versuchen das klassische Reisetagebuch zu dekonstruieren. Es ist ein Experiment. Blickrichtungen werden gewechselt. Ich bin keine Entdeckerin, ich bin keine Fremde. In diesem Sinne: Du Kolumbus, ich Jane. Die Reise beginnt.


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