• Was hättest Du gerne? Ein Stück Do-It-Yourself-Kultur mit unabhängiger, kritischer Stimme

    Wenn es das, was Du gerne hättest, nicht gibt, dann musst du es erfinden. In der Medienkultur hat sich dafür der Begriff DIY etabliert: Do-It-Yourself. Ein spannendes Beispiel dafür ist „Mute“, ein Magazin über digitale Kultur, Kunst und Gesellschaft. Was 1994 in den Notfallredaktionsräumen der „Financial Times“ begann, ist bis heute ein Stück DIY-Kultur mit unabhängiger, kritischer Stimme. Ko-Herausgeber Simon Worthington berichtet für uns über die Gründerzeit. Unterhalb des Texts finden sich Videos, die ihn im Nahportrait zeigen.

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    Wir entschieden uns für Print. Die Revolution von Print. Und das, was Print für uns symbolisierte, war die Zeitung. Wir schauten uns um: Was war die erste englischsprachig gedruckte Zeitung? Ein Ding mit dem Namen „Daily Current“, genaugenommen in den Niederlanden produziert, auf Englisch geschrieben, in England verkauft, um 1542 herum.

    Bei unserer Suche nach einer sehr nicht-digitalen Zeitung in dem von uns gewünschten Format stoßen wir schließlich auf die „Financial Times“. Ich rief bei ihnen an, fragte nach dem Produktionsleiter und wurde zu ihm freigeschaltet. Er sagte: „Alles klar, komm am Mittwoch vorbei, wir reden darüber.“

    Wir hatten zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Zeitung, also mussten wir eine vortäuschen. Wir beschafften uns Zettel, klebten sie zusammen, erstellten das grobe Konzept einer Zeitung und ein Frontseitenlayout. Damit gingen wir zu ihm und er sagte: „Kommt am Samstag wieder vorbei, wir drucken es.” Fuck. Wir mussten das jetzt wirklich machen. Das war real.

    Fake-Büro und Wahnvorstellungen

    Und so begannen wir das Mute Magazin mit der „Financial Times“ zu drucken. Wir starteten kein digitales Magazin, wir starteten mit einer Zeitung. Das war vielleicht eigentümlich, teilweise aber auch eine Reaktion auf den technischen Utopismus, der zu dieser Zeit sehr populär war. Es war schon eine Revolution, aber eine von vielen.

    Die „Financial Times“ hatte ihre eigene Druckerpresse. Sie bauten ein Gebäude dafür, designt vom Architekten Nicholas Grimshaw. Es war eine vollautomatische Druckerpresse. Sie hatte einen Speed Controler und automatische Papierrollen, die hinten hineinliefen und Zeitungen, die vorne herauskamen. Sie druckten uns darauf.

    In den paar Jahren, in denen wir mit ihnen druckten, nutzten wir ihre Notfallredaktionsräume, eine Art Fake-Büro, in das sich die Redaktion bei Bedarf zurückziehen konnte, im Falle eines Desasters, Terrorattentates oder vielleicht eines Erdbebens. Wir waren in diesem einsamen Büro wie in einem Raumschiff. Wie dieses Raumschiff in „Dark Star“, in dem nur drei Seelen zurückgeblieben sind, die sich wundern, wieso sie eigentlich Planeten in die Luft jagen.

    Unerwartetes Vertrauen

    Einmal trafen wir einen der vielen Security-Mitarbeiter in der Kantine. Wir dachten, er machte einen Witz, als er sagte: „Das sind die Blauen und die Grauen. Das sind wir und sie, sie sind unter Kontrolle.“ Aber nein, dieser Typ, dieser einzelne Security-Mitarbeiter hatte tatsächlich paranoide Wahnvorstellungen von blauen und grauen Aliens, die die Welt erobern. Ja, es war ein einsames Raumschiff.

    Wir druckten dort eine Weile, bis es eines Tages tatsächlich einen Terroranschlag der IRA in Canary Wharf gab. Es betraf „The Guardian“ und zog den Effekt nach sich, dass die Pressen kettenweise schlossen. Die „Financial Times“ entschied sich ihre eigene Druckerpresse zu schließen, aber wir konnten, da sie auch eine Notfallpresse hatten, ihre Notfallpresse nutzen. Ihr Produktionsmanager ging zur „News International Press“ und sollte ihr Produktionsmanager werden. Er wollte uns mitnehmen.

    Schließlich erlaubten sie uns, sonntags in ihre eigenen Redaktionsräume zu gehen. Vorher saßen wir in diesem Fake-Büro und plötzlich befanden wir uns sonntags, wenn das Büro der gewöhnlichen „Financial Times“-Journalisten leer war, in ihrem Büro. Wir hätten die Zeitung einfach zum Druck schicken können, nach Frankfurt, L.A., Tokio, London. Aber sie vertrauten uns.

    Wir wollten auch nie die Manager fragen: „Warum habt ihr uns das erlaubt?“ Wir dachten immer, dass es wie im Märchen ist. Wenn du sie fragst, wachen sie plötzlich auf und realisieren, dass du nicht da sein solltest. Schließlich passten wir nicht so richtig in das Profil eines Medienkonzerns wie das der „Financial Times“.

    Nochmals ein kompletter Neustart

    Wir hörten schließlich auf mit ihnen zu drucken. Das bedeutete für uns das Ende dieser Phase. Und so bewegten wir uns vorwärts, wir beendeten unsere Affäre mit der Zeitung. Wir mussten nochmal ganz von vorne anfangen. Doch wir hatten Rückenwind.

    Was wir taten, war Teil der DIY-Kultur jener Zeit. Ich spreche von Hausbesetzer-Partys und der Rave-Szene. Das Motto war: „Yeah, wir wollen einen Rave machen, wir wollen eine Party machen, wir werden Party machen, wir machen Party. Stell dein eigenes Sound System auf.“ Damals gab es diese Freiheit. Doch versuch mal heute im Vereinigten Königreich ein Sound System aufzustellen, dann hattest du die Polizei da, das Equipment der Leute wird beschlagnahmt und es gibt regelrechte Kämpfe…

    Der rebellische Geist treibt „Mute“ auch heute noch voran, frei nach dem Motto: „Wenn keine Kultur um dich herum ist, dann mach du die Kultur.“ Auch bei unseren Redaktionstreffen spiegelt sich das wieder: Wenn wir nicht wissen, wie etwas geht, dann finden wir es heraus. Wir sind Networker. Du kannst deine Freunde fragen, du kannst die Menschen um dich herum fragen, du kannst Informationen teilen oder es zumindest versuchen.

    Ich vermute, wenn du uns und „Mute“ heute im DIY-Kontext betrachtest und dir dann vor Augen hälst, dass wir jetzt (teils staatliche) Förderer haben, könntest du sagen: „Okay, wenn sie gefördert werden, dann ist das Ende nah.“ Aber ich denke, es gibt trotzdem noch diese Prise Widerstand in „Mute“, die sagt: Es gibt einen Grund dafür, dass wir hier sind. Es muss Kritik geben. Es muss Kultur erforscht werden. Es muss jemand an den Rändern und Schnittstellen dieser unterschiedlichen Kunstformen, dieser unterschiedlichen Bereiche, dieser unterschiedlichen Konversationen und Debatten unterwegs sein.

    Rebellentum und staatliche Förderung

    Wir sehen die Förderung von „Mute“ als ein erweitertes Feld von Politik, die gegen eine abflachende Kultur in die Kreativindustrie, gegen einen Werteverfall von Kritik steuert. Etwas, das in den Markt passt, ist etwas, das wertgeschätzt wird.

    Die Vorstellung einer Debatte, Ideen zu hinterfragen, Distanz zu überprüfen, Historismus – das ist nichts, was die Förderer interessiert. Und traurigerweise ist es auch nichts, was die anderen Institutionen im Vereinigten Königreich interessiert. Ich denke, dass es da Parallelen in der Praxis der Politik in Europa gibt. Regierungen betrachten, was sie sind, was ihre Beziehung zu Kultur ist, zu Kritik ist.

    Etwas, das zu „Mute“ immer dazugehört hat, war, dass unser Medium eine eigenständige Stimme hat. Wir erlaubten den Autoren immer zu sagen, was sie sagen wollten. Das gibt uns diese unabhängige, kritische Stimme, die mit der Zeit immer stärker wird. Inzwischen machen wir alle Arten von Dingen. Es gibt uns digital und in Print, als Projekt und Produkt, Initiative und Dienstleistung.

    Wir arbeiten als eine Gruppe von Künstlern, Autoren, Technikern und Denkern. Wir sehen die Auswirkungen der Globalisierung. Wir sehen die Auswirkungen von Finanzialisierung. Ja, die Welt braucht Dinge wie „Mute“.

    Anm.d.Red.: Das Video wurde in Linz aufgenommen; im Hintergrund ist das Ausstellungsgebäude der Ars Electronica zu sehen. Der Text entstand auf der Basis des Videos: eine gekürzte und editierte Fassung des trankribierten Protokolls. Das Bild oben zeigt den Ausschnitt eines „Mute“-Covers.


2 Kommentare zu Was hättest Du gerne? Ein Stück Do-It-Yourself-Kultur mit unabhängiger, kritischer Stimme

  • wilde Geschichte! und ich würde dem zustimmen: die Welt braucht Dinge wie Mute. Vielleicht kann man eine liste anlegen. Dann haben wir einen Vorschlag für die Erweiterung des Weltkulturerbes.
  • absolut inspirierend. Sehr löblich, dass das hier erscheint und nocheinmal nacherzählt wird. Denn selbst wenn mir mute ein gewisser Begriff ist: die Anfänge waren mir unbekannt und zeugen von einem unfassbaren Pioniergeist. DIY!

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