Stimmen ohne Stimme: Herrscht in Japan eine Diktatur der schweigenden Masse?

Viele von denen, die nach der Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011 geweint haben, bleiben nun im Angesicht einer veränderten Welt stumm. Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus dem Schweigen ziehen? Dürfen Kinder an einem Staffellauf in der Nähe des zerstörten Reaktors teilnehmen? Der in Frankreich lebende Aktivist und Verleger Kevin Dodd rückt die jüngsten Ereignisse in eine historische Perspektive: von der Nazi-Diktatur in Deutschland, über den Zusammenbruch der Sowjetunion bis hin zu einem Sport-Ereignis in Fukushima.

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„Wir wussten, die Welt würde nicht mehr dieselbe sein. Ein paar Leute haben gelacht. Ein paar Leute haben geweint. Die meisten schwiegen.“

Lasst mich am Anfang beginnen, an meinem Anfang. Ich bin das Kind wunderbarer Eltern, weiß und aus bürgerlichem Hause. Ich bin doppelt begünstigt, denn ich wurde in einer Zeit und an einem Ort geboren, wo ich frei von den Leiden war, die die apokalyptischen Reiter durch Krieg, Tyrannei oder Krankheit bringen.

„Was würde ich tun, wenn…?“ Ich hatte den Luxus, genug Zeit und Raum zu haben – sowie, dank meiner Eltern, die nötige Neugier – um über diese Frage nachzudenken. Nach und nach begann ich zu begreifen und zu verstehen, dass ich die Antworten nicht wissen kann. Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Das sind die kraftvollsten Worte, die ich kenne.

Was würdest du wirklich tun?

Einige Leute haben geweint…

Während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis haben viele Menschen sich gegen das Regime gestellt, entweder aus politischen oder aus moralischen Gründen. Ich verbeuge mich vor der Courage der späteren Gruppe.

Hätte ich die Courage gehabt, mich so zu verhalten? Wir alle glauben daran, aber wir wissen auch, dass es sich um Einzelfälle gehandelt hat. Und wir wissen, dass wir erst wissen wie wir uns verhalten, wenn wir uns mit ebenso einer Situation konfrontiert sehen.

Einige Leute haben gelacht…

Wenn ich mich nicht heroisch hervortun würde, dann hoffe ich zumindest, dass ich mich nicht aktiv an der Verfolgung der Juden, Romani und anderen Gruppen beteiligt hätte, deren Existenz für meine neuen Besatzer ein Fluch war. Viele haben sich so verhalten – aus ideologischen Gründen, aber vor allem, weil es ihrem Selbstinteresse entsprach. Es braucht nicht erwähnt zu werden, dass unter diesen Leuten auch viele Politiker waren, in Vichy und anderswo.

Die Meisten schwiegen.

Aber so wie in den vielen oppositionellen Systemen, nahmen die meisten Positionen an, die zwischen diesen beiden Extremen lagen. Ihre Reaktionen reichten von passiver Kollaboration bis hin zu passivem Widerstand, abhängig von der Person, aber auch abhängig von der Situation und des jeweiligen Moments. Was diese Menschen vermutlich vereint hat, war die Abwesenheit einer Ideologie, eine Akzeptanz der neuen Realität und ein Wunsch, mit dem eigenen Leben so gut wie möglich weiterzumachen.

Zweifellos bevorzugten sie die Zeit vor der Besatzung, aber die Invasion hatte stattgefunden und das Leben musste weitergehen. Ich bin sicher, dass viele dieser Menschen unendlich geweint haben. Die Geschichte erzählt uns aber wenig über diese Menschen und ihre Tränen. Geschichte wird von Siegern für Sieger geschrieben. Die Verlierer werden ausgeblendet, während diejenigen in der Mitte zu einer amorphen Masse von Statisten im historischen Epos verschwimmen und im Nachhinein auf die vom Sieger gewünschte Weise „geformt“ werden, um die neu entstandene Mythologie zu unterstützen.

Das Private im Politischen

Was hat all das mit Japan zu tun? Japan ist kein faschistischer oder totalitärer Staat. Weder TEPCO noch die japanische Regierung hatten vor dem 11. März bewusst das Ziel dem japanischen Volk Leid zuzufügen. Mitarbeiter der japanischen Regierung oder von TEPCO sind nicht per se moralisch zwieträchtige Charaktere. Viele haben gute Familien und Freunde, sie sind gute Ehemänner oder Ehefrauen, gute Väter und Mütter.

Ich bin sicher, dass in den Jahren vor 2011, als Atomenergie zum Bollwerk der japanischen Energiepolitik wurde, alles Mögliche getan wurde, um Atomstrom zu verbreiten und dass dies nicht immer auf politisch und moralisch saubere Weise geschehen ist.

Seit dem 11. März 2011 sind TEPCO und die Regierung überwältigt und überfordert von der Masse an Ereignissen. Sie sind verängstige Rehe, die im Scheinwerferlicht erstarren. Ich bin sicher, dass sie sich inkompetent verhalten haben. Ich bin sicher, dass sie sich zum Teil heuchlerisch verhalten haben, um ihre Inkompetenz zu überspielen. Und an diesem Phänomen ist nichts speziell „japanisch“.

Diese Situation könnte sich überall auf der Welt mit etwas mehr oder weniger Transparenz wiederholen. In Anbetracht der Ereignisse vom 11. März werden weder TEPCO noch die japanische Regierung gelacht haben. Viele werden geweint haben und das nicht nur aus egoistischen Gründen. Zumindest war ich davon überzeugt, bis ich den Videomitschnitt einer Sitzung des “Upper House Budget Committee” (siehe ganz oben oder hier) sah und zu zweifeln begann. Der Titel des Videos spricht für sich: “Fukushima children forced to drink radioactive milk at school”. Was man wissen sollte: Die beiden hämisch grinsenden Männer sind Minister der Regierung. Es ist eine unheimlich groteske, abstoßende Situation, die im Detail hier beschrieben wird.

Die Regierung und TEPCO stehen für Macht, Geld, ihren Nutzen und Missbrauch. Sie werden weiterhin ihre Interessen verteidigen, indem sie alles tun, um die öffentliche Meinung zu manipulieren und zu besänftigen. Diese Haltung ist nicht überraschend. Sie ist sogar eine logische Verhaltensweise. Auf der gegenüberliegenden Seite finden sich die oppositionellen Kräfte. Ihre Position ist ebenso logisch. Sie sind die Menschen, die ich als moralische Vorbilder ansehe. In ein paar Jahren werden die Leute ihre Namen vergessen haben. Sie werden sich an andere Name erinnern. Politiker sind Randgestalten. Heute im Rampenlicht, morgen in Vergessenheit geraten.

Unsere Herausforderung ist zeitlos und taucht immer wieder auf. Sie ist unsichtbar, amorph und liegt in allen von uns. Höre auf das Geräusch der Stille, schau die Strahlung an. Was hörst du? Was siehst du?

Von der “stillen Mehrheit” zur “Diktatur der stillen Masse”

Die meisten schwiegen. Auch jetzt schweigen die meisten. Politiker verweisen oft auf die „stille Mehrheit“, die sie immer als ihren natürlichen Verbündeten heranziehen. Seltsam wie die stille Mehrheit immer diejenigen unterstützt, die sie heraufbeschwören. Am besten bekannt für diese Methode war Richard Nixon. Wie ein böser Alchemist beschwor Nixon die stille Mehrheit, um sich gegen die zunehmend negative Berichterstattung über Vietnam in den Medien zu schützen.

Wenn wir den Gedanken der stillen Mehrheit akzeptieren, dann sehen wir, was diese Gruppe vereint: sie sind nicht eindeutig einer der beiden Extreme zuzuordnen. Obwohl sie die größte Gruppe darstellen, sind sie diejenige, von der man am wenigsten hört.

Warum schweigt die Mehrheit? Weil sie nichts zu sagen haben? Weil sie nicht verstehen? Weil es ihnen egal ist? Weil sie Angst haben? Weil sie schüchtern sind? Weil sie auf ihre Art und Weise versuchen mit der neuen Situation umzugehen? Weil, weil, weil? Aus welchen Gründen auch immer – diese Gruppe entscheidet letztendlich, was in Japan passieren wird. Und die Machthaber verstehen das nur zu gut.

Wäre dies ein Hollywood-Film, würde die stille Mehrheit gemeinsam eine Stimme finden und das Schweigen hinter sich lassen, sich erheben. Es ist ein tolles Leben, das Gute siegt, Happy End. Aber diese Filmversion setzt voraus, dass die stille Mehrheit eine einzelne, gemeinsame Stimme hat. Darüber hinaus nimmt sie an, dass diese Stimme das Echo meiner Stimme ist. Es ist wie in Nazi-Deutschland, als die Mehrheit der Bevölkerung beschloss, zu schweigen und sich somit auf eine Art und Weise zu verhalten, die heute schwer nachzuvollziehen ist.

Der Stille können wir lauschen, aber Strahlung können wir nicht sehen. Es ist vermutlich einfach sich einzureden, dass radioaktive Strahlung gar kein großes Problem darstellt, wenn uns lächelnde Männer in weißen Kitteln wie Professor Yamashita das erklären. Sicherlich wollen Leute das glauben. Und hier finden wir unseren vierten der apokalyptischen Reiter. Geisterhaft weiß, nahezu unsichtbar.

Wir sollten uns nicht einreden, dass die stille Mehrheit eine geeinte Stimme finden, sich erheben und TEPCO sowie die Regierung aus der Stadt verjagen wird. Das würde nämlich voraussetzen, dass die Mehrheit die Ausmusterung von Atomreaktoren unterstützen würde. Und ich bezweifele, dass das der Fall ist. Ich frage mich, ob die Menschen bereit sind, den wirtschaftlichen Preis für diese Entscheidung zu bezahlen. Es bricht mir das Herz, wenn ich mir vorstelle, dass viele Menschen bereits die Zukunft für sich und ihre Kinder aufgegeben haben und nur noch das Beste aus dem Heute, dem new normal, machen wollen.

Gegen den Alltag anlaufen? Mit dem Alltag mitlaufen?

Es ist nicht der Kampf des reinen Guten gegen das absolut Böse. Nicht der Kampf derjenigen, die weinen gegen die, die lachen. Der Kampf ist für die Herzen und Köpfe derer, die stumm bleiben. Die Regierung hat das verstanden, auch wenn sie tollpatschig mit diesem Wissen umgeht.

Die Berichterstattung über den regionalen Frauen-„Ekiden“ in Fukushima Stadt hat kürzlich meine Aufmerksamkeit erregt. Ein „Ekiden“ ist ein Staffellanglauf, in dem die Teams die volle Marathondistanz von 42 Kilometer über mehrere Stationen auf offener Straße absolvieren. Die Mehrheit der Läufer sind junge Frauen. Sie laufen in Shorts und ärmellosen Shirts, natürlich ohne Schutzmasken. Im letzten Jahr war die jüngste Läuferin 13 Jahre alt. Die Strahlung, der sie während dieses Laufs ausgesetzt sind, ist stärker als in der Strahlungskontrollzone einer Atomkraftanlage.

Ich verstehe, warum die Sponsoren, die Regierung und örtliche Behörden diesen Lauf durchführen wollen. Es ist ein kraftvolles Symbol für die Wiederaufnahme des täglichen Lebens und dafür, dass das japanische Volk die Herausforderungen zusammen angeht. Solche Symbole sind bedeutend. Unter den Teilnehmern und Zuschauern gleichermaßen werden die Tränen fließen, ehrliche Tränen, die von Herzen kommen. Tränen, die eine Nation bewegen. Tränen, die neue Mythologien hervorbringen.

Es ist allerdings schwierig für mich, das Verhalten von Eltern zu verstehen, welche ihre Kinder zur Teilnahme am Staffellauf schicken. Jedes Elternteil hat eine aktive Entscheidung getroffen und zweifellos hat jeder verschiedene Gründe.

Lassen sie ihre Kinder laufen, um national ihre Solidarität mit den Menschen in den betroffenen Gebieten zu bekunden? Machen sie es für den eigenen Ruhm, weil sie glauben wollen die Strahlung ist kein Problem? Oder weil sie vielleicht wirklich glauben, dass es kein Problem ist? Oder haben sie vielleicht schon die Zukunft ihrer Kinder aufgegeben und wollen einfache Freuden wie diese nicht missen? Das ist es, was ich versuche zu verstehen. Aber auch wenn ich es verstehe, weiß ich doch, dass ich nicht wissen kann, wie ich mich verhalten würde, wenn etwas Vergleichbares in meinem Alltag passiert.

Dass Strahlung unsichtbar ist, macht diese Situation so heimtückisch, diesen neuen vierten Reiter. Vor den meisten anderen Problemen unserer Welt müssen wir regelrecht die Augen verschließen, um sie nicht zu sehen. Bei radioaktiver Strahlung brauchen wir nicht einmal unsere Augen zu verschließen. Wenn wir die Mädchen in Fukushima laufen sehen, wie sie lachen, einander gratulieren, Tränen der Freude vergießen, können wir vielleicht wirklich daran glauben, dass alles gut ist. Wir werden zu passiven Gläubigen der Versicherungen durch die Regierung, stille Teilhaber an der Entstehung einer neuen Mythologie.

Das ist auch heimtückisch. Aber neben der Möglichkeit zur passiven Akzeptanz bietet dieses Ereignis auch die Wahl eines passiven Widerstands. Demonstrationen wie die vom 19. September 2011 sind notwendig, aber auch leicht von der Regierung vorherzusehen. Sie kann dann die Anti-Atomlobby einfach als „unrealistischen Träumer“ diffamieren, obwohl auch diese Regierung wie jede andere eine Opposition braucht.

Die Regierung konzentriert sich stattdessen auf die Wähler, die sie überzeugen müssen: die stille Mehrheit, die nicht zwingend gewillt ist, auf die ökonomischen Vorteile, die eine Atomindustrie bringt, zu verzichten. Vielleicht hat auch die stille Mehrheit bereits aufgegeben.

Totalitarismus mit Menschlichkeit begegnen

Ich habe meine Ausführungen mit einem Verweis auf das faschistische Deutschland begonnen, einem Regime, das letztendlich an seinen selbst entfachten Fronten im Zweiten Weltkrieg zu Grunde ging. Aber im aktuellen Kontext bietet eine andere Form des Totalitarismus eine optimistischere Analogie.

Wenige, die in den 1970er und 1980er Jahren aufgewachsen sind, konnten den plötzlichen Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus vorhersehen. Aber das schnelle Ende kam, das System implodierte. Die Vorhersage von Joseph Beuys war richtig, Lachen brachte die Berliner Mauer zu Fall. Die Bevölkerungen, diese stille Mehrheit von ganz Mitteleuropa, hatte es schlussendlich satt, belogen zu werden. Als das passierte, wussten die Politiker, dass ihre Zeit abgelaufen war. Sie packten ihre Taschen und verließen die Stadt.

Ich glaube, dass die Reaktion, die nötig ist, um die Regierung konsternieren zu lassen, eine massenhafte Weigerung von Eltern ist, ihre Kinder beim „Ekiden“ antreten zu lassen. Oder aber dabei Schutzmasken zu tragen, die symbolisch den Mythos der Rückkehr zur Normalität – den die Regierung sich so sehr wünscht – zerstören würden. Wenn das passieren würde, einmal und dann wieder, immer wieder, so wie es in Osteuropa vor zwei Jahrzehnten geschah, dann hätten auch TEPCO und die Regierung keine andere Wahl, als ihre Taschen zu packen und die Stadt zu verlassen.

Ob das tatsächlich passieren kann? Ich weiß es nicht. Denn ich kann das Schweigen der Mehrheit nicht verstehen. Es gibt momentan mehr Fragen als Antworten. Schweigen lässt keine einfachen Schlussfolgerungen zu.

Anm.d.Red.: Der Beitrag erscheint als Einstimmung auf die “Berliner Gazette”-Konferenz Learning from Fukushima. Anne-Christin Mook hat den Text ins Deutsche übersetzt. Die englischsprachige Originalfassung ist bei Senrinomichi erschienen. Der Verfasser des Beitrags gründete dieses Online-Portal zur Unterstützung der Opfer der Dreifach-Katastrophe, die Japan am 11. März getroffen hat. Neben der Bereitstellung eines Forums für den Informationsaustausch, hat Senrinomichi eine mehrsprachige Übersetzung von Haruki Murakamis Catalunya-Preis-Rede organisiert und koordiniert die französischsprachige Petition für Kenzaburo Oes “Sayonara Nukes Organisation”.

6 Kommentare zu “Stimmen ohne Stimme: Herrscht in Japan eine Diktatur der schweigenden Masse?

  1. das Video is ser beunruhend und die ideen des autors fühlen mich in eine sehr nachdenkliche stimmung, ich muss jetzt denken

  2. “Alles, was wir jetzt sagen, kann uns weggenommen werden – alles, nur nicht unser Schweigen. Dieses Schweigen, diese Verweigerung des Dialogs, aller Formen des Clinchens, ist unser ‘Terror’ – bedrohlich und gefährlich, ganz so, wie es sein muss.”

    sagt der Philosoph Slavoij Zizek.

    http://www.sueddeutsche.de/

  3. der Kontext ist freilich ein anderer….

    die Occupy-Bewegung, die in NYC startete…

    …wie der Perlentaucher zusammenfasst:

    “Was tun?”, fragt Slavoj Zizek sich und die Occupy-Bewegung in Lenin’scher Manier und verteilt sogleich Ratschläge. Vor allem sei es “wichtig, sich vom pragmatischen Feld der Verhandlungen und der ‘realistischen’ Vorschläge fernzuhalten. Man sollte immer daran denken, dass jede im Hier und Jetzt geführte Debatte notwendigerweise immer eine Debatte auf feindlichem Gebiet bleiben muss: Es braucht Zeit, die neuen Inhalte in Stellung zu bringen.

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