• Auf der Suche nach neuen Waffen: Überwachung, Commons und die Kultur der Digitalität

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    Digitalität – das meint nicht nur Computer, Smartphone oder Internet. Digitalität ist mehr, greift in alle Lebensbereiche ein, ist kennzeichnend für eine Epoche. Momentan wird die Kultur der Digitalität maßgeblich von Playern wie Facebook geprägt. Hat die Zivilgesellschaft ausgedient oder muss sie nach neuen Waffen suchen? Internet-Theoretiker und Berliner Gazette-Autor Felix Stalder begibt sich auf die Suche nach Antworten. Ein Essay.

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    In den 1990er Jahren entstanden eine Vielzahl kultureller Nischen, die durch die direkte und bewusste Auseinandersetzung mit neuen Technologien geprägt waren. Im Zentrum des Interesses stand die Vielfalt und die Andersartigkeit, weshalb man auch immer darauf achtete über digitale Kulturen im Plural zu sprechen.

    In meiner Arbeit spreche ich nun von der Kultur der Digitalität im Singular. Damit will ich darauf hinweisen, dass es etwas Gemeinsames gibt. Etwas, das alle diese Phänomene, die sich seit den 1990er Jahren ja nochmals massiv ausgebreitet haben und heute den Mainstream bilden, durch gewisse Strukturmerkmale verbindet.

    Drei Merkmale einer Kultur der Digitalität

    Drei solcher allegmeinen, übergreifenden Formen sind besonders deutlich erkennbar. Erstens: „Referentialität“, also die Nutzung bestehenden kulturellen Materials für die eigene Produktion. Referentialität ist eine zentrale Eigenschaft vieler Verfahren, mit denen sich Menschen in kulturelle Prozesse einschreiben. Im Kontext einer nicht zu überblickenden Masse von instabilen und bedeutungsoffenen Bezugspunkten werden Auswählen und Zusammenführen zu basalen Akten der Bedeutungsproduktion und Selbstkonstitution.

    „Gemeinschaftlichkeit“ ist die zweite Eigenschaft, die diese Prozesse kennzeichnet. Nur über einen kollektiv getragenen Referenzrahmen können Bedeutungen stabilisiert, Handlungsoptionen generiert und Ressourcen zugänglich gemacht werden. Dabei entstehen gemeinschaftliche Formationen, die selbstbezogene Welten hervorbringen, die unterschiedliche Dimensionen der Existenz – von ästhetischen Präferenzen bis zu Methoden der biologischen Reproduktion und den Rhythmen von Raum und Zeit – modulieren. In ihnen wirken Dynamiken der Netzwerkmacht, die Freiwilligkeit und Zwang, Autonomie und Fremdbestimmung in neuer Weise konfigurieren.

    Die dritte Eigenschaft der neuen kulturellen Landschaft ist ihre „Algorithmizität“, das heißt, sie ist geprägt durch automatisierte Entscheidungsverfahren, die den Informationsüberfluss so weit reduzieren und formen, dass sich aus den von Maschinen produzierten Datenmengen Informationen gewinnen lassen, die der menschlichen Wahrnehmung zugänglich sind und zu Grundlagen des singulären und gemeinschaftlichen Handelns werden können.

    Diese Merkmale bilden heute ein kohärentes ganzes, dessen Konturen man recht gut beschreiben kann. Nicht trotz, sondern wegen der Fragmentiertheit der Kultur, der Abwesenheit einer klaren, für alle verbindlichen Ordnung, denn genau dies ist eines der Merkmale der Kultur der Digitalität. Das ist kein Widerspruch, denn das Gemeinsame ist strukturell und formal, es betrifft das „wie“. Die Inhalte des Machens – das „was“ und „warum“ – sind so vielfältig wie eh und je.

    Zeitalter der Post-Digitalität?

    Für mich sind Medien Technologien der Relationalität, das heißt sie erleichtern es, bestimmte Arten von Verbindungen zwischen Menschen und zu Objekten zu schaffen. „Digitalität“ bezeichnet damit jenes Set von Relationen, das heute auf Basis der Infrastruktur digitaler Netzwerke in Produktion, Nutzung und Transformation materieller und immaterieller Güter sowie in der Konstitution und Koordination persönlichen und kollektiven Handelns realisiert wird.

    Damit soll weniger die Dominanz einer bestimmten Klasse technologischer Artefakte, etwa Computer, ins Zentrum gerückt werden und noch viel weniger soll das „Digitale“ vom „Analogen“, das „Immaterielle“ vom „Materiellen“ abgegrenzt werden. Auch unter den Bedingungen der Digitalität verschwindet das Analoge nicht, sondern wird neu be- und teilweise sogar aufgewertet.

    Damit rückt meine Konzeption der Digitalität in die Nähe des Begriffs des „Post-Digitalen“, wie er in kritischen Medienkulturen seit einigen Jahren vermehrt verwendet wird. Auch hier wird die Unterscheidung zwischen „neuen“ und „alten“ Medien und der ganze mit ihr verbundene ideologische Ballast, etwa dass das Neue die Zukunft und das Alte die Vergangenheit repräsentiere, abgelehnt.

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    Die ästhetischen Projektionen – Immaterialität, Perfektion und Virtualität –, die nach wie vor das Bild des „Digitalen“ bestimmen, werden ebenso verworfen. Es ist vor allem in Bezug auf diese techno-utopische Ästhetik und die mit ihr verbundenen ökonomischen und politischen Perspektiven, dass sich „post-digital“ kritisch positioniert.

    Präsenz der Digitalität – jenseits des Digitalen

    Für eine breitere Analyse ist der Begriff des Post-Digitalen jedoch problematisch, denn er braucht den engen Kontext der Medienkunst und deren Technikfixierung, um als Gegenposition lesbar zu werden. Ohne diesen Kontext sind Missverständnisse nicht zu vermeiden, das Präfix post- wird oft in dem Sinne gelesen, dass etwas vorbei sei oder dass man zumindest nun verstanden habe, worum es geht und sich Neuerem zuwenden könne.

    Das Gegenteil trifft zu. Die meisten langfristig relevanten Entwicklungen nehmen erst jetzt konkrete Form an, nachdem sich digitale Infrastrukturen und die durch diese in den Mainstream gebrachten Praktiken im Alltag breit gemacht haben.

    Denn erst heute, wo die Faszination für die Technologie abgeflaut ist und ihre Versprechungen hohl klingen, wird die Kultur und Gesellschaft in einem umfassenden Sinne durch Digitalität geprägt. Vorher galt dies nur für bestimmte, abgrenzbare Bereiche. Diese Hybridisierung und Verfestigung des Digitalen, die Präsenz der Digitalität jenseits der digitalen Medien, verleiht der Kultur der Digitalität ihre Dominanz.

    Heute in einem allgemeinen Sinn von „Post-Digitalität“ zu sprechen, ist, als würden wir das 17. Jahrhundert als „Post-Print“ bezeichnen, nur weil sich die Werte der Buchkultur allgemein zu verbreiten begannen und nicht mehr auf einen kleinen Kreis von Gelehrten beschränkt waren.

    Was passiert mit digitalen Subkulturen, wenn das Digitale Mainstream wird?

    Wenn Digitalität zur dominanten Kultur wird, dann verändert sich das Feld und die Wahrnehmung bestimmter Akteure. Nehmen wir Hacker, im engeren Sinn von Computerhacker. Sie sind diejenigen, die am besten die infrastrukturellen Bedingungen verstehen und diese auch noch am besten verändern können.

    Ich halte es allerdings für einen fatalen Fehler, dass die unzweifelhafte Kompetenz auf einem Gebiet – des technischen Machens – als privilegierter Zugang zur Realität verstanden wird. Vielfach beruhen komplexe technische Systeme auf trivialen anthroplogischen bwz. sozilogischen Annahmen, was sehr problematisch ist.

    Hacker im weiteren Sinne, also Menschen, die komplexe Systeme so umkonfigurien können, dass sie für etwas eingesetzt werden können, das nicht im Sinne der Erfinder ist, sind heute notwendiger denn je. Wir sind in immer mehr Situation mit Systemen konfrontiert, die wir nicht einfach verlassen können, die aber dringend dazu gebracht werden müssen, Dinge zu tun, die ihre Schöpfer nicht intendierten. Denn wenn weiter alles nach Plan funktioniert, dann werden die sozialen und ökologischen Probleme nur zunehmen.

    Kultur der Digitalität und die Kontrollgesellschaft

    Deleuze spricht in „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ davon, dass „weder zur Furcht noch zur Hoffnung Grund (bestehe), sondern nur dazu, neue Waffen zu suchen.“ Mit anderen Worten, das Spiel hat sich verändert, die Kämpfe bleiben. Was heißt das aber: „neue Waffen suchen?“ Das heißt, wir müssen uns Werkzeuge suchen, die auf der Höhe der Zeit sind, damit die Seite, die „wir“ favorisieren in der Auseinandersetzung mit den Gegnern, die auch nicht dumm sind, sondern selbst auf der Höhe der Zeit agieren, überhaupt bestehen kann.

    Als Gesellschaft ist es dringend notwendig ein höheres Maß an Komplexität in den Griff zu bekommen, wenn wir die vielen Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind, angehen wollen. Facebook und die NSA machen das bereits sehr erfolgereich, wenn auch – in meinen Augen – mit sozial katastrophalen Folgen. Wenn wir aber deren „Lösungen“ etwas entgegensetzen wollen, dann auch etwas, das auf der Höhe der Zeit ist.

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    Die Renaissance des Begriffs – und der Praxis! – der Commons ist so ein Phänomen, wie auf der Basis dieser technologischen Kapazitäten gesellschaftliche Modelle entwickelt werden, die nicht auf Überwachung und Ausbeutung beruhen. Das müssen wir aber selbst machen. Der „Überwachungskapitalismus“ (Zuboff) wird das nicht für uns bereitstellen. Und das wird nicht ohne Kämpfe gehen, womit wir wieder bei den Notwendigkeit der richtigen Waffen wären.

    Und jetzt?

    Wir befinden uns mitten in einem historischen Wandel, der sich in den Grundzügen weder steuern noch aufhalten lässt. Die Gutenberg Galaxis ist zu Ende. Wenn man bedenkt, dass diese nicht nur Aufklärung und technischen Fortschritt, sondern auch die Kolonialisierung, den Holocaust und den Klimawandel hervorgebracht hat, dann kann man dieses Ende nicht nur rein negativ sehen.

    Man sollte sich aber fragen, welche Werte einem besonders wichtig sind, und wie man diese unter veränderten Voraussetzungen weiterentwickeln und stärken kann. Dabei darf man aber nicht an den Formen festhalten, sondern muss ich auf die Inhalte konzentrieren.

    Was heißt etwa „Demokratie“ wenn wir sie nicht an Formen der Partizipation, die im wesentlichen aus dem 18 Jahrundert stammen (Wahlen, alle 4 Jahre) festmachen? Wie sähen zeitgemäße Formen aus? Das ist eine Generationenaufgabe, aber klar ist, dass sich der kollektive Wille nicht nur in Form eines Kreuzes auf einen Stück Papier artikulieren kann.

    Anm. d. Red.: Der Beitrag basiert auf einem Interview, das die Redaktion mit dem Autor geführt hat. Ausgangspunkt hierfür war Stalders jüngst erschienenes Buch Kultur der Digitalität. Die Fotos stammen von Magdalena Roeseler und stehen unter der Creative Commons Lizenz cc by 2.0.


2 Kommentare zu Auf der Suche nach neuen Waffen: Überwachung, Commons und die Kultur der Digitalität

  • willi uebelherr am 15.07.2016 04:41
    Liebe Freunde,

    dieser Artikel fordert mich wirklich heraus. Kurz: ein fuerchterlicher Text, in dem alles wichtige mit dem vielen unwichtigen zusammengeruehrt wird.

    Dass das Ende so flau ausfaellt, zeigt, dass dem Autor jegliche Perspektive fehlt.

    Wenn er schreibt: "Die Gutenberg Galaxis ist zu Ende" dann antworte ich, sie hat noch nicht mal richtig angefangen. Es verhaelt sich wie mit der Aufklaerung.

    Kultur der Digitalitaet? Was fuer ein Unsinn. Nur aus der Tatsache, dass wir heute die Daten in digitaler Form verwenden, entsteht noch keine Kultur. Und dass in dieser Form die Dataen ueber die Zeit einfachst gespeichert werden koennen, entsteht auch noch keine Kultur.

    Die Kultur entsteht erst im Zusammenhang, wie wir diese unsere Moeglichkeiten nutzen und damit unsere Relationen veraendern.

    Aber wenn wir genauer hinschauen, dann hat sich da nicht viel veraendert trotz der Moeglichkeiten. Die Texte, die jemals geschrieben wurden, sind immer noch nicht frei zugaenglich. Das Wissen, das von all den vielen in unserer Geschichte erarbeitet wurde, ist immer noch nicht allgemein und frei verfuegbar. Die Moeglichkeiten, die technischen Systeme selbst zu definieren und selbst herzustellen, sind immer noch nicht gegeben.

    Wir haben also eine Kultur des Mangels. Nach wie vor. Und gemessen an den Moeglichkeiten deutlich mehr wie jemals zuvor.

    Wir haben eine Kultur des getrieben sein, des konsumierens, der verflachung, der quantitativen Ausweitung, ohne qualitativ mit der Gechichte mithalten zu koennen.

    Auch der Autor ist Mitglied dieser vermehrten Oberflaechlichkeit. Und mit "Internet-Theoretiker", was das nun sein soll, hat er wirklich nichts zu tun. Weder mit Internet, noch mit Theorie.

    Wenn wir keine Perspektiven haben, keine Visionen, dann verfallen wir der Beliebigkeit, vielleicht auch des Zufalls, was einem gerade einfaellt.

    Und wenn es dann um Demokratie geht? Ich weiss nicht, ob er sich jemals Gedanken gemacht hat, was das eigentlich sein soll. Zwischen Participation und Selbstbestimmung gibt es einen grossen Unterschied. Unabhaengig und autonom agieren zu koennen oder als Anhaengsel in der repraesentativen Republik. Das waere doch mal ein Thema fuer Felix Stalder, um sein Denken "auf die Hoehe der Zeit" zu bringen.

    mit lieben gruessen, willi
    Manaus, Brasil
  • Jacob am 18.07.2016 15:02
    Vielen Dank für den Beitrag. Ich bin 2000 geboren und für mich ist das Digitale überall. Wenn ich lerne, wenn ich mit Freunden kommuniziere, wenn ich einkaufe, immer.
    Daher kann ich den Ansatz von Herrn Stalder sehr gut nachvollziehen. Wir stehen erst am Beginn, diese neue Epoche zu verstehen.
    Die Kritik meines Vorredners kann ich nicht nachvollziehen. Es ist doch nicht so, dass wir einfach nur Daten in digitaler Form verwenden. Finden wir denn im Netz eine Kopie der "analogen" Welt vor? Hat nicht die E-Mail grundlegend verändert, wie wir arbeiten (zumindest meint mein Vater das, der mir gerade über die Schulter schaut).
    Sie sprechen den Vorwurf aus, der Autor sei ein "Mitglied dieser vermehrten Oberflaechlichkeit" (man kann dort Mitglied werden? Wie bei den Rotariern?) - doch in ihrer Argumentation verspüre ich eben jene Oberflächlichkeit.

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