• Digitales Spiegelkabinett: Unsere gestörte Beziehung zum Internet ist reif für eine Kur

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    Seit den Enthüllungen von Edward Snowden ist unsere Beziehung zum Internet gestörter denn je. Dennoch, obwohl wir um die Probleme wissen, geben wir weiterhin munter unsere Daten weiter. Kulturwissenschaftlerin und Berliner Gazette-Autorin Mercedes Bunz schlägt eine Kur vor.

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    Das Aufdecken digitaler Abhörskandale, erspähter Datenlöcher und verlorener Passwörter will nicht enden. Seitdem Whistleblower Edward Snowden derartige Internet-Enthüllungen in Gang brachte, setzt sich der Schrecken fort. Selbst unter den Freunden des Digitalen herrscht “Katerstimmung”. Aber ist es wirklich das Internet, welches uns Kopfschmerzen bereitet?

    Tritt man einen Schritt zurück, stellt man fest: Regierungen verlieren im Internet ihre guten Manieren. Naiv haben sie sich im Netz wie Menschen verhalten, die nicht mit dem Internet groß geworden sind und den magischen Trick des Digitalen nicht verstehen: Alles im Internet hinterlässt Spuren, alles Digitale kann schnell vervielfältigt und im Handumdrehen publiziert werden – auch Präsentationen, auf denen zu sehen ist, wie Regierungen planen, in unsere Privatsphäre einzudringen.

    Wir brauchen eine Kur

    Doch im Grunde sitzt unser Problem noch tiefer: Wir kommen mit Technologie an sich nicht klar, wir haben zur Technik kein gutes Verhältnis. Wir wollen nichts von ihr. Gerade aber weil sie heute allgegenwärtig ist, ist es Zeit zu lernen, dieses Ding, das sich bei uns eingenistet hat – Digitalisierung – besser zu verstehen.

    Das piepsende, gleichgültig vor sich hin laufende, störrisch nicht ausdruckende, in E-Mails herumschnüffelnde, alles wissende, sich ständig verändernde und gut vernetzte Ding, welches wir hereingebeten haben und das wir tagtäglich nutzen, um unsere Gesellschaft zu gestalten. Ist es im NSA-Skandal wirklich die Technologie, die uns bitter enttäuscht hat? Es scheint, dass unsere Beziehung zur Technik nachhaltig gestört ist. Wir brauchen eine Kur.

    Das Interessante ist: Obwohl von unserer Verbitterung überall zu lesen und zu hören ist, wenden wir uns von dem Ding nicht ab. Es ist nicht so, dass wir das Internet in Scharen verlassen. Im Gegenteil. Die meisten von uns nutzen weiterhin all jene Dienste, von denen wir genau wissen, dass sie unsere Daten weitergegeben hatten: Yahoo, Google, Skype, Microsoft oder Apple.

    Alles braucht Regeln

    Statt das Internet zu tadeln, sollten wir also vielmehr in unseren viel zu hohen und falschen Erwartungen die Schuld suchen: Wir haben zugelassen, dass das Internet als Kind der New Economy großgezogen und gemolken wurde. Politische oder gesellschaftliche Fragen blieben außen vor.

    Es ging uns gut damit, uns zurückzulehnen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Ein Automatismus, der Demokratie oder Anarchie per Technik versprach – das wollten wir. Bloß keine Regulierungen. Technologie ist jedoch ein Produkt der Gesellschaft und jede Gesellschaft braucht Regeln. Menschen – das kann man jeden Tag im Bus oder am Arbeitsplatz studieren – wissen sich nicht zu benehmen. Wir sind keine Engel. Wenn man uns die Möglichkeit lässt, eine Technologie zu missbrauchen, werden wir es tun. Deshalb brauchen wir Benimmregeln für das, was technisch möglich ist.

    “Regulierung” ist allerdings ein Wort, das Unbehagen auslöst. Es klingt, als würde man offene Möglichkeiten beschneiden. Es fühlt sich an, als würden wir bevormundet. Umso mehr, da wir aus einer Zeit kommen, in welcher der Ruf nach mehr Ordnung eine Sache der Konservativen war. Fortschrittliche, linksgerichtete Menschen waren für Kreativität und gegen Ordnung. Augenblicklich erleben wir jedoch gerade, wie außerordentlich nützlich Kreativität für neoliberalistische Macht ist. Da muss sich niemand wundern, wenn plötzlich alle für mehr Regeln plädieren.

    Zum Menschsein gehört das Träumen und Wünschen

    Kann man das Internet überhaupt regulieren? Oder nehmen wir das nur an, weil wir die Rolle der Technologie tendenziell falsch verstehen? Wir pflegen zur Technologie eine Beziehung, in der wir Extreme erwarten: entweder nur das Beste oder nur das Schlechteste. Es gibt ein Gebiet, von dem man lernen kann, dass es auch anders geht mit der Technik. In dem man einen reifen und selbstbewussten, ja geradezu erwachsenen Umgang mit Technologie feststellen kann. Das ist der Sport.

    Im Sport studieren wir neue Technologien und wägen ihre Auswirkungen ab. Wir erwarten von einer technischen Neuerung, dass sie etwas schneller oder langsamer macht. Doch wir glauben nicht, dass sie das ganze Spiel beherrschen oder ruinieren wird. Wir probieren zum Beispiel neues Material bei Schwimmanzügen aus, verändern Rasenqualitäten, arbeiten mit leichteren Fahrradrahmen oder Rennautoantrieben und entscheiden dann, ob sie dem Spiel und sportlichen Wettkampf dienen oder für Sportler oder Zuschauer gefährlich sein könnten.

    Natürlich vollzieht sich eine solche Entscheidungsfindung nicht ohne Auseinandersetzungen. Aber es wird eben nicht nur in Extremen gedacht. Zum Menschsein gehört das Träumen und Wünschen, das Hoffen und Planen sowie das Auf-den-Kopf-Stellen. Und genau für diesen Teil unseres Menschseins reicht uns die Technologie immer wieder die Hand.

    Hybrid oder Cyborg

    Ihr wohnt ein utopisches Moment inne, das gleichzeitig etwas Bedrohliches birgt, denn jede Technologie hat ihre eigene Logik: Man kann technologische Entwicklung nicht vorhersagen. Immer wieder entstehen neue, von uns nicht bedachte Möglichkeiten. Aber auch wenn eine Technologie ihrer eigenen Logik folgt, wird sie immer noch von Menschen gemacht. Sie ist Hybrid oder Cyborg. Deshalb kann sie von uns beeinflusst werden, nicht nur in ihrer Entwicklung, sondern auch in ihrem Gebrauch. Wir sollten uns glücklich schätzen, dass wir sie steuern können, und gleichzeitig froh darüber sein, dass unsere Einflussnahme Grenzen hat.

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    Auf welche Weise technische Möglichkeiten umgesetzt werden, wie also die technische Logik konkret Gesellschaft formt, liegt in unserer Verantwortung. Technik ersetzt nicht Politik, sie ist vielmehr selbst zutiefst politisch. Wie auf dem Gebiet des Sports kann auch in allen anderen Bereichen des Lebens unser Umgang mit Technologie gestaltet werden.

    Anstatt dass wir uns zurücklehnen und denken, dass Technologie in der Hand der Wirtschaft die Dinge für uns handlich, automatisch und menschenfreundlich erledigt, müssen wir von Technologie mehr wollen, als nur unsere Einzelinteressen zu befriedigen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Wir sollten damit beginnen, das Internet für unsere Gesellschaft zu nutzen. Bislang haben wir vor allem entdeckt, wie man das Internet individuell nutzen kann. Doch es kann mehr.

    Das Internet der Dinge

    Ein Beispiel dafür ist das derzeitig im Entstehen begriffene “Internet der Dinge”. Diese neue Entwicklung, mit der Räume und Gegenstände über internetfähige Geräte vernetzt und damit verfolgbar und abfragbar werden, ist für die Wirtschaft ebenso ein Traum wie für Datenschützer ein Problem. Doch wenn wir wollten, könnte diese Technologie weit mehr, als Konsumenten in die Lage zu versetzen, auch aus der Ferne ihre Heizkörper zu Hause zu drosseln.

    Mit dem “Internet der Dinge” kann man Aktivitäten anders verwalten; und Räume, Dinge und sogar Fähigkeiten von Menschen einfacher organisieren und zur Verfügung stellen. Es gibt erste Organisationen, bei denen nicht mehr das Sammeln von Spenden im Vordergrund steht, sondern die direkt die Fähigkeiten, das Wissen und natürlich die Zeit von Menschen sammeln und miteinander
    verbinden.

    Technologie gestaltet Gesellschaft nicht vollautomatisch. Wir haben die Verantwortung, wie sie sich entwickelt, und müssen sie viel bewusster nutzen, als wir es derzeit tun. Wir sollten von uns selbst dringend mehr Einmischung verlangen. Wir sollten neue “Internets” erfinden. Denn wer glaubt, Technologie sei einfach nur praktisch, unterschätzt das Ding.

    Anm.d.Red.: Dieser Beitrag entstand als Vortrag für die internationale Konferenz Einbruch der Dunkelheit. In diesem Kontext sind weitere Beiträge in der Berliner Gazette erschienen, darunter Essays der Referenten Matthew Wolf-Meyer, Christoph Kappes und Alexander Karschnia sowie ein Einleitungstext des Konferenzkurators Krystian Woznicki. Die Konferenz “Einbruch der Dunkelheit. Theorie und Praxis der Selbstermächtigung in Zeiten digitaler Kontrolle” war eine Veranstaltung der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Das Foto stammt von Mario Sixtus und steht unter einer Creative Commons Lizenz. Der Text wurde von Karola Klatt ins Deutsche übersetzt und ist parallel in gedruckter Fassung in dem Magazin Kulturaustausch verfügbar.


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