• Digitales Fanzine? „Es geht um Alternativen zur Alternative.“

    Der bevorstehende Relaunch der Berliner Gazette wird zum Anlass genommen, um die kurze, aber spannende Geschichte des digitalen Mini-Feuilletons im Rahmen der transmediale.02 Revue passieren zu lassen. Das Redaktionsteam stellt sich vor und diskutiert zusammen mit Gerrit Gohlke, dem Leiter des Media Arts Lab im Kuenstlerhaus Bethanien, Strategien der Oeffentlichkeitsbildung im elektronischen Briefformat. Gerrit Gohlke formuliert im Vorfeld ein paar einleitende Gedanken zum Thema.

    Die Geschichte der Alternativpublikationen ist fuer den Kulturbetrieb nicht neu. Im Laufe der 90er Jahre hat sich beispielsweise der Markt fuer Kunstpublikationen radikal veraendert. Aufwendige Publikationen, die sich Hoffnung auf eine Refinanzierung durch die Anzeigen der Kulturindustrie machen koennen, muessen mehr und mehr einen englischsprachigen Markt bedienen. Publikationen mit ideologischer Identitaet darben. Theoriezeitschriften geht es schlecht in der neuen Uneinheitlichkeit.

    Im gleichen Zeitraum aber hat sich ein Feld alternativer Publikationen entwickelt, die eine Zeit lang vor allem unter dem Begriff Fanzine besprochen wurden. Fanzine soll eine Amateurisierung andeuten, mit der die Kulturproduzenten und kritischen Endverbraucher, die Szene in engerem Sinne, ihren Eigenbedarf an kritischer Reflexion decken will. Die Entwicklung hat gute und schlechte Seiten, weil die mangelnde Alimentation derart privatimer Postillen zu einer Deprofessionalisierung der Arbeitsbedingungen fuehrt, sich mit minimaler Auflage aber auch Widerspruch, Gegenpositionen und Debatten minimalisieren.

    Es geht also nicht um eine Attacke auf den etablierten Markt allein, wenn man eine Online-Kulturpublikation bespricht, sondern auch um Alternativen zur Alternative. Die 1999 gegruendete Berliner Gazette, die in den merkwuerdigen Schattenmarkt der Mailinglisten eingedrungen ist, kann als eine solche erfolgreiche Alternative zur Alternative gelten, vielleicht deshalb ist sie auch laengst nicht mehr alternativ.

    Das Impressum der Berliner Gazette gleicht einem Rundgang durch den Berliner Kulturbetrieb. Die Berliner Galeristin findet sich in der Liste der woechentlichen Gastautoren ebenso wie Kuratoren, Kommunikationsdesigner, Medienwissenschaftler, Architekten oder Deutschlands prominentester Hacker-Diplomat. Dass einer der Autoren mit dem Titel Clan-Leader kokettiert, ist nicht das Programm der Berliner Gazette: Sie ist kein Clan-Magazin, sondern kuratiert Positionen des (meist berlinischen) Kultur- und Kunstbetriebs in wechselnder Besetzung.

    Die Selbstaussage der Herausgeber spricht deshalb vom territorial-mentalen Einzugsbereich der Region Berlin. Sie beruft such auf einen gemeinschaftsstiftenden Regionalismus ebenso wie auf Prinzipien der Reduktion. Das altertuemelnde Logo ist seit 1999 mit dem Umriss der Stadt unterlegt. Die Gastkolumnisten sind aufgefordert aus ihrer regional-subjektiven Perspektive zu sprechen. Die Selbstaussage der Autoren wird zum Arbeitsprinzip und wird zur Selbstaussage der Publikation.

    Die Frage an das informelle Mini-Panel ist deshalb, wie entschieden diese Selbsterklaerung einer Kulturproduktionsszene als Gemeinschaftsbildung und als Gegenposition zu einer etablierten Kritik verstanden wird. Die Methode der Berliner Gazette zitiert die Selbsterklaerungen des Fanzine-Prinzips und bricht sie durch lenkende Kuratel auf. Sie administriert Positionen, die von Interesse sind, ohne sich auf eine Position der Kritik festzulegen. Ist dies Fatalismus in einem Pluralismus der Positionen? Ist es ein Prinzip publizistischer Kritik gegenueber der Debatteninszenierung in den Haupt- und Staatsfeuilletons? Wird eine kulturelle Community so simuliert oder erst gebildet?

    Anm.d.Red.: Das von Gerrit Gohlke moderierte Panel „Public Feuilleton“ findet am 06. Februar 2002 um 19 Uhr im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee (Cafe Global), statt.


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