• Digitaler Dreck aus Berlin: „Das ist auch nicht tot zu kriegen, dieses Netzunkraut!“

    „Das ist auch nicht tot zu kriegen, dieses Netzunkraut!“ sagt Pit Schultz mit Blick auf das Vermächtnis seiner Generation. Anfang der 1990er Jahre hat Schultz zusammen mit dem Medientheoretiker Geert Lovink das Genre der Netzkritik begründet und hierzu zahlreiche, teils sehr einflußreiche Schriften veröffentlicht. Als Medienaktivist der ersten Internet-Jahre hat er die internationale Mailingliste nettime und das Berliner Technologielabor bootlab gegründet, später zahlreiche netzbasierte Radios. Berliner Gazette-Autor Clemens Apprich sprach mit ihm über die vergessene Zukunft.

    Clemens Apprich: Wo siehst Du – am Beispiel von Berlin betrachtet – die Herkünfte der Netzkulturen?

    Pit Schultz: Ein wichtiger Aspekt war mit Sicherheit die Computer- und Hackerkultur. Als sich die Homecomputer Ende der 1980er zu vernetzen begannen, entstanden auch in Deutschland die ersten Mailbox-Systeme. In Westberlin gab es zusätzlich noch eine Art Flatrate, die von den Alliierten finanziert wurde und über die man mit einem Anruf 24 Stunden online gehen konnte. Dadurch gab es dann alleine in Berlin so um die 200 Mailboxen! Das war schon interessant, weil hier eine Keimzelle der Netzkultur aus einer lokalen Situation heraus entstanden ist.

    Das war eine sehr schnelle und wilde Zeit, wo sich die Sachen teilweise galoppierend entwickelt haben: Ressourcen waren ja quasi frei verfügbar, Baumaterial konnte man sich überall organisieren; Metall, Holz – das alles lag umsonst auf der Straße herum! Es gab auch Raum ohne Ende und Squatter haben die Räume dann für Kulturprojekte und natürlich auch für die berühmten Warehouse-Partys benutzt. Das war alles sehr elektronisch und digital, überall lagen Kabel herum und man musste noch alles selbst zusammenschrauben. Da war Musik ein ganz wichtiger Teil des Ganzen, und Techno war, wie in Detroit ja auch, von einem Industrial-Gedanken getragen. Ein Umstand, der in Berlin sofort auf fruchtbaren Boden fiel. Das war quasi die Vorwegnahme des Mauerfalls: Der Soundtrack war schon da, und das Medium war auch schon da!

    Wie ging es dann nach dem Fall der Mauer weiter?

    Pit Schultz: Im Mai 1990 gründeten wir Botschaft e.V., das war eine interdisziplinär arbeitende Gruppe von ca. 13 Leuten. Durch den Mauerfall eröffneten sich viele Freiräume im Ostteil der Stadt: Im Sommer 1990 haben wir dann die Räume im WMF-Haus besetzt und ab 1991 arbeitete Botschaft in der Kronenstraße 3 in Berlin-Mitte. Das war schon eine lustige Mischung: Unten war der „Friseur“, eine Bar, die früher ein Friseurladen war, und vorne war noch ein Brasilianer, der hieß einfach der Brasilianer; da gab es dann Caipirinhas, was ja später zu dem Drink der 1990er werden sollte. Und dann gab es da noch die räumliche und inhaltliche Nähe zum Elektro Music Department, also einem der wichtigen Klubs, wo Minimal-Techno das erste Mal Deutschland so richtig erwischt hat; nämlich in den After-Hours, nachdem die Leute aus dem Tresor kamen.

    Das Internet hat da natürlich auch eine große Rolle gespielt: Da war Streaming eine wichtige Geschichte, dass man diese Ereignisse ans Netz übertragen konnte. So hat das mit Klubnetz begonnen, wo sieben Klubs in Berlin mit Terminals ausgestattet wurden und von wo aus man an einem grünen Monitor in die Welt hinaus-chatten konnte. Das wurde auch wirklich viel genutzt, sodass sich dann eine Community von mehreren tausend Leuten gebildet hat, die mittels Chat kommuniziert und die aufgezeichneten Sachen per Stream weiter verteilt haben. Die Qualität war da noch so schlecht, dass Copyrightfragen nicht so dringend waren.

    Welche Rolle spielte dieses Umfeld bei der Gründung von nettime?

    Pit Schultz: In der Anfangsphase der Netzkultur ging es ja viel um den DIY-Aspekt der frühen 1990er Jahre: Da haben wir zum Beispiel das „Electronic Arts Syndrom“ veranstaltet. Das war so eine Art Anti-Ars-Electronica, wo die ganze Hacker-Szene selbst Kunst gemacht hat. Und da haben wir früh gemerkt, dass der Diskurs noch gar nicht so weit ist, dass das Medium im kulturellen Sinn noch gar nicht richtig verstanden wird. So kam auch die Idee mit nettime, also die Frage, ob man das Netz benutzen kann, um soziale Prozesse zu dezentralisieren und selbst zu organisieren.

    Dies geschah nicht zuletzt im Rahmen der Institutionenkritik, die ja damals vor allem im Kunstkontext sehr wichtig war. Die Idee war also, dieses sich pilzartig ausbreitende Netz über alles drüber zu stülpen, Organisationsmodelle auszuprobieren, die eben disziplin- und diskursübergreifend sind. Das lief in Berlin ein paar Jahre auch ganz gut, weil man damals in dieser Art informellen Ökonomie, wo man manchmal Wochen gelebt hat, ohne eine D-Mark auszugeben, ganz gut über die Runden kam. Es gab eine Art Tauschökonomie, die dann im Netz wieder aufgetaucht ist, was dann ganz gut zusammengepasst hat. Wenn du so willst, hat die soziale Vernetzung im Realraum zu den ersten sozialen Medien im Netz geführt. Es war also ein breites Feld und dazwischen war nettime ein wichtiger Knotenpunkt, der einfach auch global war und eine glückliche Entwicklung durchlaufen hat.

    Wie verlief diese Entwicklung?

    Pit Schultz: Begonnen hat alles Anfang 1995 mit einem Vortreffen in Spessart, in der Nähe von Frankfurt am Main. Das verlief allerdings nicht so erfolgreich, da linke Gruppen in Deutschland damals noch nicht bereit waren, mit den neuen Technologien zu arbeiten. Die fanden gerade mal Mailbox-Systeme okay, aber wollten nicht das böse Internet benutzen. Im Juni desselben Jahres gab es dann ein weiteres Treffen im Rahmen der Biennale in Venedig, wo sich eine Gruppe von Theoretiker/innen, Künstler/innen, Journalist/innen und Aktivist/innen (u.a. Geert Lovink, Heath Bunting, Diana McCarty, David Garcia, Vuk Cosic, Nils Röller und Paul Garrin) über Fragen zur kulturellen und politischen Nutzung des Internets austauschen konnte.

    Im KW Institute for Contemporary Art wurde der Diskurs schließlich weitergeführt: Da war oben in dem alten Barocktheater ein ganz schöner Raum, voll gestopft mit so 40 Leuten; jeden Tag kamen mehr und haben sich von morgens bis abends die Köpfe heiß geredet, was jetzt das Internet für Kunst, Kultur, Journalismus, Theorie, Philosophie und linke Bewegung bedeutet. Es wurden dort im Grunde all jene netzkritischen Themen verhandelt, die bei nettime bis heute relevant sind. Dann haben wir im Januar 1996 auf der „Next Five Minutes“-Konferenz in Amsterdam die Mailingliste gegründet, auf der sich nach und nach mehr und mehr Gleichgesinnte zusammengefunden haben. Es ging darum, einen eigenen Kurs im Umgang mit den neuen Technologien einzuschlagen, weil der vorgegebene Diskurs, der vorwiegend dem US-amerikanischen Mythos vom unberührten Cyberspace folgte und vom Magazin Wired vertreten wurde, als entfremdend empfunden wurde.

    Wo stand Public Netbase in diesem Prozess?

    Pit Schultz: Die war für uns natürlich das Tor zu Wien! Die Netzkultur Wiens war einfach Public Netbase. Da gab es natürlich auch Konflikte mit den anderen Initiativen, den berühmten Cyberwar in Wien, weil die Netbase eben das große Mutterschiff war und die anderen wie Hyänen drum herum gestreunt sind. Gut, es gab eine Finanzierung für Public Netbase, die auch als Gegenpol zu dieser ganzen barocken und techno-euphorischen Ars Electronica-Kultur verstanden wurde; im Grunde auch das Bindeglied zur kalifornischen Underground-Szene, also Mondo 2000, und zur Industrial-Kultur, was die Musik angeht.

    Da war so viel Inhalt, da waren so viele Veranstaltungen und das Ganze auf einem international hohen Niveau. Haufenweise Projekte sind dort veröffentlicht worden, wie zum Beispiel das Web-Archiv von Hakim Bey. Das war auch für nettime ein ganz wichtiger Knotenpunkt, weil da viele Texte von Public Netbase oder über nettime in die Public Netbase kamen; jedenfalls gab es da ein interessantes, positives Feedback.

    Worin liegt für Dich die historische Bedeutung dieser frühen Netzinitiativen?

    Pit Schultz: Das ganze „Web 2.0“ ist doch einfach die geläuterte Dotcom-Mafia und Facebook ist auch nur so eine Art AOL 2.0. Im Grunde ist das schon sehr interessant, dass dieselben Prinzipien, die wir in nettime diskutiert haben, dann in die Debatte um soziale Netzwerke mit eingeflossen sind. Also die Kritik an dem Portal, die Notwendigkeit von free content, die Frage der Gift-Economy – das sind alles Strukturprinzipien, die netzkritisch sind und jetzt zu millionenschweren Erfolgsprinzipien wurden.

    Die ganze Idee der Dezentralisierung, von Peer-to-Peer – das sind alles Sachen, die in dieser Kritik bereits angelegt sind. Das heißt, die Idee der Netzkritik ist absolut erfolgreich, aber wir hatten halt nie ausreichend Ressourcen, um auch selbst in die Anwendung zu gehen. Deswegen ist nettime weiterhin das, was es ist, nämlich ein ganz langlebiges Projekt, das eine gesunde Größe hat und auch weiterhin relevante Sachen auf sich akkumuliert. Das geht, glaub ich, noch zehn Jahre so weiter.

    Würdest Du sagen, dass die Netzkritik, die ja im Rahmen von nettime entstanden ist, nach wie vor relevant ist?

    Pit Schultz: Unsere Idee war ja immer, Netzkritik von innen heraus zu betreiben, also nicht das Netz von außen zu betrachten und zu sagen, dass man da nicht rein will, sondern aus den Medien heraus eine dialektische Kritik zu betreiben. Dabei haben wir die Idee von Netzkritik natürlich nicht erfunden, denn die Idee von Netzkritik ist eine bestimmte Haltung, wie man sich diesen Medien gegenüber aufgeklärt verhält und politisch wach bleibt. Es geht dabei immer um Möglichkeiten, Chancen und Risiken! Natürlich ist die Vorstellung von der Twitter-Revolution ein Schwachsinn. Wer sich das ausgedacht hat, hat da nicht genau hingesehen.

    Aber eine wache Netzkritik ist etwas, das die jungen Generationen immer wieder beschäftigt, alleine schon um das Medium besser verstehen zu können. Es ist notwendig, die Strukturen zu öffnen und wieder mehr Kreativität rein zu bringen. Denn ich habe die Befürchtung, dass für viele User/innen das Netz in zehn Jahren nicht viel mehr sein wird als eine Art Stromnetz, auf dem ein paar Applikationen laufen, die zwar jeder hat, aber niemand mehr weiß, was für ein Potenzial die Technologie einmal hatte. Da wünsche ich mir schon eher ein Zwei-Klassen-Netz, wo es ein schmutziges Darknet gibt und dann ein schönes nicht-netzneutrales High-Speed-Netz, für die, die es sich leisten können. Die spannenden Sachen laufen dann natürlich im Darknet ab; dort, wo der digitale Dreck rauswächst. Und das ist auch nicht tot zu kriegen, dieses Netzunkraut!

    Anm. d. Red.: Das Foto oben stammt von Heinrich Klaffs. Das Foto unten stammt von Yuki. Beide stehen unter einer Creative Commons-Lizenz. Dieser Beitrag ist eine gekürzte und überarbeitete Fassung des Interviews, das in dem Buch Vergessene Zukunft erscheint (transcript 2012). Das Buch wird am 30. März in Berlin vorgestellt.


1 Kommentar zu Digitaler Dreck aus Berlin: „Das ist auch nicht tot zu kriegen, dieses Netzunkraut!“

  • Gaznato Gaznar am 08.04.2012 12:53
    ...und wo bleibt ...?
    “Guardian” schießt auf Assange-
    Die Mediale Jagd auf den Wikileaks-Gründer
    Von Gerd R. Rueger
    Ende 2010 brach nach den Enthüllungen von US-Kriegsverbrechen ein PR-Krieg über Wikileaks herein. Persönliche Angriffe auf Julian Assange, zudem ein US-gesteuerter Finanzboykott, und Hickhack um Exklusiv-Rechte, vor allem mit dem Guardian, machten der Whisteblower-Plattform zu schaffen. Jetzt erreichte eine Guardian-nahe TV-Dokumentation über Assange das deutsche Fernsehpublikum (Erstaustrahlung am 14.2.), in der hauptsächlich Guardian-Journalisten zu Wort kommen....
    http://le-bohemien.net/2012/03/15/guardian-schiest-auf-assange/

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