• Digitale Universalsprache: Algorithmen, Singularität und die Finsternis der Idiome

    5912036656_4cb426c61a_bkl

    Wie können Idiome, also besondere Sprechweisen eines Einzelnen, angesichts einer globalen digitalen Sprache überleben? Der Philosoph und Berliner Gazette-Autor Federico Ferrari sucht in seinem Essay nach einem Weg zwischen Singularität und universeller Einheit.

    *

    Was ist ein Idiom? – Ein Idiom ist die besondere Sprechweise eines Einzelnen im Gegensatz zur universellen Sprache. Man könnte im Sinne Bernard Stieglers sagen, dass das Idiom die Schwäche der gesamten Sprache aufzeigt. Das Idiom lebt von einer Identität, die sich weigert, universell zu werden und dadurch zur Einsamkeit bestimmt ist. Das Idiom ist von einer kontinuierlichen, permanenten Interpretation bestimmt, da es die Einheitlichkeit der universellen Sprache ablehnt. Und um das Idiom zu verstehen, muss es interpretiert werden. Das Idiom fällt in den Bereich der Hermeneutik, die universelle Sprache der Kommunikation. Ein erster Aspekt ist dabei die Aufgabe des Verstecks in der Finsternis, ein zweiter der Wunsch nach Transparenz.

    Die digitale Sprache steht für Vollendung des Traums einer Sprache, die wirklich die Macht hat zu vereinigen, eine Einheit zu bilden und alle Formen auf eine gemeinsame zu reduzieren. In diesem Sinne ist die digitale Sprache die Erfüllung von Platons metaphysischem Projekt, das in Griechenland dank der Erfindung der alphabetischen Schrift entstehen konnte. Das heißt eine Schrift, die alle symbolischen Formen eliminiert, um nur noch Zeichen ohne Bedeutung zuzulassen, die aber fähig ist, ein abstraktes und universelles Konzept weiterzugeben. Die Technik ist nicht der Henker der Metaphysik, sondern deren Erfüllung.

    Wenn das Idiom in seiner Unsicherheit und Originalität immer die Möglichkeit einer Irrfahrt und damit eines Fehlers in seiner Sprachpraxis beinhaltet, dann verhindert die digitale Sprache alle Möglichkeiten des Verstoßes seiner strengen und universellen Bildungsregeln. Tatsächlich will die digitale Sprache nicht von Menschen verstanden und gesprochen werden, sie versteckt sich hinter den Idiomen und gibt ihnen dabei das Gefühl frei und souverän zu sein, während sie sie dahin führt, wo sie will. Die Sprache von Suchmaschinen ist ein klares Beispiel hierfür.

    Freie Wahl zwischen Coca Cola und Pepsi

    Eine Suchmaschine, die eine unverständliche, auf Algorithmen basierende Sprache nutzt, speichert ein Idiom in versteckten Bildungsregeln, die alle Suchen in sich vereinheitlichen – in diesem Fall spricht man von einer Finsternis der Idiome. Eine Finsternis, die nichts mit der Unaussprechlichkeit dieser Idiome zu tun hat, welche hermeneutisch unendliche Weiten aneinanderreiht. Sie findet sich eher nahe der Berechnung einer Sprache wieder, die nicht verstanden werden will und sich in ihrer totalen Sichtbarkeit versteckt. Dadurch, dass sie sich hinter allen Idiomen versteckt und diese in eine verschlüsselte und in totaler Sichtbarkeit unsichtbare Sprache übersetzt, könnte in gewissem Sinne behauptet werden, dass die universelle digitale Sprache der radikalen Zerstörung aller einzelnen Idiome gleichkommt. Sie verkörpert außerdem die Pauschalisierung des Denkens in einer universellen Sprache, die mit uns redet, ohne mit uns zu reden.

    5912047146_98908d5143_bkl

    In diesem Sinne ist die digitale Sprache sehr viel mächtiger als die englische oder alle Ansätze einer universellen Sprache: Sie zwingt uns auf unterirdische und unsichtbare Wege, während sie uns die Freiheit gibt, unsere eigenen Idiome zu nutzen. Schließlich haben wir in der Ära der digitalen Pauschalisierung, um es mit Žižek zu sagen, in unserem singulären Idiom, die freie Wahl zwischen Coca Cola und Pepsi.

    Hier stoßen wir auf eine ganz andere Frage der Beziehung zwischen singulärem Idiom und universeller Sprache: nach der Zensur und Gewalt, die jede universelle Form auf die singulären Idiome ausübt. Und auch auf die Frage der Beziehung zwischen der universellen digitalen Sprache, ihrer Algorithmen, und wirtschaftlicher Effizienz, die die Basis dieser Sprache darstellt. Denn es ist klar, dass jede idiomatische Singularität unwirtschaftlich ist – durch Übersetzungskosten, Hindernisse auf dem globalen Arbeitsmarkt usw. – wohingegen jede Form einer universellen Sprache die Verbesserung der wirtschaftlich-finanziellen Effizienz zum Ziel hat.

    Vom Risiko der Rückkehr zu singulären Identitäten

    Ein abschließender Gedanke: Was können wir heute tun, um uns nicht der zerstörerischen Gewalt der neuen übermächtigen digitalen Universalsprache zu beugen? Sollten wir zu den Idiomen zurückkehren? Ich denke nicht. Sollten wir uns also von allen Idiomen verabschieden, um uns von der vereinheitlichenden digitalen Sprache wegtreiben zu lassen? Auch das denke ich nicht. In dieser Zeit zwischen zwei Epochen sehe ich den fruchtbarsten Weg in dem, den Bernard Stiegler und seine Konferenzen der Association Ars Industrialis anführen.

    Da wir nicht mehr zurück können, da das Risiko aller Singularität die Rückkehr zu in sich geschlossenen idiomatischen Identitätsformen – wie beispielsweise Nationalismus, Regionalismus oder Egoismus – ist, müssen wir verstehen, wie die digitale Sprache funktioniert. Genau wie die alphabetische Schrift westliches Denken bis heute steuert, müssen wir verstehen, wie die Technik, die sie steuert, unser Wissen möglich macht, wie sie mit uns spricht und wie sie uns zum Sprechen und Denken bringt, wie sie Dinge sichtbar und unsichtbar macht, und wie sie uns immer weiter zu einer Universalsprache drängt.

    Auf der Suche nach einer allgemeinen Organologie

    Diese neue Sprache, die sich überall in unserem Leben wie ein Wirkstoff, ein Pharmakon, Heilmittel und Gift zugleich,ausbreitet müsste neu verstanden werden. Und daher sollten wir eine Pharmakologie der Pharmakone erstellen, eine Therapie des universellen Pharmakons. – Ich für meinen Teil schließe mich dem Verständnis des Pharmakos an, von dem Derrida in seiner „Pharmacie de Platon“ spricht.

    Ganz allgemein sollte an das, was Stiegler eine allgemeine Organologie nennt, angeknüpft werden. An ein Wissen, das Beziehungen zwischen biologischen, technologischen und sozialen Organen in Betracht ziehen kann. Man erinnere sich daran, dass ein Organ auf einen Teil eines lebenden Organismus verweist, das als ein Ganzes eine notwendige oder zum Leben nützliche Funktion erfüllt, und von seiner semantischen Herkunft her – im Griechischen und Lateinischen „organon“ und „organum“ – auch auf ein Instrument oder Werkzeug verweist.

    Nur auf der Suche nach solch einer allgemeinen Organologie, in dem unsicheren Gleichgewicht zwischen verschiedenen Organen, können wir vielleicht noch eine Singularität besitzen, die allen pauschalen Vereinheitlichungen widersteht, ohne dabei die Welt zu verlieren, die Globalisierung der Welt, und die Freude, die die Singularität der Welt in sich trägt.

    Anm.d.Red.: Dieser Beitrag entstand im Rahmen der internationalen Konferenz Einbruch der Dunkelheit. In diesem Kontext sind weitere Beiträge in der Berliner Gazette erschienen, darunter Essays der Referenten Mercedes Bunz, Matthew Wolf-Meyer, Christoph Kappes, Lars Popp und Alexander Karschnia sowie ein Einleitungstext des Konferenzkurators Krystian Woznicki. Die Konferenz „Einbruch der Dunkelheit. Theorie und Praxis der Selbstermächtigung in Zeiten digitaler Kontrolle“ war eine Veranstaltung der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Die Fotos stammen von Oleg Fadeev und stehen unter einer Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-SA 2.0).


3 Kommentare zu Digitale Universalsprache: Algorithmen, Singularität und die Finsternis der Idiome

  • Quello che passa attraverso la strada è sempre qualcosa di codificato diversamente non esisterebbe la strada-utilizziamo il termine universale in modo impropio universale di fatto ci porta al concetto di gruppo insieme
    i codici trasformano ciò che identifichiamo come nuovi idiomi la strada è il flusso di ciò che permette il passaggio e il comprenderla realizza nuovi linguaggi in parte tutto diviene molto luminoso.....
  • [...]   [...]
  • Florian Cramer am 25.08.2014 16:38
    Der Autor hat das (durchaus fragwürdige) amerikanische Konzept der "Singularity" so gründlich und total missverstanden - und vermischt in seinem Text die Konzepte der analytischen-philosophischen Universalsprache mit "Digitalsprache" so haarsträubend, dass sein Text streckenweise unfreiwillig komisch ist.

Kommentar hinterlassen