• Träger oder Totengräber: Wie steht der Staat zu digitalen Kulturen?

    Als Mute im Jahre 1994 zunächst auf Financial Times-Papier erschien, sollte es als weltweit erstes „Art and Technology Newspaper“ den Kosmos der Medienperiodika nachhaltig prägen. Inzwischen ist Mute zu einer facettenreichen Institution herangewachsen – samt Buchpublikationen, Dienstleistungen, Bildungsangeboten und vielem mehr. Das Motto: Kultur und Politik nach dem Netz. Doch wie lange wird es dieses für die digitale Kultur so wichtige Unternehmen noch geben? Die Frage stellt sich, weil ihm kürzlich die staatliche Förderung komplett entzogen wurde. Mitbegründerin Pauline van Mourik Broekman empört sich an dieser Stelle darüber und kritisiert die Logik der staatlichen Förderung an sich.

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    Traurige Nachrichten müssen wir verkünden. Seit dem 30. März 2011 ist klar, dass wir zu den Verlierern der neuen Liste der nationalen Entwicklungsbehörde für die Künste (Arts Council England ACE) gehören. Von den 1333 Bewerbern, die sich um die Zusprechung individueller Gelder (National Portfolio) bemüht haben, werden 695 bezuschusst. Wir gehören nicht dazu. Wir haben als Mute Magazin der ACE ein Programm vorgelegt, dass die Online- und Offlineausgaben des Magazins, Buchpublikationen, Veranstaltungen, lokale Selbstverlegungsmöglichkeiten, Bildungsangebote und Strategieberatung für Onlineauftritte in einem Gesamtkonzept vereinen sollte. Doch in der zweiten Stufe des Bewilligungsverfahrens mündete unsere ohnehin finanziell prekäre Situation, der dünne Draht zu Regierungsstellen und die Wahrnehmung, dass andere Organisationen wohl besser zu den eng gefassten Zielvorgaben des ACE passen würden, in einer fatalen Streichung unserer Grundförderung.

    Konstruktive Kritik der Destruktion

    Die Praxis uns in einen Wettbewerb mit anderen Kunstorganisationen zu stellen, betrachten wir als zerstörerisch. Sie muss grundsätzlich kritisch hinterfragt werden. Gleichzeitig wundern wir uns persönlich über die generösen Förderzuschläge für große und etablierte Organisationen. (Bei Lichte betrachtet brauchen diese Organisationen weitere Förderungen ungefähr so dringend, wie Paris Hilton eine weitere Handtasche). So verwunderlich ist das allerdings nicht, fügt sich dies doch in die seit Jahren praktizierte Handlungsmaxime der nationalen Entwicklungsbehörde für die Künste, teile und herrsche.

    Die chronische Abhängigkeit und damit die latente Angst vor der Trennung vom Ernährer ACE führen sukzessive zu einer verengten und banalisierten Reproduktion des Gewollten. Das Spektakel der sklavischen Dankbarkeit für die zu ergatternde Beute aus öffentlichen Mitteln geht so weit, dass selbst Verstoßene und dem Tode geweihte Organisationen sich dem paradigmatischen Vokabular ACE’s bedienen (Leistungsfähigkeit, Innovation, globale Führungsansprüche und Kreativität). Keiner scheint aufzustehen und seine Stimme für alternative Praxen oder zumindest für die eigene künstlerische Freiheit zu erheben.

    Für uns liegt und lag die Krux der Geschichte immer woanders oder zumindest unter einer gehörigen Schicht rhetorischer Patina. So heißt es offiziell, dass „abenteuerliche und risikofreudige Programme belohnt werden“ und ein „flexibles künstlerisches Portfolio geschaffen werden soll“. Auch wenn wir an derlei Prozesse teilgenommen haben, unser Konzept am Förderercredo „Große Kunst für alle“ ausgerichtet haben, kommen wir nicht umhin festzustellen, dass es im Kern doch um die Frage geht, wie politische Programme Kultur und damit Gesellschaft destruiert.

    Im Namen des vorausschauenden Haushalten, erscheinen die investiven Regierungseinsparungen in Kultur und Bildung (zwei wichtige Schnittstellen für Mute), wie Symptome eines größeren Programms zur Erstickung von Kreativität. Das aggressiv forcierte Programm des „unternehmerischen Großbritannien“, wird nicht ohne massive Kollateralschäden von statten gehen.

    „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“

    Um ein „Gewinner“ in diesem gewollten Wettbewerb der Kunstorganisationen zu sein, sind eine Reihe von Eigenschaften nötig. Erstens, einen geradezu religiös überhöhten Glauben an die Kraft der Kunst Menschen und damit Gesellschaften ändern zu können. Zweitens, die Bereitschaft normierte und mittlerweile standardisierte Organisationsmodelle zu nutzen, die nur feste Parameter des Erfolgs kennen: Die Fähigkeit private Geldquellen anzuzapfen (durch Handelsgeschäfte, Nutzungsrechte, Sponsoren, Philantophie und einer Reihe nichtstaatlicher Förderung), eine möglichst große „Reichweite und Wirkmächtigkeit“ (mediale Rezeption, großer Einfluss) und bedingungsloses Engagement. Unabhängig wie man zu diesen Erfolgsparametern für Best-Practice-Modelle steht, kann nicht oft genug wiederholt werden, dass derlei Kriterien nur Organisationen erfüllen können, die über eine größere Geschäftsführung verfügen.

    Erst dann ist eine arbeitsteilige Konzentration auf einzelne Bereiche wie Finanzen, rechtliche Regelungen, strategische Entwicklung, künstlerische Leitung denkbar und eine Erfüllung der vorgegebenen Erfolgskriterien möglich. Wie das Mute Magazine – und weitere „Verlierer“ wie das schottische Variant Magazin – in unzähligen Artikeln in den letzten Jahrzehnten diskutiert und dargestellt haben, ist die Kehrseite eine politisch betriebene Wettbewerbskultur und der permanente Wille zur Kommodifizierung von Kunst, eine Ersetzung echter Vielfalt und Widersprüche in der Kunst durch artifizielle Versuche der Wiederholung des Immergleichen in anderen Gewändern. Selbst kritische Plattformen erliegen dem zunehmend, indem sie nicht mehr die großen und existenzialistischen Fragen der Kunst stellen und stattdessen sich in Debatten darüber verlieren wie en vogue ein Kunststil ist. Darüber merken sie gar nicht , dass ihr eigenes Sujet in seiner Vielfalt zu verschwinden droht. Das ist eine der großen nicht erzählten Geschichten der zeitgenössischen Kunst.

    Wir haben uns immer als eine kritische Plattform verstanden, die Kultur als Ganzes und in all seinen Dimensionen beleuchtet. Sei es Kultur als Teil größerer Zusammenhänge wie globale Ökonomie auf der Makroebene oder der subjektive Umgang mit Kultur auf der Mikroebene. Dem Anspruch gerecht zu werden eine breite Perspektive auf Kultur einzunehmen, konnten wir nur durch die vielfache Unterstützung anderer leisten. OpenMute, unsere Onlineplattform für print-on-demand Projekte, die vielen unabhängigen Produzenten Publikationen ermöglicht hat, ist nur der sichtbarste Teil dieses Ansatzes. Die sogenannte Kostenlos-Ökonomie des Internets, die uns als unser quasi natürliches Territorium vorkommen mag, wird uns gewissermaßen zum Verhängnis. Unsere Verkaufszahlen und Abonements für die kostenpflichtige Printausgabe sind mit der gleichen Geschwindigkeit geschrumpft, wie die Zugriffe unserer Onlineleserschaft gestiegen sind. Die tragische Wendung liegt darin, dass unsere zunehmend internationale Leserschaft ungewollt gleichzeitig den Todesstoß für unser Geschäftsmodell bedeutet.

    Was tun?

    Wie gehen wir nun mit der neuen Situation um? Keiner von uns, der so viel Energie in das Projekt gesteckt hat, ist gewillt aufzuhören, nur weil eine Förderung gestrichen wurde. Andere Arbeitsmodelle sind denkbar. Viele weitere kleine bis mittelgroße onlinebasierte Organisationen müssen sich neue Konzepte für die Zukunft überlegen. Das gilt auch für kleine Organisationen, die nicht von den Förderkürzungen betroffen sind. Umso spannender wird es sein, wie sich Organisationen, die sich der kulturellen Vielfalt verschrieben haben, mit der neuen Situation der Entbehrung umgehen werden.


    Foto: Mute magazinesa von Phil Gyford by-nc-sa

    Die Debatte werden wir auf verschiedenen Ebenen führen müssen. Auf Mute wird es wöchentlich Artikel und eine Plattform für Reaktionen auf die öffentliche Förderpolitik für die Künste geben. Diskursräume zum Verhältnis von digitalen Praxen der Kulturproduktion und deren staatlichen Akzeptanz und Förderung bieten auch Mute Publishing, die googlegroup acedigitaluncut oder auch der Medienkunst-Diskussionsnewsletter CRUMB.

    Die aktuelle Förderpolitik des ACE bestätigt das Verständnis, nach dem digitale Praxen in der Logik alter Institutionen gedacht werden und die Eigenständigkeit, die Fähigkeit zur Selbstreflektion und die mittlerweile reiche Geschichte an Film, Performance, unabhängigen Publikationswesen, Kunstinstallationen, Softwareentwicklung, Literatur und mehr völlig verkennt. In Anbetracht der aktuellen Umstände des Sparens und Verschlankens, der Kontrolle und Erfolgsmessung, und der zunehmenden Privatisierung von Kunstproduktion, ist es geradezu fatal solch eine Förderpolitik zu betreiben. Dass ACE (und Partnerorganisationen wie die BBC) offiziell digitale Innovation und Verbreitung anstrebt, klingt wie Hohn, leider ist es vielmehr Ausdruck der Ignoranz und Kurzsichtigkeit.


8 Kommentare zu Träger oder Totengräber: Wie steht der Staat zu digitalen Kulturen?

  • Silvia am 05.05.2011 12:27
    das ist eine sehr tiefe, sehr nachdenklich stimmende Kritik, ich muss eine Nacht drüber schlafen und das morgen noch einmal lesen.
  • Magdalena Taube am 05.05.2011 13:53
    spannender Bericht aus Grobritannien. Ich frage mich: Sind Förderungen für Projekte wie Mute nicht vielleicht einfach ein toller "Zufall" der Geschichte? Haben staatliche Fördermittelgeber überhaupt ein Interesse daran, progressive Projekte im Bereich der digitalen Kultur zu fördern?
  • ich habe Mitte der 1990er Jahre das erste Mal eine Ausgabe von Mute in den Händen gehalten: auf dem Financial Times Papier sah das wirklich absolut großartig aus und ein schöner Hack in die haptische Hegemonie des Zeitungspapiers (die MacherInnen konnten die Maschinen der FT nutzen (eine Art medialer Zwischenraumnutzung)).

    Nachdem Wired Magazine in den 1990er Jahren immer stärker zu einem Werbeblatt der IT-Industrie geworden war, MONDO 2000 eingegangen ist und Mediamatik viel vom anfänglichen Esprit verlor (zugunsten eines Ausbaus in Business-Richtung) war Mute das neue große Ding: klein am Anfang, bis heute Indie, aber von großer Wirkung in Mailinglisten und digital culture festivals, etc.

    Es ist bis heute absolut einzigartig und es gibt weit und breit keine Konkurrenz - nicht einmal lassen sich allzu viele schlechte Nachahmer ausmachen... Zumindest nicht in Print.

    Toll ist auch die Weiterentwicklung, einerseits als Institution, andererseits als Magazin mit dem Claim: "after the net". Sehr wegweisend.

    Im deutschsprachigen Raum kann De:Bug und springerin genannt werden, beides Print-Magazine, die jeweils einen anderen Schwerpunkt haben (Musik bzw. Kunst), und die in diesem Kontext der digitalen Kultur einen besonderen Platz zu weisen. Vielleicht ist es auch zuspät, heutzutage ein Magazin neu zu gründen, dass sich der digitalen Kultur widemt (Mute hat es richtig erkannt: das Netz, die Digitalisierung, etc. all das ist angekommen: wir sprechen über die Dinge "after the net"). Aber ein Medium wie Mute bleibt allein schon aufgrund seiner historischen Tiefenschärfe und seiner ganzen Erfahrungen zwischen digital und analog im Publishingsektor zu vermitteln/übersetzen unverzichtbar.
  • Rainald Krome am 05.05.2011 14:32
    von Telepolis gab eine zeitlang, irgendwann in den 1990er Jahren, auch eine Print-Ausgabe, monatlich oder vierteljährlich, ich weiß nicht mehr... ich glaube, im Bollmann Verlag erschienen...
  • neuro am 06.05.2011 15:52
    die kritik am staat und seiner förderpolitik kann nicht harsch genug ausfallen - auch dazu sind die künstler und kreativen ja auch da ; )

    aber vielleicht ist der entzug von förderung einfach nur der startschuss, den mute jetzt richtig interpretieren muss, nämlich als eben solchen in eine neue ära: wir finden business modelle, die nicht zu einem großen teil auf staatlicher förderung bauen...

    wenn ich richtig verstehe, ist mute in der digitalen kultur schon lange zu hause... da hat man doch genug einblick, erfahrung etc. um auch mit einem business modell aufzuwarten, dass in der digitalen ära überlebensfähig macht,
  • sabine aus bonn am 07.05.2011 11:11
    wie ist dieser Einschnitt in England aufgenommen worden? Was sagen die LeserInnen von MUTE? Gibt es eine Protestbewegung?
  • Chris am 07.05.2011 14:24
    @sabine aus bonn: Die Kulturförderung wird innerhalb der nächsten vier Jahre um fast ein Drittel gekürzt! Auch wenn England viel stärker auf komplementäre, also staatliche und private, Förderung setzt (Künstlerische Kritik: ( http://www.guardian.co.uk/environment/2010/jun/24/galleries-museums-summer-protest-bp-arts-sponsorship ) trifft die Kürzung die Kulturszene sehr hart. Dadurch dass es wenige bestimmte Stichtage für die Förderbewilligung gibt, konzentriert sich die Kritik auch viel mehr auf bestimmte Anlässe und Organisationen.

    Die Empörung war ziemlich vehement und wird nicht nur von Mute geäußert. Die Formen sind dabei vielfältig. So hat ein Mute-Autor einen offenen Brief an den Guardian und das Arts Council England geschrieben, der von vielen Kulturschaffenden unterschrieben wurde: (http://www.metamute.org/en/articles/guardian_and_ace_protest_letter_against_arts_cuts )

    Der Guardian hat gar eine eigene Reihe zu den Kürzungen der Kulturförderung aufgemacht.
    (http://www.guardian.co.uk/culture/culture-cuts-blog/2011/mar/30/arts-council-funding-decision-day-cuts ) und eine zeitnahe Sammlungen an ersten Reaktionen dokumentiert:

    ( http://www.guardian.co.uk/culture/culture-cuts-blog/2011/mar/30/arts-council-funding-decision-day-cuts )

    Die Reaktionen der kommentierenden Leser auf Mute und in den verlinkten Diskussionsforen zeigen, dass der Verlust an Förderungen viel mehr als Anlass und Chance zur Selbstreflexion und Neuaufstellung verstanden wird. Ob daraus irgendeine Form des manifesten Protest, jenseits von offenen Briefen und künstlerischen Aktionen, wird, ist schwer zu sagen.

    Die Frage ist auch, inwieweit reine Künstlerkritik in Form von Protest fruchtbar ist?

    Mit Luc Boltanski und Éve Chiapello (Der neue Geist des Kapitalismus, ( http://www.misik.at/die-grossen-interviews/was-ist-der-neue-geist-des-kapitalismus-frau-chiapello.php ) gesprochen, kann die Dialektik zwischen kapitalistischen Produktions- und Organisationsweisen und deren Kritik nur aufgebrochen werden, wenn die avantgardistische Künstlerkritik nicht nur eine inszenierte und formell kanalisierte Form der Kritik bleibt, sondern auch eigene praktische alternative Modelle realisiert werden. Sonst führt die reine Forderung nach mehr Autonomie (durch bedingungslosere Förderung) lediglich zu einer verstärkten (Selbst-)Ausbeutung. Auch daher geht das Mute Magazin erstmal den Weg der Selbstreflexion.
  • sabine aus bonn am 07.05.2011 17:09
    @chris: tausend dank für die zahlreichen Hinweise!

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