• Dietmar Grobi Dath Vaders „Heute keine Konferenz“

    „Ich mache jetzt nur noch Scheiße“, heißt es in einem Tagebucheintrag von Arno Schmidt; gemeint sind: journalistische Texte für Zeitungen. Dietmar Dath hat seit 1990 einen ganzen Haufen – nun: journalistische, satirische und essayistische Texte veröffentlicht und sich damit eine eigene Fangemeinde erschrieben. Diese Zeitungstexte werden nun in dem Buch „Heute keine Konferenz“ gebündelt. Susanne Lederle hat es für die Berliner Gazette gelesen.

    Dietmar Dath ist der Grobi fuer’s Feine. Im Vorwort von „Heute keine Konferenz“, einem Sammelband ausgewaehlter Zeitungsartikel Daths, vornehmlich aus seiner Zeit beim Feuilleton der FAZ, rennt er um die Tuer zum Saloon Feuilleton herum und erklaert uns anhand der Ueberschriften nicht nur Drunter und Drueber und Durch, sondern gar Raus, Rein, Drunter, Drueber und Durch.

    Erst, warum er wieder raus kam aus dem Feuilleton-Saloon, dann, wie er ueberhaupt rein kam, was es drunter noch so an Schundjournalismus gibt, und dann noch, dass drueber doch tatsaechlich das Damoklesschwert der oekonomischen Zwaenge haengt. In Durch findet sich, inwiefern der vorliegende Band eine Reise durch die Feuilleton-Zeit des Dietmar Grobi Dath darstelle.

    Danach geht‘s dann endlich los und diese Artikel aus den Jahren 2001-2007 lassen keinen Zweifel, dass der Mann ruhig ein bisschen den Grobi machen und anderen die Welt erklaeren darf, denn er hat schon kluge Ideen. Etwa dass Pop nichts mehr mit Mainstream und Voraussetzungslosigkeit zu tun hat, seit es Leute gibt (beispielsweise einen gewissen Dietmar Dath), die daran rum[bescheidener Vorschlag zur Erweiterung des Vorworts in der naechsten Auflage]reflektieren und elitaerisieren. Oder dass die letzte Lou Reed-Platte Geseier sei, das immer laenger wird, je laenger es wird. Oder dass Deutsch-Quoten im Radio am Ende noch mehr Julimond und Silbermia bedeuten koennten und deshalb Regulation auf diesem Feld noch weniger wuenschenswert sei als die erlaubter Sexualpraktiken.

    Diese Wechselwirkung ist ziemlich einleuchtend, es soll ja wirklich unglaublich engstirnige Laender geben, die den allzu sittenverstrolchten Oralverkehr verbieten. Und tatsaechlich, bei denen versteht sowieso keiner irgendeine Fremdsprache. Klar macht dieser Band mit all diesen Artikeln auf einem Haufen, in dieser Intensitaet, jedoch auch, dass dieser Grobi eindeutig auf der dunklen Seite der Macht steht, mehr Literat als Journalist ist, weniger aufzeigt als einfach mal hinknallt, weniger berichtet als assoziiert und frei entwickelt, weniger erhellt als erstmal verdunkelt – Selberdenken unabwendbar.

    Bisweilen spricht Dietmar Dath Vader hinter einer schwarzen Maske schwer atmend und mit verzerrter Stimme: Offene Tueren einzurennen, kann fuer eine clevere Symbolpolitik, die weiss, dass sie in ihrer ganzen ordentlichen Durchsemantisiertheit selbst im allerguenstigsten Fall bloss Platzhalterin oder Vorbereiterin sehr viel weniger ordentlich lesbarer, aber dafuer dann auch viel wichtigerer sozialer Erscheinungen sein kann, als den Talsenken der gesellschaftlichen Unruhekonjunktur erheblich lohnender werden als das oede Bemuehen, sich an verschlossenen Tueren der Zensur oder Repression die Ruebe platt und den Verstand stumpf zu stossen. Eigentlich geht es nur um Sidos Arschficksong. Und warum es sowas gibt – Sido, einen Typen hinter einer albernen Maske.


2 Kommentare zu Dietmar Grobi Dath Vaders „Heute keine Konferenz“

  • Samson am 16.11.2007 11:14
    In der Sesamstraße erklärt Grobi mit Kermit dem Frosch in einigen Sketchen Zusammenhänge des Alltags, wobei Kermit doziert und Grobi die praktische Veranschaulichung unter vollem physischen Einsatz übernimmt – oder dies zumindest versucht. Ist der Journalisten-Dath folglich nicht eher Kermit und der Schriftsteller-Dath der Grobi?
  • krystian am 16.11.2007 11:22
    ich finde interessant Dietmar Dath als Journalist bzw. Essayist die Bandbreite seiner Themen und das selbstverständliche hin- und herswitchen zwischen den Kanälen und Kontexten, in teressant als dass ich meine hier etwas wiederzuerkennen, dass nicht nur meinen Zugang zur Kultur ausmacht, sondern vielleicht auch das mind set von Leuten in unserem Alter, ein mindset, das auch einiges zu tun hat mit der gegenwärtigen Phase der Globalisierung, in der alles miteinander vernetzt scheint, alles nur einen click (im kopf) away scheint, und in der das Treibenlassen in den datenströmen nicht nur zu neuen erkenntnissen und, viel wichtiger: fragestellungen führt, sondern den höchsten Genuss erlaubt.

    Das mag Eklektizismus mit sich bringen: Wie funktioniert das? Gibts da ein System? Ich fände in diesem Zusammenhang eine Diskussion des Expertenbegriffs allerdings interessanter. Denn für jemanden, der augenscheinlich überall und nirgens zu Hause zu sein scheint, gilt Dath u.a. als Heavy Metal Experte, also als jemand, der in bestimmten Gebieten zu Hause ist wie kein anderer. Vielleicht ist das ein der Sache zu Grunde liegender, ich meine: die Sache begründender Widerspruch. Und vermutlich ist auch genaus deshalb die Expertise von einem wie dath auch noch gar nicht richtig erkannt bzw. benannt worden: Warum muss sich man Experte sein auf sowas wie einem gebiet, zumindest einem klassischen Territorium, wenn doch alles dabei ist, sich zu entgrenzen, als Territorium aufzulösen. Da wäre die Sache mit dem Heavy Metal wohl nicht zuletzt so ein Anachronismus, der auch gleichzeitig vom Zerfall der Territorien und ihrer hegemonialer Ordnung erzählt

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