• Diesseits der Oberflaeche

    Berliner Gazette-Herausgeber Krystain Woznicki begibt sich – eingeladen von einem bunten Plakat im grauen Berliner Winter – auf eine Diashow-Reise nach Burma, das eigentlich Myanmar heißt, und landet in einer kuriosen Diskussion in Treptow. Eintauchen oder an der Oberfläche kratzen?

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    In Berlin ist der Winter eingezogen. Die bunten Plakate, die in den Strassen haengen, wirken in der kalten, frostigen Stadtlandschaft wie Feuerwerk fuer die Augen: Bunt, leuchtend, warm. Exotische Laendernamen zieren sie: Neuseeland, Australien, Philippinen, Burma, Malaysia.

    Motivisch sind wie Pralinen gestaltet: Satte Landschaften, ueppige Flora und Fauna, wildfremde Menschen voller Anmut und Scheu. Nicht Realismus zaehlt hier, sondern der Effekt: Sie ziehen den Blick des gestressten Staedters auf sich – wie Oasen in der Wueste.

    Neulich blieb ich vor einem -Plakat stehen. Eine Diaschau wurde darauf angekuendigt. Eine traumhafte Reise durch ein Land, das mich seit geraumer Zeit interessiert, also kontaktierte ich Dirk Bleyer, den Veranstalter, und meldete mein Kommen an. Er antwortete flugs und so begann ich mir Gedanken zu machen.


    Seit einiger Zeit steht ein Kulturaustausch-Schwerpunkt bei der Berliner Gazette im Raum, und Birma scheint ein ideales Thema zu sein: Wieviel Birmanen leben eigentlich in Berlin? Welche kulturellen Beziehungen unterhaelt Deutschland zu Birma?

    Ausserdem brennt mir ein eher im klassischen Feuilleton oder Kulturmagazin anzusiedelndes Birma-Thema unter den Naegeln, wofuer ich einen Aufhaenger gesucht habe.

    Im Vorfeld stellten sich jedoch auch zahlreiche Fragen. Sie betrafen die Werbeflaeche dieser Veranstaltung: das Poster. Eine Frage kreiste um die illusionistische Darstellungsform. Die Praline, die einem hier angeboten wird, sie scheint ein bisschen ueberproduziert. Von allem ist zu viel da – wie bei Pamela Anderson. Und wie bei Pamela Anderson weiss man nicht so recht, ob das alles auch so ernst gemeint oder ob das schon ansatzweise selbstironisch gebrochen ist.

    Dann ist da die Laenderbezeichnung. Das Land heisst doch seit 1988 Myanmar. Warum steht da Burma?

    Vielleicht, weil einfach kaum jemand den Namenswechsel mitbekommen hat? Oder weil mehr Leute mit Burma bestimmte Bilder assoziieren als mit Myanmar?

    Diese kommerziellen Erwaegungen scheinen insofern vorrangig gewesen sein, als dass der englische Name, nicht der deutsche („Birma“) verwendet worden ist. Burma ist schlichtweg aufmerksamkeitserregender – das kennt man sogar von MTV. Doch koennte der Veranstalter noch ganz andere Motive gehabt haben.

    Seitdem 1988 ein Militaerregime die Macht innehat, steht das Land in der internationalen Kritik, nicht zuletzt weil die demokratischen Stroemungen gnadenlos unterdrueckt werden. Wer dem Regime heute die kalte Schulter zeigen will, spricht von Birma bzw. Burma. Damit wird die Legitimitaet der Junta unterwandert, die fuer die Umbenennung verantwortlich zeichnet.

    Eine andere Information, die auf dem Poster angebracht ist und die Aufmerksamkeit auf sich zieht, stellt einen Moench in Aussicht, der nebenbei mal im Drogenhandel taetig gewesen sein soll. Nun ist es so, dass in Birma fast alle Bauern im Opiumgeschaeft taetig sind, weil Opium in Birma das ist, was an der Elfenbeinkueste das Elfenbein einst war, oder in Sierra Leone die Diamanten sind: der zentrale Rohstoff.

    In Birma, einem der aermsten Laender der Welt, hat niemand etwas nicht mit Opium zu tun. Die Geschichte des Moenchs koennte also darauf zielen, diesen sozialen Background zu beleuchten. Es koennte aber auch anders sein. Der Slogan ist einfach cool: Dalai Lama als Drogenbaron – waere wohl das Bild, das im Kopf all jener Gestalt annimmt, die keine Kenntnisse ueber das Land haben.

    Ich wollte mich ueber all das vergewissern und machte mich an einem winterlichen Sonntagnachmittag auf nach Treptow. Der Veranstalter hatte mir geschrieben, dass er mich erwartet und dass er eine Karte fuer mich zuruecklegt. Als er vor mir stand, wehte mir allerdings alles andere als Gastfreundschaft entgegen. Eher Skepsis.

    Ich hatte mir vorgestellt, mich nach der Veranstaltung mit ihm zu unterhalten, doch er findet irgendeinen Vorwand, um eine gegenstandslos scheinende Diskussion anzuzetteln. Ich liess mich darauf ein, schliesslich hatte ich viele Fragen. Doch ich bin nicht dazu gekommen, sie zu stellen. In den 10 bis 15 Minuten unseres Gespraechs war Herr Bleyer sehr darum bemueht, zu taxieren, was ihm meine Anwesenheit bei seiner Veranstaltung bringen koennte.

    Merkwuerdig war, dass Herr Bleyer dahingehend keine entsprechenden Fragen stellte. Auflage und Zielgruppe der Publikation, Umfang und Erscheinungstermin des Beitrags, etc. – nichts davon war ein Thema. Er betonte stattdessen immer wieder, dies alles sei ein Business und er muesse auf seinen Schnitt kommen.

    Sie merken schon, ich hatte mich in eine absurde Situation begeben, die zusehends unangenehmer wurde. Ich konnte bald nur noch den Kopf schuetteln. Auch, weil mir noch nicht ganz klar war, was hier eigentlich gespielt wurde. Erst spaeter, als ich am Schreibtisch sass, fiel mir ein Satz von ihm ein.

    Der einzige Satz, in dem es explizit um Inhalt und Form des Artikels ging – so explizit halt jemand werden kann, dem es darum geht, aus Birma so viel wie moeglich herauszuholen. Meine Legitimitaet zusehends staerker in Frage stellend, sagte er: >Es koennte Ihnen ja um die politische Situation gehen.<

    Anm.d.Red.: Das Foto oben stammt von druidabruxux und steht unter einer Creative Commons-Lizenz.


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