• Die menschliche Natur der Katastrophe

    Die Katastrophen vom 11.09.2001 und 26.12.2004 koenne man nicht miteinander vergleichen. Denn es handele sich einerseits um eine Naturkatastrophe, andererseits um eine Katastrophe terroristischer Praegung. Doch worauf stuetzt sich der Verweis auf die Inkomensurabilitaet der beiden Katastrophen? Er geht davon aus, dass diese Katastrophen unter- schiedliche Ursachen haben. Doch wer von Ursachen der Katastrophe spricht, muss zu allererst klaeren, wo die Katastrophe anfaengt und wo sie aufhoert.

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    Wer die Katastrophe eingrenzt, sie also definiert, kommt nicht umhin – ich waehle an dieser Stelle eine Abkuerzung – festzustellen, dass hierbei die Frage nach dem Wen oder was betrifft sie? und Wer kommt durch sie zu Schaden? entscheidend ist. Denn die Antwort lautet: Die Katastrophe betrifft Menschen, darueber hinaus von Menschen Errichtetes und Geschaffenes sowie von Menschen Genutztes. Insofern ist die Katastrophe eine prinzipiell gesellschaftliche, zivilisatorische und kulturelle Kategorie – ganz egal ob die Plattentektonik oder Terroristen als Autor gelten.

    Die Autorschaft der Katastrophe ist von Grund auf komplexer als angenommen und damit auch die Antwort auf die Frage nach ihren Ursachen. Denn die Katastrophe, die sich am Ausmass, Wirkungskreis und Schaden nicht nur misst, sondern sich daran auch konturiert, also ihren Charakter profiliert – die Katastrophe findet eben dort, in dieser Gemengelage von Faktoren, Umstaenden und Bedingungen gleichfalls ihre Ursachen. Dieses Verstaendnis von der Katastrophe widerspricht zutiefst den Annahmen des Alltagsverstands.

    Die Annahmen des Alltagsverstands kamen sowohl in der Rezeption der Tsunami-Katastrophe zum Tragen kam (>Mit den Ursachen des Bebens hatte der Mensch nichts zu tun. Punkt.<), als auch bei Vergleichen, die zwischen derselben und dem 11.September vorgenommen worden sind. Cordt Schnibben etwa behauptete, der moderne Terrorismus wolle so zerstoeren, wie es die Natur kann. Das Wirken des Tsunamis bekaeme deshalb im Gegenzug etwas Terroristisches, so als habe das Meer im Urlaubsparadies mit derselben Boesartigkeit zugeschlagen wie Osama Bin Laden im World Trade Center. In Schnibbens Lesart wird Terror zur Naturgewalt – allerdings nur im Hinblick auf seinen Willen, der bar jeglicher menschlichen Herkunft und Ursachen-Zusammenhaenge zu sein scheint. Die Naturgewalt hingegen wird zu einem Terrorkommando, das an seiner Boesartigkeit gemessen wird. Boesartigkeit – so wie die Boesartigkeit von einem Virus – impliziert hier, wie auch im Alltagsverstaendnis, nicht die Frage nach der Ursache, sondern nach der Wirkung: Wie masslos ist die Zerstoerung? Nicht: Durch wen oder was wird sie hervorgerufen? So taucht der Mensch in dieser Rechnung als Taeter nicht auf, sondern lediglich als Opfer. Und genau darin besteht ein, wenn nicht das zentrale Problem einer Zeit, in der die Rede von der Katastrophe immer haeufiger zu vernehmen ist und scheinbar auch Katastrophen selbst immer haeufiger passieren: Menschen erscheinen als grundsaetzlich passive Akteure, so wie die Gesellschaften, in die sie eingebettet sind, die sie formen. Katastrophen erscheinen folglich als nicht gestaltbar – dass sie abwendbar seien, scheint gaenzlich indiskutabel. Nach dem 11. September meldeten sich alle zu Wort: Blogger, Politiker, Journalisten, Aktivisten und die grossen Star-Intellektuellen unserer Zeit. Alle versuchten einander in Lautstaerke und Gewicht ihrer Aussagen zu ueberbieten. Diese Auktion von Ideen zeitigte manch spektakulaeres Produkt. Die Philosophen Juergen Habermas und Jacques Derrida etwa, die sich bis dato quasi bekriegt hatten, machten gemeinsam ein Buch (>Philosophie in Zeiten des Terrors<). Klaus Theweleit, Deutschlands Vorzeige-Querdenker, kroch in die Hirne von Star-Intellektuellen wie Alexander Kluge, Peter Sloterdijk und Susan Sontag, um deren Rezeption der Katastrophe nachzuzeichnen. Seinem Buch verpasste er den bezeichnenden Titel Der Knall. Ja, es hatte auch in den Koepfen boom gemacht, folglich gab es viel zu reden. Darueber etwa, was die Katastrophe sichtbar gemacht hatte: Zum einen, dass es kein Aussen mehr gibt (alles ereignete innerhalb der Netze der Globalisierung) und dass dieser Weltinnenraum, der da ploetzlich vielleicht zum ersten Mal so gegenwaertig und manifest geworden war, von tiefen Rissen, Furchen und Graeben durchzogen ist.

    Wenn der 11. September die eine Welt >ohne Aussen< schlagartig vor Augen fuehrte, dann war es auch der Moment, in der die Zerrissenheit der vermeintlichen Weltgemeinschaft zu Tage trat: Von der primitiven Ausstattung der Attentaeter, ueber den globalen Ausnahmezustand der von den Worten you are either with or against us getragen wurde, bis hin zu den US-Kriegen gegen Afghanistan und Irak, denen zahllose unbewaffnete Zivilisten zum Opfer fielen; von dem Angst und Feindbilder schuerenden Terroralarm, ueber die Distanz, die seit dem Erstarken der Exekutive zwischen dem Staat und dem Buerger waechst (Sassen), bis hin zu den vielen Abwehranlagen, Zaeunen und Mauern, die das Post-9/11-Grenzregimes konstituieren; von der sich staendig neu formierenden Achse des Boesen, ueber die Radikalisierung der islamischen Welt, bis hin zur Abschiebung von Entwicklungsmodelllaendern, die gegen Buendnispartner im Krieg gegen den Terror ausgewechselt worden sind; von der inzwischen fast vergessenen >Old vs. New Europe<-Rede, ueber den transatlantischen Graben zwischen den USA und Europa, bis hin zu der Fragmentierung der Welt in Sachen Klimapolitik. In diese Auflistung fuegt sich nahtlos die Doppelmoral im Umgang mit Katastrophen, die sich von den Rissen, Furchen und Graeben im Weltinnenraum naehrt: Im Jahr der besagten Tsunami-Katastrophe wurde auch die iranische Weltkulturerbe-Stadt Bam gleich zwei Mal von einem Erdbeben erschuettert. Dabei kamen gleichfalls schockierend viele Menschen ums Leben. Spendengelder wurden in Aussicht gestellt, dann aber nicht ansatzweise in der versprochenen, geschweige denn angemessenen Hoehe gezahlt. Ohnehin nahm die Weltoeffentlichkeit von dieser Katastrophe kaum Notiz. Die Doppelmoral im Umgang mit Katastrophen hat noch ein anderes Gesicht, das in diesem Zusammenhang vielleicht noch bezeichnender ist.

    Es zeigt sich in jenem Moment, in dem alle glauben, sie saessen in einem Boot, also dann, wenn sich die Katastrophe ereignet und eine Gruppe von Menschen in den Ausnahmezustand versetzt. Es ist dieser Moment des gemeinsamen Erlebens eines Notstands, in dem das viel zitierte Wir-Gefuehl aufkommt und sich so genannte Schicksalsgemeinschaften bilden. Es ist dieser Mythos von der Schicksalsgemeinschaft – in Katastrophenfilmen am laufenden Band reproduziert –, den die Realitaet der Katastrophe ad absurdum fuehrt – und damit auch deren komplementaeres Gegenstueck, die viel beschworene Weltgemeinschaft?

    Am 26.12.2004 und der Folgezeit hat sich deutlich gezeigt: Bei einer Katastrophe sitzen nicht alle im selben Boot. Selbst wenn alle im selben Moment gemeinsam sterben, werden sie, wenn die sozialen Umstaende dies vorzeichnen, nicht gemeinsam und am selben Ort begraben. So gab es an den Kuesten des Indischen Ozeans humane und inhumane Massengraeber. Die Bild-Zeitung fragte am 5. Januar 2005 echauffiert: Warum hat der Tod in Asien zwei Gesichter? Brachte die Katastrophe das Sterben in zwei Klassen? Nur implizit wurde damit das eigentliche Problem angesprochen: Naemlich, dass das Leben (in Asien) zwei Gesichter hat. Abhaengig von den sozialen Verhaeltnissen kann das Leben und natuerlich auch das Ueberleben eine halbwegs geschmeidige Sache oder aber eben von den groessten Noeten und Sorgen gepraegt sein.

    Eine Katastrophe macht diese Ungleichheiten nicht nur auf haeufig verstoerende Weise sichtbar, sondern wirkt auch als Verstaerker. Wie der Umgang mit dem Tsunami zeigte, hat die Katastrophe ihre Funktion fuer die Gesellschaft allerdings erst dann erfuellt, wenn diese Vergroesserungs- und Verstaerkungseffekte ausgeblendet werden, indem die Gemeinschaft – als nationale oder globale Groesse – erfolgreich beschworen und der Zusammenhalt sowie die Einheit postkartentauglich in Szene gesetzt werden koennen. Mag dies schon immer so gewesen sein: Nach dem 11. September scheint alles mehr denn je darauf ausgerichtet zu sein. Treten Risse zu Tage, so werden sie mit aller Macht gekittet. Selbst die Bevoelkerung scheint nichts anderes zu wollen.

    Nach dem 26.12.2004 haetten die Debatten, die dem 11. September folgten, fortgesetzt werden koennen. Ein weiteres Mal, doch auf gaenzlich andere, nicht minder verstoerende Weise zeigte sich, dass Abschied zu nehmen ist vom Aussen (hier: das Paradies) und dass der Weltinnenraum von tiefen Graeben durchzogen ist. Stattdessen fanden Galas der Menschlichkeit statt, wie man die oeffentlichen Spenden-Veranstaltungen nach der Todesflut nannte. Sie hatten nichts anderes zum Ziel, als die Weltgemeinschaft zu beschwoeren, eine heile Welt und somit ein heiles Sinnganzes zu rekonstruieren. Der Verlust des Aussen und die Spaltung der Welt wurden vergessen gemacht. Und damit auch die hoechst problematischen Implikationen von Rainer Maria Rilkes weisen Spruch, der da lautet: Durch alle Wesen reicht der eine Raum: Weltinnenraum.

    Wenn die Fragen nach den Ursachen der Katastrophe verklaert wurden, dann weil die Galas der Menschlichkeit die Rolle des Menschen in dieser Problemlage zu neutralisieren vermochten. Vielleicht ist die Zeit gekommen, zu solchen Anlaessen Protestmaersche der Menschlichkeit zu organisieren, die als Dritte Supermacht, wie die Demonstrantenmassen im Vorfeld des Dritten Golfkriegs bezeichnet wurden, fuer die soziale Gestaltbarkeit der Katastrophe protestieren. Aber dafuer muesste man die Risse, Furchen und Graeben, die in solchen Momenten im Weltbild schreiend Gestalt annehmen, nicht sofort mundtot machen, sondern amplifizieren und fuer einen intellektuellen Dialog furchtbar machen, der die Annahmen des Alltagsverstands kritisch in Frage stellt.


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