• Die Hafenversion

    Bevor ich das erste Mal bewusst vor einem Aquarium als Fischhaus stand, bueckte ich mich erst einmal Seite an Seite mit meinem Vater im Badezimmer ueber unsere Toilette. Dort sollte ich dem Familienfisch namens Fisch so etwas wie Adieu sagen. Natuerlich sagt man als Kind unter fuenf nicht Adieu, also sagte ich zu meinem Vater: „Aber der lebt doch noch!“, und mein Vater dann: „Ja. Noch.“ und zutzelte den schwach mit der Schwanzflosse winkenden Fisch aus dem gruenen Fangnetz. Dann machte es Bloetsch, und wir sahen Fisch mit einem geraden Koepfer in das klare Klowasser eintauchen. „So.“ sagte mein Vater dann noch, und „Krank war der. Ganz schlapp.“

    Zwei Stunden spaeter. Als Kind hat man ein relativ duennes Seelengeruest, welches im Laufe des Lebens durch Erfahrung gestaehlt werden soll. Und man hat eine schwache Blase. Vor dem zugeklappten Klodeckel hielt ich ein, und aus, und dann holte ich tief Luft und klappte ihn hoch. Natuerlich schwamm Fisch im Wasser und guckte mich fragend an. Natuerlich lief ich ins Wohnzimmer zurueck, und besah ebenso fragend das Aquarium. Es war das Haus von Fisch, und Fisch schwamm nun ganz und gar untod an einem Ort, wo meiner neu gewonnenen Meinung nach kein Fisch wohnen sollte. Auch kein schlapper. Weil Fisch den Weg ins Meer nicht kennt, und weil der da nicht wegkommt. Ich tat etwas sehr kindliches, ich bruellte nach meinem Vater.

    Hilfe wollte ich, und sein gruenes Fangnetz, damit man Fisch wieder an seinen Ursprungsort zurueck bringen koenne. Ich sagte: Fisch ist nicht im grossen Meer angekommen, was jetzt sehr philosophisch klingen koennte, aber sicher nicht so gemeint war. Was ich eigentlich meinte war, dass Fisch noch lebte und ich mal musste. Beides sollte Vater jetzt loesen.

    Na, dann helfen wir ihm mal bei der Reise. sagte er, und zog die Spuelung auf Anschlag durch. Die naechsten Sekunden – sehr lange Sekunden uebrigens – befand ich mich in Schockstarre. Als sich das Wasser wieder beruhigt hatte, wirbelte Fisch noch immer im sichtbaren Rohrteil der Toilette, und ich rief FISCH! und achtete nicht auf meinen Vater, der verdutzt drein schaute und einfach noch einmal den Hebel der Spuelung drueckte. Wuosch. Jetzt hatte ich genug, Fisch auch, und als sich alles wieder beruhigt hatte, schwamm Fisch immer noch im Rohr. Leicht angedotzt zwar, aber er schwamm.

    Vater hatte ein offenes Ohr fuer mein jetzt sehr lautes Gebruell nach Leben, Tod, Fisch und Klo. Seufzend barg er Fisch mit dem gruenen Fangnetz, ich hielt beide Haende drunter, und tropfend wie feierlich gingen wir zurueck zum Aquarium und liessen Fisch ins sein Heimatwasser hinab. Gehe ich heute in Wohnungen von Aquarienbesitzern zur Toilette, pruefe ich erst einmal scharfen Blickes, ob vielleicht ein Fisch Abfahrt Ozean ausgesetzt wurde. Man weiss schliesslich nie.

    Ich, Autorin, finde uebrigens folgendes: Und zwar, dass Fische mit zu den unpraktischsten Haustieren ueberhaupt gehoeren. Deprimierend. Diese armen Geschoepfe haben durch ihr Mini-Meer im Glas weder Weitsicht noch klare Verhaeltnisse, werden zu Single-Dasein genoetigt, waehrend hinter der naechsten Koralle Misch-Ehen bestimmt werden. Dann gibt es diese Putzfische. Ausgenutzt und frustriert gehen sie permanent ihrem Zwang nach, saemtliche Scheiben sauber zu halten. Und dann noch dieses Junkfood aus Dosen. Ich, Autorin, moechte bitte niemals in einem Glaskubus mit fremden, gekauften Freunden sitzen wo permanent gestaubsaugt wird, und mit Mehlspeisen gefuettert werden.

    Fische sind schoen, aber unpraktisch. Die wollen nicht schmusen, und muessen nie raus. Mein Autorinnenrat: Seien sie ruhig Gott, bauen sie gigantische Ozeane im Wohnzimmer. Schillernd oder mit Lavagestein, ganz nach Geschmack, sie sind dann schliesslich Gott. Aber erfinden sie einfach die Bewohner nicht, und lassen die Fische raus. Das gilt uebrigens auch fuer Voegel, aber da funktioniert das nicht so toll wie mit Aquarien. Ein leerer Kaefig beruhigt den Menschen nie so ungemein, wie ein blubberndes Meer neben der HiFi-Wand.

    Mein Heimathafen ist mein Hausboot in diesem stetig wachsenden Ozean. Mein Meergarten. Ich bin genetisch enorm maritim veranlagt, und das muss ich natuerlich ueberall raushaengen lassen und polieren. Und wenn nicht im Netz, wo dann? Jeder hat bei dem Begriff Hafen ein anderes Bild, einen anderen Geruch im Kopf. Der eine denkt an den tollen Urlaub in dieser spanischen Ecke mit einem puschigen Hafen, und der naechste denkt an den penetranten Fischgeruch aus Italien, wo der Hafenmarkt durchgehend in knallender Mittagssonne gehalten wurde. Der dritte denkt an Umschlagplaetze und Bottiche loeschen, und der vierte an die Knutscherei im staedtischen Hafenviertel, damals mit Sabinchen.

    Ich bin sehr verliebt in Haefen. Das sind Orte, wo etwas passiert. Da kommt die ganze Welt hinein, und da geht etwas in die grosse Welt hinaus. Austausch, Wasserduft und lockere Ecken. Hafenkneipen, wo Geschichten die Erzaehler verlassen. Wo getrunken und geliebt wird. Etwas ranzig und mit nassem Kopfsteinpflaster. Wie das Netz. Facettenreich und mit viel Rauch.

    Als ich mein Blog aus einer Laune heraus die Hafenversion genannt habe, war das eine glatte Impulshandlung. Darueber schreiben und so herrliche Bilder malen wie jetzt, das kann man dann im Nachhinein immer noch. Und wenn ich mich selbst so lese, dann kann ich aus vollster Brust behaupten, ich wuerde, haette ich es nicht schon laengst getan, meinem Blog ab morgen den Untertitel die Hafenversion geben. Haefen eben. Zum ablieben! Finden Sie nicht?

    Zur Bloggerin wurde ich irgendwann Mitte 2002. Ich las im Spiegel mit wachsender Begeisterung einen Bericht ueber Menschen, die ihre Tagebuecher ins Internet stellen. Tagebuecher waren fuer mich bis dahin etwas, was man besser von allen Menschen fern und gut versteckt aufbewahrt. Dieser Widerspruch liess mich nicht mehr los. Dann die Moeglichkeit dieses absolut einfachen Publizierens. Man schreibt, drueckt es ins Netz und zack, alles sichtbar. Jeder Blogger wird sich an die Zeiten erinnern, als er zehn Seitenzugriffe pro Tag hatte, wovon die Haelfte die eigenen Klicks waren. Man musste schliesslich nachsehen, ob irgendetwas passiert ist, zwischenzeitlich. Heute sagt man das ja nicht mehr so, bloggen, stellen und Internet. Heute ist man NetzpublizistIn. Man schreibt ins Netz, Punkt.

    Ich jedenfalls konnte mir das damals kaum vorstellen, und ich konnte es ebenfalls kaum abwarten, mir dieses neue Ding ordentlich im Netz von allen Seiten zu betrachten. Am naechsten Morgen war ich die erste im Buero, kurbelte Google an und tippte Tagebuch Internet ein. Und da kamen sie zum Vorschein, diese faszinierenden, voellig unterschiedlich aussehenden Bauchnaebel der Fruehzeit-Blogger. Es brauchte ein paar Wochen, und dann drueckte ich auch das erste Mal mit klammen Fingern auf den >Publish?<-Button. Monologe in den eigenen vier Waenden? Lieber nicht. Ich tuckere taeglich ins offene Meer hinaus. Der Netz-Ozean ist phantastisch, weil er so komfortable und kurze Reisezeiten hat. Meine Kreuzfahrt beginnt meist in Deutschland. Ein paar Zeilen nach Koeln, auf ein Comic nach Berlin, hier eine Geschichte, und dort eine Meinung. Dann Uebersee, zack, New York. Ich meine N.Y.! Mal eben. Im Pyjama mit Kaffee in der Hand. Neue Photos sichten, was die angesteuerte Insel in New York gestern so im weltweiten Meer gefangen hat. Frische Einblicke in Fruehstuecksmarotten, der neue Freund der Bloggerin, die man seit Jahren liest, geteilte Wohnungssuche, Mithilfe und die neue Bar, die ich sicherlich so nie sehen werde. Dann reisse ich das Ruder rum, weil mir Hamburg einfaellt. In Hamburg habe ich viele geliebte Inseln. Ich lege hier an, lasse dort eine Flaschenpost zurueck. Das ist noch eine Schokoseite am Netz-Ozean: Man lebt dort seine Sachen, wenn man die Zeit dazu hat. Man teilt. Na gut, zugegebener Massen laesst man sich auch sehr gerne einmal schoen ablenken, obwohl man anderes sehr viel dringender muesste, aber der Einblick in New York, Braunschweig, London, Darmstadt oder im eigenen Dorf ist manchmal zu verlockend. Sie muessen verstehen. Es geht so flott.


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