• Die fetten Jahre sind vorbei

    Suggs kommt auf die Buehne. Jubel im Auditorium. Die Ansage obligatorisch: …One Step beyond. Das Publikum freut sich, es tanzt. Die Zitadelle liegt im Abendlicht. Weisse Flugzeuge ziehen orangfarbene Streifen ueber die Buehne. Madness stehen wieder in Berlin vor Publikum. Die Messlatte liegt hoch fuer die Londoner. An gleicher Stelle haben sie vor drei Jahren ein furioses Comeback gefeiert.

    Doch die Luft ist raus. Die Saenger tragen Anzuege, die mehrere tausend Pfund gekostet haben. Die meisten Fans sind gesezten Alters. Die Sakkos weisen Apotheker, Psychologen und Anwaelte zwischen wenigen Studenten und einigen Skins als Hauptbesuchergruppe aus.

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    Madness hatten sich ungefaehr ein halbes dutzend Mal getrennt und umgruppiert, weil es musikalisch nicht mehr lief. Die spaeten siebziger und die fruehen achtziger waren die fetten Jahre der Band. Da sprangen in coolen Videos verrueckte Mitzwanziger durch Nord-London. Bruellten: Baggy Trousers oder skankten vor einer Telefonzelle. Dieses Nord-London der Arbeiter und Skins gibt es nicht mehr. Madness wirken an diesem Abend wie Fossile aus dieser Zeit. Ein Kostuemfest. Das neue Album The Liberty of Norton Folgate mischen sie unter ihr Set. Es faellt nicht auf. Wie Fahrstuhlmusik.

    Waehrend die Auskopplung Dust Devil dudelt, zuendet sich Suggs eine Fluppe an. Ich gehe Bier holen. Das Konzert hat seinen Tiefpunkt. Dann wird die Tuetensuppe namens Ska noch einmal aufgekocht. Shut Up, House of Fun, schliesslich Night Boat to Cairo. Die Songs wie von Platte – jeder Akkord wie vor dreissig Jahren. Eine Nummernrevue mit zwei Zugaben. Vorne pruegeln sich die Skins, die Apotheker nippen hinten am Schultheiss. Wenigstens noch einmal live gesehen. Madness versuchen an diesem Abend den Kult um die duenne Glut zu feiern. Das Feuer ist aus; der Kohletender ist leer; die Lok schnauft nicht mehr – sie qualmt nur noch.


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