• Die andere Seite der Paradieskugel

    Weihnachten 2004, ich sitze vor dem Fernseher, rechts daneben steht der Weihnachtsbaum, behangen mit schimmernden Kugeln. Draussen ist es nass und kalt, drinnen merkt man davon nichts. Meine Fuesse ruhen auf einem Boden, der beheizt wird, meine Augen folgen den Ereignissen einer Nachrichtensendung. Die anderen sind in der Kueche und backen Plaetzchen. Es ist der 26.12., der zweite Weihnachtstag, irgendwann in den Morgenstunden.

    Ploetzlich TV-Bilder von dreckigen, ueberdimensional grossen Flutwellen, die weisse Ferienhaeuser wegfegen und Autos, Zuege sowie Boote unter sich begraben. Der Moderator spricht von einem Seebeben im Indischen Ozean, die Ausmasse sind in diesem Augenblick noch unbekannt, aber man vermutet das Schlimmste. Weitraeumige Zerstoerungen, hohe Menschenopferzahlen, ein Trauma fuer die Weltgemeinschaft.

    Bald backt keiner mehr Plaetzchen. Alle sitzen vor dem Fernseher. Alle sprechen vom Weltbeben, von einem Beben also, welches die Welt in doppelter Hinsicht erschuettert: Die Welt als tektonisch sensibler Planet und die Welt als Bild. Weil beide Ebenen ineinander verzahnt sind, wird der 26.12. zum Weltmedienereignis. Zeitgleich mit den katastrophalen Flutwellen im Indischen Ozean setzte eine gewaltige Bilderflut ein. Tageszeitungen adjustierten ihr Layout, um der ueberbordenden Berichterstattung Rechnung zu tragen. Fernsehsender, CNN wie ueblich an der Spitze, sendeten nahezu pausenlos aus der Krisenregion. Man bemueht biblische Motive, um die Katastrophe in Worte zu fassen, und man zieht neben den verstoerenden Bildern von Straenden im Ausnahmezustand immer wieder weltraumgestuetzte Aufnahmen von der Erde heran.

    Die ZEIT etwa veroeffentlicht ein Dossier unter dem Titel Nach der Sintflut, worin der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann in seinem programmatischen Leitartikel Die Welt rueckt zusammen nicht umhin kommt, vom ersten Gesamtbild des Planeten zu sprechen: Vor mehr als einem Vierteljahrhundert aus dem All aufgenommen, zeigte (es) eine glasblaue Paradieskugel, die wie ein magischer Edelstein im Nichts schwebte – ein wundersames, zartes Symbol unschuldiger Zerbrechlichkeit, die Schoenheit des Globus‘ vor der Finsternis kosmischer Unendlichkeit. Naumann bezog sich mit diesen lyrischen Worten auf das >Blue Marble<-Motiv. Er erwaehnte nicht, dass es ebenfalls an einem Weihnachtstag entstand und sowohl mit christlichen Motiven der Schoepfung als auch mit Weihnachtsbaumschmuck in Verbindung gebracht wurde. Bill Anders und Neil Armstrong etwa bezeichneten die blaue Murmel als ein bright blue and white Christmas tree ornament.

    Es ging Naumann um andere Zusammenhaenge. Das wohl am haeufigsten reproduzierte Foto aller Zeiten diente ihm, um im Kontrast dazu das Besondere der Satellitenaufnahmen der vorigen Woche herauszuarbeiten. Aufnahmen, welche die Gewalt zeigten, die im Meer lauert. Dies ist der Ausgangspunkt fuer ein Plaedoyer, das an die Ideale der aufgeklaerten Moderne appelliert, an die, so Naumann, schoene Utopie der einen Welt, zusammengehalten von der Gewissheit, dass es nur eine Menschheit gibt.

    Der Bildersturm, der in den ersten 14 Tagen des neuen Jahres ununterbrochen anhielt, schien Naumann Recht zu geben. Der Globus hatte aufgehoert, sich zu drehen. Er wurde aus allen Winkeln des Alls eingefangen. Aufgeschnitten. Durchleuchtet. Und avancierte schnell zu einem zentralen Ikon der Flutkatastrophe, befeuert von Schlagzeilen der BILD-Zeitung wie Zerreisst unsere Erde? vom 28.12.2004. Die Gegenwart dieser Darstellungen sollte die Weltgemeinschaft ueber das Gewuehl des trivialen Tagesgeschehens erheben. Sollte Distanz zum Unfassbaren schaffen. Gleichzeitig wurde der Globus herangezogen, um Naehe zu suggerieren. Er illustrierte die Rede von der einen Welt, von dem Zusammenruecken der Welt. Und davon, dass alle fortan an einem Strang zogen. All diese quasi unvereinbaren Dinge zu repraesentieren, waren dem Globus vorbehalten.

    Dies war, in einem Moment der bestuerzenden Ueberraschung, keine Ueberraschung. Der Globus wird herkoemmlich herangezogen, wenn Not am Mann ist. Wenn irgendetwas enorm Wichtiges bedroht wird: Der Frieden. Die Umwelt. Die Kinder. Das Paradies. Wenn Universalien dieser Kategorie in Gefahr sind, dann steht auch die Welt auf dem Spiel. Frische Satellitenaufnahmen der Erde werden in Umlauf gebracht. Musiker verbuenden sich zu maechtigen Allstar-Bands. Praesidenten setzen sich zu historischen Beratungsrunden zusammen. Buerger aller Herren Laender werden aufgerufen – zum Mitdenken und zum Mitfuehlen. Doch wen erreichen diese Signale tatsaechlich? Und was?

    Auf den gaengigen Globusdarstellungen, fuer die seit 1972 das >Blue Marble<-Foto als paradigmatisch gelten kann, ist das menschliche Leben nicht mehr erkennbar. Staedte und Staaten - alles loest sich auf. Wird unwesentlich, nichtig. Mit der planetarischen Perspektive wird der Blick Gottes simuliert. Durch die Augen des Schoepfers blickend, werden grosse Ideen ersonnen. Plaene zur Weltrettung und Weltbefreiung. Dieser Sinn lag dem Globus auch schon vor den ersten Weltraumaufnahmen der Erde zu Grunde. Eroberer haben, mit dem Globus vor sich, ihre expansiven Vorstoesse geplant. Herrscher haben ihn wie einen Apfel in der Hand gehalten. Und mit dieser Geste ihre Macht zur Schau gestellt. In solchen Momenten haben sie jedoch auch die Welt als Sinntotalitaet definiert: Als einen Raum, den eine gewisse Tonart mit Resonanzen erfuellt. Das Weltbild legitimierte ihren Machtanspruch. Es stellte ein wuenschenswertes Ziel in Aussicht, das die Massen mobilisierte. Herrscher kamen und gingen. Ein Reich loeste das andere ab. Mit der Zeit gingen auch die Weltbilder. Das teleologische Moment ist bis heute geblieben. Wer Anspruch auf die Welt erhebt, stellt seinen Anhaengern ein Ziel vor Augen. Eine Entwicklung, die ein bestimmtes Ergebnis zeitigen soll. Die Globalisierung wird in diesem Sinne haeufig als einstimmiger Prozess verkauft. Alles dreht sich. Alles fliesst. ueberall. Gleichzeitig. Und all das soll einen Sinn und Zweck haben, einer Idee unterstehen. Nicht zuletzt Naturkatastrophen dienen dazu, diese Einheit ex negativo herzustellen.

    Die Idee der einen Welt – sie hatte schon immer blinde Flecken. Ein gutes Beispiel ist das Britische Imperium. Im 19. Jahrhundert hatte es mit einem bis dahin beispiellosen Handelsnetz die Welt erschlossen. Und war damit auch in der Lage, ein Weltbild zu artikulieren, sowie global verbindliche Werte. Entgegen weit verbreiteter Annahmen ist das ideologische Fundament der Expansion nicht immer eindeutig definiert gewesen. Zur Zeit der Franzoesischen Revolution etwa war England gespalten. Die Konservativen befuerchteten, die Nachbeben der Umwaelzungen im Nachbarland koennten auch England erschuettern. Ihre Herausforderer und Kritiker, die Utilitaristen, setzten ihnen einen Apparat an Innovationen entgegen. Der innenpolitische Disput der zerstrittenen Lager fand in den fernen Kolonien nuetzliche Projektionsflaechen und einen Testboden fuer die konkurrierenden Auffassungen. Kurz, die Expansion des Britischen Imperiums war beizeiten ein sehr widerspruechliches und alles andere als einheitliches Unterfangen.

    In der zweiten Verfilmung von Mutiny on the Bounty (1962) ist diese Zerrissenheit im farbenpraechtigen Monumentalformat mythologisiert worden. Zwischen dem Kapitaen und dem ersten Offizier der Bounty entbrennt ein tief greifender Konflikt um Werte. Auf der einen Seite Menschlichkeit, Ehre und Gewissen. Auf der anderen Seite Pflichterfuellung, Disziplin und Ehrgeiz. Wird Ersteres siegen und die Bounty auf ein pazifisches Eiland Kurs nehmen, wo Europaeer und Polynesier einen Inselstaat gruenden? Oder wird Letzteres siegen und die Bounty plangemaess mit einer Ladung von Affenbrotbaeumen nach Jamaika gelangen, um dort die Sklaven der Kolonie auf unabsehbare Zeit mit Nahrung zu versorgen? Harmonische Vermischung der Kulturen oder wohlkalkulierte Expansion des Imperiums?

    Welches Ziel das Schiff schlussendlich erreicht, ist hinlaenglich bekannt. 1790 kamen Bounty-Meuterer und Tahitier auf Pitcairn an. Ihre Nachkommen treiben heute Viehzucht, Gartenbau und Fischfang. Als der Film 1962 mit Marlon Brando in der Hauptrolle in die Kinos kam, duerfte er wie ein nostalgischer Nachruf auf eine Welt gewirkt haben, die sich so haette entwickeln koennen. Die Tatsache, dass beides nebeneinander existiert, schien nebensaechlich. Der Kurs des Raumschiffs Erde erschien einmal mehr als eine Frage von entweder – oder. Die Globalisierung sollte nur ein Ziel haben.

    Waehrend der Film die Logik des teleologischen Weltbilds reproduzierte, unterschlug er historische Tatsachen. Dies ist ein wiederkehrender Schwachpunkt des bislang dreifach verfilmten Stoffes. Denn was mittlerweile zum Gut kollektiven Geschichtswissens gehoert, hat in Teilen recht wenig mit den historischen Vorfaellen auf der Bounty gemeinsam. Wie Historikerin Caroline Alexander versichert, seien die Figuren des Kapitaens und des ersten Offiziers keinesfalls mit Gut und Boese identisch gewesen. Auch waren die Umstaende des Vorfalls wesentlich banaler. Ideologien haben ihm nicht zu Grunde gelegen. Stattdessen haben einige Zufaelle zur Meuterei gefuehrt. Alkohol, Aengste und Ueberreaktionen waren die letztendlich entscheidenden Faktoren.

    Auch heute stellen grosse Erzaehlungen ein Blendwerk dar. Nach der Flutkatastrophe im Indischen Ozean war die Rede von der einen Welt mit einer Zaesur begruendet worden. Tatsaechlich galt: Nach der Flutkatastrophe ist vor der Flutkatastrophe. Denn an den internationalen Verhaeltnissen und Beziehungen hat sich nach dem 26.12.2004 nichts Grundsaetzliches geaendert. Nach der Flutkatastrophe kuemmert sich beispielsweise Deutschland in erster Linie um Sri Lanka, was auch vor der Flutkatastrophe der Fall war. Deutschland ist neben Japan lange Zeit Sri Lankas groesstes Geberland gewesen. Mit der Entwicklungshilfe sollte die Perle im Indischen Ozean anschlussfaehig gemacht werden.

    Sri Lanka ist auch das beste Beispiel fuer ein Land, in dem unterschiedliche Lager unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wohin der Inselstaat steuern sollte. Der Kurs ist seit mehr als 20 Jahren ein Streitpunkt. Im Westen wird die Legitimitaet des einen Lagers – das Volk der Tamilen – allzu haeufig in Abrede gestellt. Daran hat sich nach der Flutkatastrophe nicht viel geaendert. Im Gegenteil. Naomi Klein hat in ihrem Buch The Shock Doctrine gezeigt, wie die Katastrophe von internationalen Bauunternehmern ausgenutzt worden ist und wie im Zuge des neo-liberalen Raubbaus die polarisierten Zustaende im Lande sich verschaerften. Aber die Welt sah in erster Linie Helfer von ueberall herbeistroemen. Die durch den Buergerkrieg zerrissene Bevoelkerung sollte aus den Truemmern der Naturkatastrophe geborgen werden – als ein einheitlicher sozialer Koerper. Die seit langer Zeit fuer Unabhaengigkeit kaempfenden Tamilen gerieten in doppelter Weise ins Abseits. Denn auch ihre Ansprueche wurden uebertoent. Zu gross war die Geraeuschkulisse, die die Rede von der einen Welt generierte.

    Das Ausmass der Katastrophe wurde als ungeheuer, biblisch und praezedenzlos beschrieben. Unter grossem Getoese wurden Opferzahlen und Spendenmillionen praesentiert. Zum Showprogramm zaehlten auch Krisenstaebe, die oeffentlichkeitswirksam einberufen wurden sowie Hilfskonvois, die gen Osten unterwegs waren. Es herrschte Aufbruchstimmung. Das Projekt der Globalisierung sollte jetzt unter Hochdruck vollendet werden. Gestuetzt durch das Globus-Ikon und den wiederholten Rueckgriff auf das >Blue Marble<-Motiv wurden dabei die unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Richtungen der Globalisierung ausgeblendet. Legitimiert wurde damit nicht zuletzt der Kurs jener, die gegenwaertig das Tempo und die Richtung vorgeben. Niemand stellte die entscheidende Frage: Was passiert eigentlich, wenn alle an einem Strang ziehen? Ich versuche, mir das ganz konkret vorzustellen, und komme zu dem Schluss: Wenn alle an einem Strang ziehen, fallen zuerst die Schwaecheren um, weil sie mit der Zugkraft und Zuggeschwindigkeit der Staerkeren nicht mithalten koennen. Und wer nicht mithalten will oder kann, kommt ins Globalisierungsgefaengnis. Er wird, wie der erste Offizier der Bounty im Film sagt, zwar nicht eingeschlossen, so doch ausgeschlossen - in der einen Welt.

    Es ist an der Zeit, die Gesamtheit der Menschen nicht mehr als Einheit zu denken. Ein Begriff von Pluralitaet muss her. Es gilt, einen neuen grossen, alles und alle umfassenden Zusammenhang zu imaginieren. Einen Zusammenhang, der Unterschiede, Vielfalt und Abweichungen nicht nur billigt, sondern diese spannungs- und konfliktreichen Eigenschaften als Grundlagen seiner Konstitution versteht. Wie laesst sich dies auf das Denken der Welt als Bild uebertragen? Wer ein zweites Mal hinsieht, erkennt, dass das legendaere >Blue Marble<-Foto keinesfalls das zu erkennen gibt, was so viele Menschen darauf sehen wollen: den gesamten Planeten. Aus dem Weltall ist der gesamte Planet Erde nur mit mehreren Einzelaufnahmen erfassbar. Man muss auf dem >Blue Marble<-Foto also das Ungezeigte, Ungesehene, Unsichtbare vor das geistige Auge holen. Mit anderen Worten, jenes Element, das in der Einheitsgleichung ausgeschlossen bleibt, ohne das die Gleichung jedoch nicht aufgeht. Auf das fotografische Sujet bezogen hiesse dies nicht zuletzt, jenen Teil des Planeten Erde ins Blickfeld zu ruecken, der nicht Erde ist. Sondern Wasser – beispielsweise jene Flutwellen, die am 26.12.2004 zum Weltmedienereignis buchstaeblich emporschaeumten. Und natuerlich auch jenen Teil des Planeten Erde, den man nicht als Erde begreift, weil er nicht betreten wird wie Land ueblicherweise, sondern Land ist, das sowohl unter Wasser als auch unter der Erde liegt. Ich spreche von jenen geologischen Untiefen, derer man nach der Katastrophe im Indischen Ozean mit Durchleuchtungen des Globus versuchte, habhaft zu werden – von der BILD Zeitung mit Schlagzeilen bedacht wie Was rumort da unter uns (30.12.04) und Warum spielt unsere Erde verrueckt (12.01.05). Beides aber – das Wasser als Flutwelle und das Innere der Erde als kochender Vulkan – wurden in den Massenmedien als Gift fuer das >Blue Marble<-Motiv eingefuehrt. Und in dieser Eigenschaft bestenfalls als negative Folien, die das positiv und utopisch aufgeladene Motiv der goettlichen Weihnachtskugel neu profilieren halfen – als Motiv der in Einheit und Ganzheit ruhenden Weltgemeinschaft. Ein sozial-geografisches Bezugssystem der Zugehoerigkeit, dessen Horizont nicht die Nachbarschaft, nicht die Stadt, nicht das Land und auch nicht der Kontinent, sondern der Planet Erde ist, muss daher die blinden Flecken der Erde ausleuchten. Nur in diesem Licht kann planetarisches Bewusstsein Zugehoerigkeit stiften, die sich auf einem Territorium gruenden kann. Einem Territorium, das nicht mehr fixiert ist auf Einheit, das nicht mehr fixiert ist auf Ganzheit. Kurz, ein Territorium, das nicht mehr im Koerper der Kugel modelliert wird. Und das dementsprechend kein gewohntes Abbild mehr hervorbringt. Die Welt, wie man sie bislang als Bild kannte, loest sich an dieser Stelle auf.


Noch keine Kommentare zu Die andere Seite der Paradieskugel

Bisher wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinterlassen