• Kommodifizierung der Zukunft: Das Derivat als Schlüsseltechnologie des Finanzkapitalismus

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    Derivate, also hochgradig entwickelte Finanzinstrumente, die Verträge über Zeit und Zukunft darstellen, sind heute wichtiger als das Bargeld in unseren Taschen. Doch handelt es sich dabei nicht um Produkte einer kollektiven Imagination, die Grenzen erschaffen und unser aller Bewegung kontrollieren? In dem zweiten Teil seines Essays über verborgene Zukünfte analysiert der Aktivist, Sozialforscher und Berliner Gazette-Autor Max Haiven Derivate als Mittel, die Zukunft in ein Wirtschaftsgut zu verwandeln.

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    Randy Martin, der vor etwas mehr als einem Jahr unter tragischen Umständen verstarb, war einer der kühnsten und weitgreifensten Theoretiker zu den Themen Finanzkapital und Finanzierungsrealisierung, mit dem ich für einige Jahre arbeiten durfte. Er war außerdem Tänzer und Theoretiker zu den Themen Bewegung und Tanz als Politik.

    Für Martin – und hier werde ich der Schönheit seines Denkens nicht gerecht werden (ich bin mir nicht sicher, ob das überhaupt jemand kann, was seinen Tod umso tragischer macht) – ist das Derivat die Schlüsseltechnologie des Kapitalismus des 21. Jh., die sich entwickelt hat um Bewegung einzudämmen, nutzbar zu machen und zu begrenzen.

    Derivate und die Zukunft als Wirtschaftsgut

    Kurz gesagt, das Derivat ist eine Finanztechnik zur, wie er es genannt hat, Kommodifizierung der Zukunft. Das bedeutet, es handelt sich um eine Methode zur Vereinbarung darüber dieses oder jenes Ding an einem Punkt in der Zukunft für einen zugesagten Preis zu kaufen, verkaufen oder auszutauschen.

    Ein Beispiel: Ein einfacher Terminkontrakt könnte eine Partei dazu verleiten eine Tonne Weizen im Verlauf eines Jahres für einen Festpreis zu verkaufen. Für den Verkäufer ist dies eine Wette darauf, dass der Preis für Weizen sinken wird, so dass er in einem Jahr Gewinn machen kann, weil er die vereinbarte Tonne für einen höheren Preis verkaufen konnte.

    Für den Käufer ist es eine Wette darauf, dass der Preis steigt, so dass er sich gegen einen Preisanstieg abgesichert hätte. Dies ist allerding ein lachhaft vereinfachtes Beispiel – andere Derivate sind sehr viel komplexer und umfassen jegliche Art von zugrundeliegender Ware oder Set von zukünftigen Bedingungen, einschließlich Öl, Staatsanleihen, Währungen oder sogar Datensätze über Wetter oder Konsumentenverhalten.

    Des Weiteren zirkulieren heute die meisten Derivat-Verträge, obwohl sie zwischen zwei Vertragspartnern geschlossen wurden, und können frei gekauft, verkauft und gehandelt werden, denn sie haben ihre eigenen Preise und Märkte. Sie können darüber hinaus gebündelt und „verbrieft“, d. h. in Fragmenten verkauft werden.

    Höchst konservative Schätzungen deuten darauf hin, dass das Volumen an jährlich zirkulierenden Derivaten der 70 bis 700-fachen Produktionstätigkeit der Welt entspricht (gemessen an Bruttoinlandsprodukten). Und es muss darauf hingewiesen werden, dass der größte Teil dieses Umlaufs von algorithmischen Berechnungen orchestriert wird, die in einer mit der menschlichen Vorstellungskraft unvorstellbaren Geschwindigkeit geschehen.

    Imaginierte Technologien zur Kontrolle von Bewegung

    Lassen Sie mich zwei offensichtliche Dinge hier hervorheben. Erstens: Derivate sind komplett imaginiert. Sie existieren nicht wirklich in der physischen Welt, aber sie sind real. Sie sind genauso real wie Geld, Grenzen und das göttliche Recht von Königen: sie sind besonders gefährliche kollektive Fiktionen, die realen Menschen erlauben besonders gewalttätige Dinge zu tun um die Welt und die Beziehungen um sie herum zu verändern.

    Wir Menschen leben gemäß unserer kollektiven Fiktionen, egal ob es sich bei dieser Fiktion nun um die Gewalt Gottes oder die Rechtmäßigkeit von Polizeigewalt handelt: sie sind imaginierte Beziehungen, die echte menschliche Aktivitäten und Institutionen formen und durch Gewalt aufrecht erhalten werden.

    Man könnte sogar sagen, sie sind imaginierte Technologien zur Kontrolle von Bewegung. Ebenso ist das Derivat imaginiert, aber sehr, sehr real. Sie formen unsere Wirklichkeit, unsere Beziehungen, unser Welt-System. Für Martin und seine Kollegen Dick Bryant und Michael Rafferty sind sie tatsächlich sogar noch „realer“ als das Geld in unseren Taschen und auf unseren Konten, das nämlich nur einen Anteil von drei bis sieben Prozent allen Gelds in der Welt darstellt. Der Rest ist finanzialisiertes Vermögen; Und eines ist klar: dieses Finanzvermögen wird von einer kleinen Handvoll von uns kontrolliert.

    Bewegung ist der Wert des Derivats

    Die zweite Beobachtung ist, dass dieses System sich in ständiger Bewegung befindet und auf dieser auch beruht. Wie schon Martin beobachtete, liegt der Wert eines Derivats in seiner Zirkulation, nicht in seinem Stillstand – es gewinnt an Wert, wenn es bewegt wird, gebündelt, verbrieft, gehandelt und manipuliert. Und es ist ein Vertrag über Bewegung: die Bewegung der Handelsgüter, Versicherungen, Anlagegüter oder Informationen.

    Es ist mit anderen Worten ein Geschöpf aus purer Bewegung, aus Bewegung zu seiner eigenen exponentiellen Macht. Und eines, das massiven Einfluss auf die Bewegung von Menschen, Gütern und Dienstleistungen hat. Denn in Wirklichkeit ist der große Motor der Bewegung auf diesem Planeten heutzutage Geld und – falls Martin und seine Kollegen recht haben, wovon ich ausgehe – das Derivat die Form, die Geld in einer Welt der unablässigen Bewegung annimmt.

    Aber das Derivat ist auch eine Kraft, die Infrastrukturen erfordert. Und hier müssen wir uns gegen die Idee wehren, dass die Bewegung von transnationalem Kapital gesetzlos, grenzenlos und unkontrollierbar geworden ist. Stattdessen müssen wir die Dialektik betrachten zwischen dem Derivat (als Medium und Repräsentativ des finanzialisierten Kapitalismus) und all diesen nationalen, internationalen und transnationalen Kontrollen, von denen wir uns vorstellen, dass sie früher die globale Bewegung von Geld reguliert haben. Das Derivat ist tatsächlich eine hochgradig fortschrittliche Technologie zur Transformierung von Grenzen, Regulierung und Kontrolle, nicht zu deren Abschaffung.

    Das Tunnelsystem des Finanzkapitalismus

    Die internationale Finanz-Architektur ist nicht ein flacher Raum voll flüssiger Bewegung: es handelt sich vielmehr um eine Reihe von Tunneln, unterirdischen Bauten und Höhlen und Geheimverstecken, durch die nur die Legionen der hochbezahlten Juristen und Finanzexperten, die für die weltweit mächtigsten Finanzfirmen arbeiten, erfolgreich ihren Weg finden. Dieses System hängt also von Grenzen ab und dem unglaublichen Aufwand des internationalen Systems, den größten Teil der Menschheit davon auszuschließen.

    Infolgedessen gibt es eben auch die Situation, dass große Nationalstaaten demütig zu großen Banken gehen müssen, einfach nur um Staatsanleihen zu lancieren oder notwendige Fonds zu leihen. Und folglich entsteht die Wirklichkeit, in der die meisten Finanzminister und Kanzler der Welt früher Angestellte dieser Banken waren: sie sind die einzigen, die ansatzweise die Komplexität verstehen und Zugang zu den Menschen haben, die den Durchblick haben.

    Das Derivat ist also ein Geschöpf der puren Bewegung. Es existiert um sich zu bewegen, seinen Wert erlangt es durch Bewegung. Ich habe ausführlich (in Anlehnung an Leute wie Maurizzio Lazzarato) darüber geschrieben wie der finanzialisierte Kapitalismus unsere Subjektivität gegenüber jenen, die sich als Investoren sehen, verändert hat, insofern als das jeder Aspekt unseres Lebens, von unserer Erziehung bis zu unseren persönlichen Beziehungen ein Posten geworden ist, über den man spekulieren oder den man wirksam einsetzen kann.

    Ich glaube aber, dass Martin auf der Spur von etwas anderem, tiefergehenden war: dass nämlich, wenn das Derivat der einflussreichste und strukturell wichtigste Aspekt unseres globalen kapitalistischen Systems ist, es die Welt in seinem eigenen Abbild der konstanten Bewegung erschafft. Man könnte sogar so argumentieren, dass wir nicht länger vorrangig durch den Reichtum im Sinne von Geld auf der Bank, sondern dadurch, ob und wie wir uns bewegen, getrennt sind.

    Uns trennt nicht mehr eine finanzielle Kluft, sondern eine Bewegungskluft

    In einem seiner letzten Essays spicht Martin tatsächlich davon, dass das Derivat als Methode zur Kontrolle der Dekolonisierung entpuppt hat. Er meint damit zwei Dinge. Zum einen spricht er wortwörtlich über die Wege, auf denen anti-koloniale Bewegungen und Unabhängigkeitskämpfe auf der Südhalbkugel in der Nachkriegszeit ausgenutzt und sabotiert wurden von der Schuldenpolitik, größtenteils ausgehandelt vom Internationalen Währungsfond und der Welt-Bank, aber in Wirklichkeit orchestriert von und zum Vorteil ehemaliger Kolonisten und imperialistischer Länder und deren hegemonialer Finanzinstitute.

    Kwame Nkrumah und andere nannten dies richtigerweise (kombiniert mit drohenden Staatsstreichen und Militärinterventionen) „Neokolonialismus“. Dieser hatte den Effekt, dass wir in den letzten 60 Jahren einen massiven Reichtumstransfer aus ehemaligen Kolonien in (neo)koloniale Staaten beobachten konnten. Dieser konkurriert und übertrifft dabei sogar die schlimmsten Formen des früheren Kolonialismus und Imperialismus – nur, dass es weder die Notwendigkeit (noch die Kosten) direkter politischer oder militärischer Vorherrschaft durch koloniale Kräfte gibt (dies ist quasi risikolos an die Regierungen vor Ort, paramilitärische Bewegungen oder Gangstern übertragen worden).

    Das heutige Finanzsystem ist der Vater und das Kind dieses Neokolonialismus und, wie Brian Li Puma und Benjamin Lee argumentieren, besonders das Derivat eine Technologie zur Beschleunigung und gleichzeitig Verschleierung dieses umfangreichen, die Welt umspannende finanzielle Gewalt. Es handelt sich um eine Technologie zur Übertragung von Risiken auf gewisse Bevölkerungen – das Risiko des finanziellen Ruins, des Kollapses der Getreidepreise, der globalen Erwärmung, des Ressourcenkrieges, der ungeordneten Gewalt, der Hyper-Ausbeutung, des Freiheitsverlustes – und es ist wohl tatsächlich aus diesem Grund der geheime Beweger der Völker dieser Erde, die vor ihrem diesen Risiken Ausgesetzsein fliehen. Aber mehr dazu gleich.

    Befreiung der Körper

    Denn wenn Martin über Dekolonisation spricht, redet er auch über eine andere Sache: die Dekolonisation des Körpers und der Gesellschaft, die aus den Bürgerbewegungen der 1960er und 70er entstanden ist. Diese Bewegungen zur Befreiung der Homosexualität, der Körper der Frauen und deren Leben aus den Patriarchaten, der Befreiiung von People of Color aus der systematischen Ausschließung und Unterdrückung. Diese Bewegungen sind außerdem verknüpft mit Musik und Kunst und Lifestyle, so wie mit der Neuen Linken und ihrem Kampf für eine radikale Demokratie. Für Martin sind dies alles Kämpfe gegen den Nachkriegskapitalismus und die Art, wie dieser auf der Kontrolle von „Körpern in Bewegung“ begründet wurde. Mit anderen Worten, wir können diese Bewegungen als Kämpfe zur Befreiung und Neuerfindung wie wir uns zusammen bewegen verstehen.

    An diesem Punkt verbindet sich Martin mit autonomen Marxisten, sowie Soziologen wie Eve Chiapello und Luc Boltanski, darin dies als Wendepunkt im Kapitalismus zu sehen, da sich der Kapitalismus als Antwort auf diese Bewegungen verändert hin zu neoliberalen, flexiblen, globalen und diffusen Formen, die wir heute kennen. Er verinnerlicht und verdaut die künstlerische und wirtschaftliche Kritik und bildet sich aus einem Inselgruppe entfremdeter hierarchischer Institutionen um zu einem Netzwerk der Mikroausbeutung, das sich durch das gesamte Feld sozialen Lebens zieht.

    Für Martin ist das Derivat ein Symptom und ein Grund für diese Umbildung. Auch wenn Derivate in der einen oder anderen Form schon seit Jahrtausenden bestanden haben, stieg das Derivat erst auf, nachdem es in den 60er und 70er Jahren durch neue mathematische und technologische Fortschritte zentral für die wachsenden globalisierten Märkte wurden und 1989 der sowjetische Rivale des Kapitalismus kollabierte.

    Anm. d. Red.: Den ersten Teil der Essay-Reihe können Sie hier lesen. Der Beitrag basiert auf einem Interview, das die Redaktion der Berliner Gazette in Vorbereitung auf die BG-Jahreskonferenz TACIT FUTURES an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (27.-29.10.) geführt hat. Übersetzung aus dem Englischen: Sarah Mousavi. Das Aufmacherfoto oben stammt von Mario Sixtus (cc by 2.0). Mehr aus seiner NOFAC.ES-Serie hier.


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