• Der Tod ist ein Skandal

    In einer taz-Rezension hat Brigitte Werneburg kuerzlich Joerg Immendorff als Helden bezeichnet, weil er sich dem Ausnahmezustand verweigert habe. Also, sich trotz ALS, der todbringenden Krankheit zwei Jahre lang fuer den Film Ich. Immendorff aufnehmen lies. Und sie schreibt weiter: >Immer wieder brach er aus dem elitaeren Kunstbetrieb aus, etwa 2000 mit einem Bild fuer BILD.<

    Ob das tatsaechlich etwas mit Heldentum zu tun hat? Oder andersherum: Ist der schwer erkrankte Christoph Schlingensief nun ein Feigling, weil er durch Rechtsanwaelte strikt verhindern laesst, dass Informationen ueber seine Erkrankung in die Medien gelangen? Wohl kaum.

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    Es zeigt lediglich, dass ein essentieller Unterschied zwischen Kunst und Leben existiert. Oft wurde der Vorwurf geaeussert, Schlingensief wuerde Menschen nur benutzen, so, wenn er Alte, Kranke, Behinderte und seine Freaks um sich versammelte. Er selbst sprach davon, dass er das Verdraengte und Versteckte so befreien und ins oeffentliche Bewusstsein rufen moechte. Vor etwa drei Jahren war in der Volksbuehne eine fast vollstaendig gelaehmte Frau auf der Buehne Hauptdarstellerin in einem seiner Stuecke. Setzt man nun Kunst und Leben gleich, dann waere Schlingensiefs eigenes Zurueckziehen in die Privatsphaere ein eklatanter Widerspruch seiner bisherigen Kunst. Tatsaechlich beweist es nur, dass alle Menschen angesichts der eigenen Krankheit und Sterblichkeit hoechst individuell reagieren.

    Und das Leben und Kunst zwei getrennte Welten sind, immer schon und immer noch. Waehrend der eine die Naehe zum Boulevard sucht, meidet sie der andere. Der Tod ist ein Skandal – fuer jeden Menschen, ausnahmslos. Alle sind wir Geiseln, es gibt weder Helden noch Feiglinge. Es gibt vielleicht verschiedene Moeglichkeiten damit umzugehen. Und zum Trost wissen wir ja seit Duchamp: Es sind immer nur die anderen, die sterben. Kuerzlich blaetterte ich zum ersten Mal in die von Immendorff-BILD-Bibel. Die rechte Hand der taz-Chefredaktion, Gaby Sohl, hatte eine Lesung organisiert, auf der in der Werkstatt der Kulturen von zahlreichen Prominenten und Semi-Prominenten zwei Tage und Naechte lang im 15-Minuten Takt Texte aus Koran, Bibel und Thora vorgelesen werden sollten.

    Selten hatte ich ein solch ueberschaubares Publikum. Genau vier Zuschauer verirrten sich in den Saal, lauschten dem von mir verlesenen Korintherbrief und der irren Zungenrede, die ich mit einem Video in deutscher und islaendischer Gebaerdensprache ergaenzte.

    Als ich die Passage vorlas, wo es hiess, dass die Weiber gefaelligst den Mund halten sollten, wenn ihnen der Mann sagt, wo es langgeht, lachte eine Frau in der ersten Reihe auf. Irgendwie war ich beruhigt, dass das Gerede von der Wiederkehr der Religion und der neuen spirituellen Welle gar nicht zu spueren war. Zumal selbst Prominente wie Pastor Fliege in der Veranstaltungsreihe nicht von Volksmassen erdrueckt wurden. Nur sehr vereinzelt sassen Leute im Cafe herum. Meine Betreuerin in der Werkstatt der Kulturen drueckte vor meinem Auftritt ihre Sorge angesichts der vielen Moscheen aus, die gerade in Berlin gebaut wuerden.

    Ich beruhigte sie, indem ich auf die zunehmende Zahl leerstehender Kirchen verwies, die zum Verkauf anstuenden. Das koennte den Moscheen naemlich auch geschehen, es komme eben ganz darauf an.

    In einem Nebenzimmer befand sich ein einsamer Stand mit religioesem Erbauungsstoff, darunter auch Immendorffs BILD-Bibel. BILD-Chefredakteur Diekmann hatte sie 2004 stolz auf der Leipziger Buchmesse praesentiert. Nun warf ich einen ersten Blick hinein und fand sie ueberhaupt nicht schoen, weder den Einband, das Papier, die Grafik, den Druck, wie auch Immendorffs Grafiken selbst. Ehrlich gesagt, finde ich sie aesthetisch sogar ziemlich unattraktiv, um nicht zu sagen haesslich.

    Beuys hatte seinem Schueler Immendorff mal gesagt: Hoer auf zu malen! Ich glaube, das war durchaus ernst gemeint. Einen Ausbruch aus dem elitaeren Kunstbetrieb konnte ich an der Zusammenarbeit des Kuenstlers mit BILD jedenfalls auch nicht erkennen. Zudem ist seit dem Zusammenbruch der DDR Moderne Kunst kein Feindbild der Konservativen mehr, sondern wird in elitaeren Kreisen als Beweis der westlichen UEberlegenheit – alles ist bei uns erlaubt – geradezu benoetigt und gefoerdert.

    Es ist schliesslich nicht die taz, sondern es sind die BILD-Zeitung und die BZ, die seit 1992 Kulturpreise fuer Moderne Kunst und Theater verleihen – frueher doch voellig undenkbar. Und ihre Ex-Feinde nehmen die Ehrungen dankbar an. Die Welt besteht nun einmal aus Widerspruechen, niemand entkommt dem mit heiler Haut. Aber ob es wirklich weiterhilft, nun das, was frueher pathetisch als totaler Verrat in der Linken gescholten wurde, als Ausbruch aus elitaeren Kreisen zu mystifizieren, wage ich zu bezweifeln. Um mich selbst vor moralischen Zuordnungen zu schuetzen, plane ich deshalb eine Biographie zu schreiben, die mich grob gesagt, einerseits als Held und andererseits als angepassten Feigling charakterisiert. Nicht eine Biographie, sondern zwei. Zwei in sich stimmige Biographien. Ab fuenfzig sollte das gehen. (Anm. d. Red.: Der Autor ist Jahrgang 1957)


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