• Der Kampf ums Kreuz

    Vor vier Monaten verstarb der damalige polnische Präsident bei einem Flugzeugabsturz, ganz Polen trauerte. Noch immer versucht das Land, mit der Tragödie fertig zu werden. Für die meisten Menschen ist dies ein schwerer Kampf. Für einige indes ein ganz besonderer: Der Kampf ums Kreuz.

    Eines Tages, oder um ganz genau zu sein, eines Nachts, stellte jemand in der Hauptstadt Polens heimlich ein Kreuz vor dem Präsidentenpalast auf. Ein ganz einfaches Kreuz aus Kieferholz war es, eines von jenen, das man in fast jedem polnischen Dorf findet: sowohl vor als auch in jeder Kirche.

    Höchstwahrscheinlich waren es die Warschauer Pfadfinder, die das Kreuz als Zeichen der Solidarität mit der Familie des am 10. April tragisch verstorbenen Präsidenten Lech Kaczynski vor seinem ehemaligen Haus aufbauten. Aber niemand kann es genau sagen.

    Die Kreuzschützer kommen

    Nun sorgt dieses Kreuz bereits seit Wochen für Schlagzeilen in den Medien Polens. Tag und Nacht bewachen diverse rechtsextreme und ultra- oder pseudokatholische Aktivisten das symbolische Denkmal. Um es herum liegen Blumen und Fotos des verstorbenen Präsidentenpaares. Eine alte zahnlose Frau erzählt vor der Kamera, dass sie eher sterben würde, als es zuzulassen, dass das Kreuz entfernt wird.

    Es gibt auch Menschen, „die Kreuzschützer“, wie sie im Fernsehen genannt werden, die die paar Quadratmeter um das Kreuz herum in einen heiligen Ort oder eine Kultstätte verwandeln wollen. Die Stadtregierung ist hilflos. Die Kirche selbst ist auch hilflos, für alle scheint es eine höchst peinliche Angelegenheit zu sein.

    Wir haben immerhin einen neuen Präsidenten, der bald in dem Palast wohnen wird. Lech Kaczynski wurde zwar am Wawel beigesetzt, aber noch lange nicht heilig gesprochen. Und er ist nicht der einzige, der in der Smolensk-Katastrophe ums Leben gekommen ist, so die Kritiker des Kreuzwahns. Mit religiösen Symbolen so herumzuspielen gefällt der Kirche Polens gar nicht. Doch so zu tun, als wäre es kein Symbol, geht auch nicht. Was tun?

    Kreuzprozession?

    Es entstand die gemeinsame Idee, das Kreuz in einer offiziellen kirchlichen Prozession in die Kirche der Heiligen Anna, ca. 300m vom Präsidentenpalast entfernt, zu tragen. Die Kreuzschützer haben den Vorschlag abgelehnt und lassen das Kreuz nie unbeaufsichtigt, so dass man es nicht nachts heimlich wegräumen könnte – was sich mittlerweile viele wünschen.

    Am 7. August versammelten sich Gegner dieser Absurdität vor dem Präsidentenpalast, um bei lauter Musik zu feiern. Die Feier wurde als offizielle Demonstration gegen die Kreuzschützer angemeldet und von der Stadt erlaubt. Die Infos wurden unter anderem auf Grono, einem sozialen Netzwerk, verbreitet. Die Kreuzschützer waren entsetzt, haben den Ort aber nicht verlassen.

    Es bleibt spannend. Die Szenerie wird der des absurden Theaters ähnlich.


3 Kommentare zu Der Kampf ums Kreuz

  • Gandolf am 13.08.2010 11:54
    Ich hatte ja keine Ahnung! Aber tatsächlich absurd, wenn sich jetzt schon die Kirche in Polen gegen die Kreuzschützer wehren muss. Danke für den Bericht!
  • Joerg Offer am 13.08.2010 14:24
    Abgefahrene Geschichte! Halte uns bitte auf dem Laufenden...klingt wie von mir im herben Hopfenrausch ausgedacht...
  • Silvia am 17.08.2010 20:17
    Verbindungen zwischen Politik, Massenmedien und Religion aufzuzeigen und zu reflektieren gehört zu einer der wichtigsten Bürgerpflichten in unserer Zeit!

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