• Daumenkino in Zeitlupe

    Superheldencomicverfilmungen – kennen wir. Aber Adaptionen fuer das Theater? Spannend genug, wie ein Kinoregisseur zwischen den Medien uebersetzt. Doch ein Theaterregisseur, der den Stoff eigentlich als Hoerspiel angelegt hat? Ganz einfach: Joerg Buttgereits Captain Berlin vs. Hitler, das einen frei erfundenen Superhelden gegen eine historische Figur antreten laesst, ist ein Theaterstueck, das zwischen Hoerspiel und Comic changiert. Der Tontechniker sitzt wie ein Orchester vor der Buehne und bastelt die Sounds der Geschichte live. Das Buehnenbild besteht aus handgemalten, immer wieder neu verschobenen Papp-Zitaten. Die Figuren selbst kommen mit Zitaten von Gesten und Kostuemen aus: Die Nazi-Sekraeterin, der Vampir, die blonde Jungfrau, etc.

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    Pappfiguren und hyper-realistische Audio-Versatzstuecke wie knisternder Regen bilden auch in Martin Nachbars >Repeater< die Eckpunkte der Kulisse und damit ein Spannungsfeld fuer pantomimisch-gestische Selbstreflexionen von Vater und Sohn – zwischen der konkreten und abstrakten Malerei des Koerpers wird auf der Buehne somit ein ganz eigener Bewegungs- und Ausdrucksreichtum freigesetzt. Zyklisch einsetzende Klimaanla- gengeraeusche vermitteln wiederum in Falk Richters Ehedrama >Im Ausnahmezustand< zwischen Aussen und Innen: Was von den Figuren als Wellenrauschen wahrgenommen wird und symbolisch kollektive Paranoia sublimiert, stroemt phasenweise in eine reduzierte Buehne (Wand, ausgestrecktes Sofa, virtueller Kamin), die mit der ausgehoehlten Innenwelt der Figuren korrespondiert.

    In Buttgereits Captain Berlin vs. Hitler haben die Werkzeuge der Illusion eine andere Funktion. Es ist, als dekonstruiere der Regisseur im Theater das Making believe des Kinos mit den Mitteln des Hoerspiels und Comics: Die blonde Jungfrau rammt dem Vampir einen Pflock ins Herz – eine Szene, die wir schon tausendfach gesehen zu haben meinen. Hier jedoch erstarren die Bewegungen, als wuerde man ein Daumenkino in der Zeit- lupe sehen, und werden jeweils von einem hyperrealen Pflock- Sound abgeschlossen. Eine Todesszene, bei der die Illusion als solche lebendig wird. Die Ausstellung der Werkzeuge will mehr als nur Realitaet und dessen mediale Konstruktion reflektieren. Die Ausstellung ist auch Selbstzweck: Selten eroeffnete der Blick in die Maschine so liebevoll gemachte Raedchen.


2 Kommentare zu Daumenkino in Zeitlupe

  • Julia Naunin am 13.11.2007 13:24
    Herzliche Grüße! Kirsten
  • Magdalena am 13.11.2007 14:16
    Ich fand bei Falk Richter auch das Einsetzen des künstlichen Merresrauschens interessant, es machte den Bühnenraum so weit, es schien auch noch etwas "dahinter" zu geben. Gleichzeitig wurde von den Darstellern die Unechtheit ja reflektiert, was es so wunderbar doppelbödig machte und auch dieses dekonstruktive Moment hatte.

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