• Das Versprechen

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    Sebastian Deisler ist gestorben, wenn nicht als Mensch, so doch als Spieler und Star. Aufgrund von Verbrennungen im Getriebe der Wunschmaschine Fussball. So ist die groesste Hoffnung Deutschlands, die fuer die Nationalmannschaft nie so recht in Fahrt kam, ein uneingeloestes Versprechen geblieben. Eine Baustelle – wie seine eigene Homepage. Das Drama begann irgendwann Anfang der Nuller Jahre. Millionenpoker und Bruderstreit. Uli Hoeness (Bayern-Manager) und Dieter Hoeness (Hertha-Manager) kaempfen um den Wunderknaben. Der ist gerade mal 21. Ein Vollbluttalent. Einer fuers Mittelfeld. Voll die Zukunft. Ein wahrer Regisseur. Fuehlt sich wohl in Berlin, Hertha ist seine Heimat, die Leute lieben ihn hier. Doch Bayern stellt ihm das Paradies auf Erden in Aussicht. Ein so grosses Talent koenne nur im Bayern-Himmel zu wirklicher Groesse heranreifen – muessten doch alle wissen. Irgendwann wusste es auch Deisler. Irgendwann hatten sie ihn soweit… ueberzeugt. 18 Millionen DM!

    Nach der Sensationsmeldung waren selbst Gegner des Transfers gespannt. Deisler war mehr als irgendein Vereinsspieler. Er war ein kleiner Gott, der ueber jede Marke erhaben schien. Bayern Muenchen war offenbar jedoch auch fuer ihn zuviel… Erwartungsdruck, Leistungsdruck, Druck von allen Ecken und Enden. Vor allem aber auch selbstgemachter Druck, ein ganz Grosser zu sein, einer der Groessten im deutschen Fussball ueberhaupt. Dabei blieb er immer bescheiden und sympathisch. Nebenwirkungen: Depressionen und Verletzungen. Schnell war von Deisler nur noch in Sondermeldungen zu hoeren. Es geht ihm schon wieder besser. >Bald wird er entlassen.< Jetzt kann er wieder spielen. Und dann gleich wieder ein Rueckfall. So gings Jahre. Bis Dienstag letzter Woche. Bis er vermutlich die einzig richtige Entscheidung in diesem nimmerendenden Zustand traf und dem gedopten Profizirkus den Ruecken zukehrte.

    Es gibt zahlreiche Fussball-Ikonen, ueber die ich in den letzten Jahren geschrieben habe. Zuletzt ueber Ronaldo und Maradona, Ronaldinho und Ballack, Beckham und die Real Madrid-Allstars. Als Beckham neulich seinen Wechsel nach Los Angeles bekannt gab, war ich versucht einen Kommentar zu schreiben. Aber das mit Deisler ist anders – das beruehrt mich. Neulich schrieb ich in einem Fussball-Buch darueber, wie die Starmaschine des Fussballs ein Frankensteins Monster nach dem anderen gebiert, weil sie die Spieler als Superhelden eines Hollywood-Films ueberzeichnet und damit Erwartungen weckt, die sie niemals erfuellen koennen. Deisler hat dafuer sichtbarer als jeder andere mit seinem Geist und Koerper bezahlt. Als Fussball-Ikone verkoerpert er die Grausamkeit einer Maschine, die selbst nach seinem eskapistischen Rueckzug ins Private die Pforten offen haelt – wie das Maul eines gefraessigen Monsters, deren Mundgeruch einen selbst noch im selbsterwaehlten Exil ereilt.


3 Kommentare zu Das Versprechen

  • Magdalena am 20.01.2007 01:19
    Ich finde es schade, dass die Maschine nur so zu funktionieren scheint. Wenn da mal einer unter die Räder kommt, dann ist es halt ein einkalkulierter Betriebsunfall. Unmenschlich ist das ganze Fußball-Business in den letzten Jahrzehnten ja ohnehin schon geworden, aber der Fall Deisler ist besonders erschreckend - weil unheimlich traurig. Er ist jemand, den man einfach gern haben muss... einfach nur schade, dass er nicht so lange Fußball spielen durfte, wie er gekonnt hätte. Ich wünsche ihm für seine Zukunft alles Gute.
  • mir ging es auch darum, durchblicken zu lassen, dass sein Fall mir persönlich nahe geht, aber man darf nicht vergessen, dass das (massenmediale) Trauern um Deisler und die (in den Massenmedien kommunizierte) Hoffnung, er möge eines Tages wiederkehren, zu diesem Medienspektakel gehören, das nicht unbeteiligt an seiner "Hinrichtung" war.

    Ich hoffe, dass er fortan unbehelligt vom Storytelling der Massenmedien und Marketingstrategen, seinen Weg wird gehen können. Ohne "unsere" Begleitung.
  • Hartmut am 21.01.2007 13:01
    Ich finde der Artikel ist erstmal gelungen. Der spiegelt die Situation für junge Spieler beim FC Bayern wider, sowie die generelle Vereinspolitik. Ich würde nicht Deisler die Hauptschuld für sein Versagen geben. Mit Deisler wurde ein sehr gutes Talent das Opfer dieser Strategie des FC Bayern. Wobei er sicherlich leider nicht der letzt Spieler ist, dem es so ergehen wird. Mit dieser Strategie (also junge Spieler wegzukaufen, so dass die bei keinem anderen guten deutschen Club spielen) wird Bayern auf nationaler Ebene Erfolg haben, aber international wie bisher bedueutungslos bleiben.

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