• Das Ende der Welt

    Schwachsinn haben nicht wenige Besprechungen Christian Krachts Ich werde hier sein… attestiert, ohne zu wissen, wie sehr sie damit ins Schwarze treffen. Das Schwarze: die sprichwoertliche Dunkelheit, die nach dem Ende des 1. Weltkriegs das vorlaeufige Ende der Aufklaerung einlaeutet.

    Der Welt-Krieg hat wie kein anderes Ereignis zuvor die abendlaendische Welt erschuettert. Sie ist aus den Fugen geraten und damit auch das, was Sinn ergibt: der Zusammenhang. Peter Sloterdijk hat dies in seiner Kritik der zynischen Vernunft (die als Reaktion darauf waltet) analysiert. Christian Kracht hat mit seinem dritten Roman die Aufloesung des grossen Zusammenhangs als Neuentstehung desselben beschrieben.

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    Ein grundlegender Widerspruch steht fuer diese besondere Spannung – und erzeugt sie zugleich: Seit einhundert Jahren herrscht permanenter Ausnahmezustand. Alles liegt auf Eis. Anders gesagt: Die Welt (der Zusammenhang) zerfaellt, platzt aus allen naehten; die Welt liegt auf Eis. In dieser Welt ist eine neue Sprache im Werden begriffen. Ich bemerkte, dass ich die Worte, Saetze und Gedanken im Raum nach vorne schieben, ja in gewisser Weise projizieren, einfach in den physischen Raum hineinstellen konnte. In dieser neuen Welt ist das Aussen nicht dort, wo es noch im 19. Jahrhundert war, irgendwo in der Peripherie des Weltsystems, sondern in deren Zentrum: der Schweiz.

    So reist der Protagonist auch nicht wie in Heart of Darkness nach Afrika, um bei sich anzukommen, sondern in die Schaltzentrale des Imperiums: ein kafkaeskes, nimmerendendes Bauwerk der Macht im Innenraum eines Bergmassivs. All dies beschreibt die Welt wie sie heute ist erstaunlich genau, wenngleich durch eine verschobene, verdrehte Perspektive. Sie aber ist vonnoeten um freizulegen, wie die Zusammenhaenge heute verzahnt und gelagert sind. Permanente Bewegung (der ewige Krieg) und totaler Stillstand (das ewige Eis) – beides ueberfordert den Alltagsverstand, der das Ende der Welt offenbar noch nicht registriert hat. Damit treibt der Roman Schabernack, schwachsinnig genial wie es nur die Phantastik kann.


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