• Das Beschleunigungsregime

    Manchmal fragen mich die Leute nach Vortraegen, ob mein Interesse fuer Beschleunigung mit meinem hohen Redetempo zusammenhaengt. Ich antworte dann meistens, dass ich da eher eine Verbindung zu meinem langsamen Essenstempo sehe: Da ich sehr langsam esse, bin ich am Tisch meistens der Letzte, was dazu fuehrt, dass die anderen unruhig auf den Tisch trommeln und mich unter Beschleunigungsdruck setzen. Aber wirklich angefangen, mich fuer Beschleunigung zu interessieren, habe ich, als ich ueber ein Oedoen von Horvath zugeschriebenes Bonmot nachdachte, das da lautet: „Eigentlich bin ich ganz anders, nur komm’ ich so selten dazu“. Das traf irgendwie genau meine Lebenserfahrung: Man hetzt von Termin zu Termin, mal privat, mal beruflich, und hat dabei das Gefuehl, nie zu den Dingen zu kommen, die einem wirklich wichtig sind. Und da wollte ich eben wissen, ob das an mir selbst liegt, ob ich also etwas falsch mache, oder ob man auf diese Weise einem Strukturproblem moderner Gesellschaften auf die Spur kommt. Und siehe da – je laenger ich darueber nachgruebelte und nachforschte, um so klarer zeigte sich: Das Problem ist sozusagen in die Wurzeln der Moderne eingelassen.

    Vielleicht wird uns die Zeit in der Moderne so knapp, weil diese Moderne eine panische Reaktion auf die Gewissheit unseres Todes ist, wie manche Kulturhistoriker meinen, die sie auf die Zeit der schwarzen Pest zurueckfuehren: In einer saekularen Gesellschaft, die kaum Hoffnungen auf ein Leben nach dem Tod setzt, bildet Beschleunigung gewissermassen einen Ersatz fuer Vorstellungen vom ewigen Leben. Zwar muessen wir nach 70 oder 80 Jahren definitiv sterben, aber wir koennen das, was wir in einem Leben an „Welt“ oder an Erlebnismoeglichkeiten auszuschoepfen vermoegen, dadurch verdoppeln, dass wir alles schneller machen. Wenn wir doppelt so schnell leben, koennen wir zwei Lebenspensen im Sinne von Erfahrungsmoeglichkeiten in einer Lebensspanne unterbringen. Und wenn wir gleichsam unendlich schnell werden, koennen wir auch noch unendlich viel tun, erleben und erfahren, bevor wir sterben muessen. Wir haben sozusagen ein ewiges Leben vor dem Tod. Leider funktioniert diese Theorie in der Praxis schlecht. Ich habe in meinem Buch „Beschleunigung“ zu zeigen versucht, dass gerade aufgrund dieser Strategie die echten Erfahrungen zu verschwinden drohen und unsere Lebenszeit rascher zu vergehen scheint.

    Davon abgesehen verknappt aber auch die kapitalistische Organisation des Wirtschaftssystems fortwaehrend Zeit: Zeit ist Geld, lautet hier die Kurzformel und Geld ist notorisch knapp. Es gibt also mehrere Wurzeln der modernen Beschleunigungsobsession, die sich inzwischen zu einem sich selbst antreibenden System verhaertet hat. Das Verlangen, alles in Bewegung zu versetzen, das materielle, das soziale und das geistige Universum, ist ein Grundmotiv der Moderne; es beherrscht uns in nahezu allen Lebensaeusserungen.

    Die Moderne laesst sich deshalb geradezu durch das Gefuehl der knappen, davoneilenden Zeit definieren. Seit Shakespeare Hamlet bemerken laesst, die Zeit sei aus den Fugen geraten, haben kulturelle Beobachter der Moderne immer wieder die davonlaufende Zeit und die Eile beklagt. Goethe beispielsweise spricht vom „veloziferischen“ Charakter unserer Zeit, die nichts wachsen und reifen lasse; er erblickt in ihr also Temporeiches (velocitas) und Teuflisches zugleich. Nietzsche befuerchtete, unser Zeitalter werde aus Mangel an Ruhe in eine neue Barbarei auslaufen und Baudelaire bestimmt das Moderne einfach als das Fluechtige und Vergaengliche. Soziologische Untersuchungen bestaetigen, dass ueberall dort, wo Modernisierungsprozesse zu beobachten sind, Menschen sich unter Stress und Zeitdruck fuehlen. Das ist also nichts Neues. Aber das Tempo des sozialen Wandels und der Innovationsfolge wird immer hoeher. Es wird also immer schwieriger, „auf dem Laufenden“ zu bleiben. Das Erstaunliche ist, dass Menschen berichten, sie haetten das Gefuehl immer schneller rennen zu muessen, nur um ihren Platz zu halten, um „auf dem Laufenden“ zu bleiben. Das hat etwas von „rasendem Stillstand“ und hier scheint mir zumindest eine Verschiebung beobachtbar zu sein, die dann doch neu ist: Fruehere Generationen hatten eher das Gefuehl, sie bewegten sich rasch auf ein Ziel zu, das durch die Idee des Fortschritts bezeichnet war. Heute dagegen haben wir das Gefuehl, wir bewegten uns immer rascher nirgendwo hin. Wir sind hohen Veraenderungsraten ausgesetzt, ohne noch Zielvorstellungen zu haben und ohne die Veraenderungen kontrollieren zu koennen. Das macht die Geschwindigkeitserfahrung besonders frustrierend, weil wir uns eher als Opfer denn als Akteure erleben.

    Ferdric Jameson bemerkt, das Erstaunlichste an unserem Zeitalter sei es, dass wir uns eher das Ende der Welt in einer nuklearen oder klimatischen Katastrophe auszumalen vermoegen als einen grundsaetzlichen Systemwandel. Aber die heutige „Endzeitstimmung“ wird vielleicht gar nicht so sehr durch die Angst vor einem grossen Umschlag gepraegt. Eher, dass es immer so weiter geht ist die Katastrophe. Darin zumindest stimmen sowohl Walter Benjamin als auch Douglas Coupland in „Generation X“ ueberein. Waehrend sich im Fin de siecle am Ende des 19. Jahrhunderts eher eine Art geistig-kultureller Erschoepfung bemerkbar machte, haben wir es heute, wie mir scheint, vielerorts auch mit einer regelrechten physischen Erschoepfung zu tun. Die Polarisierung der Menschheit in eine Haelfte, die sich zu Tode schuftet und an den absoluten Grenzen ihrer Leistungsfaehhigkeit angekommen waehnt, waehrend die andere Haelfte wegen Arbeitslosigkeit zwangsentschleunigt wird, gab es Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht. Aber beide Krisenstimmungen reagieren auf Beschleunigungserfahrungen. Im uebrigen will ich aber gar nicht behaupten, dass ein Zusammenbruch irgendeiner Art unmittelbar bevorstuende: Menschen sind unglaublich anpassungsfaehig. Wir werden schnellere Reaktionsweisen und groessere Multitaskingfaehigkeiten entwickeln und dazu, davon bin ich ziemlich ueberzeugt, recht bald auch implantierte Computertechnologien und Biotechnologien aller Art einsetzen.
    Ein Gefuehl fuer richtiges Timing kann man dabei allerdings nur entwickeln, wenn man in einer relativ stabilen Umwelt operiert. Wenn sich Situationen in aehnlicher Weise wiederholen oder schon langfristig abzeichnen, kann man ein Gespuer dafuer gewinnen, wann der richtige Zeitpunkt zum Handeln gekommen ist. Aber in einer Welt, in der sich alles staendig veraendert, in der also Hintergrundbedingungen grundsaetzlich instabil werden, laesst sich „timing“ nicht mehr erlernen oder planen. Ganz abgesehen davon muss aber heute fast alles auch so schnell wie irgend moeglich erledigt werden. Im Englischen ist so fast jeder Brief mit einer „ASAP“-Floskel versehen: As soon as possible. Wenn ich aber sowieso mit allem, was ich tue, immer schon zu spaet dran bin, hat es auch keinen Sinn mehr, mir ueber das richtige Timing Gedanken zu machen. Das groesste Problem, das sich daraus ergibt, liegt darin, dass wir gezwungen sind, stets das Dringende oder das Dringendste zu tun, weshalb wir fuer alles, was wichtig ist, aber nicht mit einer Deadline versehen ist, keine Zeit mehr uebrig haben. Dem wenden wir uns erst zu, wenn es ebenfalls dringend geworden ist, weil wir es zu lange uebersehen haben – und dann kann es zu spaet sein. Uebrigens bin ich der Ansicht, dass die seit 1990 gravierend erhoehten Veraenderungsraten der sozialen und technologischen Welt dazu gefuehrt haben, dass unser Begriff der „Dynamischen Entwicklung“ seinen Sinn verliert: Dynamisch entwicklen kann man sich nur vor dem Hintergrund eines stabilen Umfelds. Eine Universitaet beispielsweise kann sich angesichts einer stabilen Hochschullandschaft dynamisch entwickeln. Wenn aber jedes Forschungsinstitut, jede Fakultaet, jede Universitaet, jedes Bundesland und darueber hinaus auch noch der Bund anfaengt, die Lehr- und Forschungsplaene gleichzeitig zu reformieren, haben wir es nicht mehr mit dynamischer, sondern nur noch mit chaotischer Entwicklung zu tun – das ist eine andere Manifestation des „rasenden Stillstandes“.

    Ich selbst bin, so glaube ich, mein bestes Anschauungsbeispiel fuer Beschleunigungszwaenge. Ich mache viel zu viele Dinge gleichzeitig, bin hochmobil und staendig unter Zeitdruck – paradoxerweise nicht zuletzt deshalb, weil das Interesse am Beschleunigungsthema und meinem Buch so hoch ist. Aber auf der anderen Seite habe ich herausgefunden, dass Beharrlichkeit – also die Gegenstrategie zur stetigen Veraenderung – im Leben absolut wichtig ist und einen entscheidenden Gegenpol zur Dynamik bildet. Menschen brauchen etwas, woran sie im Sturm der Zeit festhalten. Deshalb behalte ich stur meinen Wohnsitz im kleinen Schwarzwalddorf, fuer das ich mich vielfaeltig engagiere und ich halte an vielen kleinen „Entschleunigungspraktiken“ wie Morgengymnastik, Abendmeditation ziemlich kompromisslos fest. Ausserdem leite ich ebenso stur jeden Sommer drei Wochen lang eine Schuelerakademie fuer hochbegabte Jugendliche und begebe mich so gleichsam in eine Entschleunigungsoase. Denn in dieser Zeit breche ich mehr oder weniger jeden Kontakt zur Aussenwelt ab. Und schliesslich habe ich meinen Fernseher abgeschafft – wir Deutsche glotzen im Schnitt dreieinhalb Stunden pro Tag TV und behaupten doch, wir haetten keine Zeit fuer die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Ach ja, und E-Mails beantworte ich nur noch einmal in der Woche – deshalb mussten Sie jetzt auch so lange auf meine Antworten warten.


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