• Das Aufbrechen der Welt

    Markerschuetternd, wie in einem Roman von Joseph Conrad, faellt der Schrei nicht aus, dennoch ereignet sich ein kleines „Erdbeben im Sein“, wenn die Vokalistin von Bolia We Ndenge im HKW, der sanierten Oper des Creative Berlin, ihre formlosen Laute ausstoesst.

    Laute, die keine Ambition erkennen lassen melodisch, gesangstimmlich geformt bzw. im abendlaendischen Sinne musikalisch zu sein. Laute, die in der funkenspruehenden Percussionpolyphonie aus Waschbretter-, Trommel- und Akkordeon-Sounds aufgehen und eine Welt entstehen lassen, die – als Ganzes betrachtet – eine dynamische, pulsierende Form hat, im Detail aber den Blick, bzw. das Ohr ins Formlose hinabstuerzen laesst.

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    So klingt Musik aus dem Kongo, die im Rahmen von >Worldtronics< mit Musik aus Deutschland, Japan, Chile und Israel die Idee und den Sound der Weltmusik erneuern will. Weltmusik, einerseits: Abgenutztes Label einer Unterhaltungs- branche, die im Kielwasser eines Hypes der vermeintlichen Grenzenlosigkeit sowie einer Wiedergeburt der grossen Erzaehlung – Sie merken, hier ist von DER Globalisierung die Rede – die Welt als Musik verkaufen wollte. Weltmusik, andererseits: Moeglichkeit den Aufbruch der Welt als ein Auseinanderklaffen in sich geschlossener Welten auf Augen- hoehe zu setzen, mit Toenen, die unsichtbare Naehte und wuchernde Querverbindungen zum Vorschein kommen lassen.

    So erscheint Bolia We Ndenge etwa mit Krautrock geistes- verwandt, waehrend Konono No. 1, das grosse Highlight des Kongo-Abends, mit den digitalen Beats eines R&B-Producers auf repetitiv-punkigen Minimalismus- Abwegen kompatibel ist – das Sitzpublikum sprichwoertlich vom Hocker reissend und in seinen Bann aus peitschenden Snare-Drums und morsenden Daumenklavieren ziehend. Wie auch bei dem Eroeffnungs- konzert von Harmonia hoerbar wurde: Das Aufbrechen der Welt ist ein Moment der Schoepfung, verstanden als Oszillieren tastender Schichten, die tastend ineinander geschichtet werden ohne jemals eine in sich ab-geschlossene Welt zu ergeben, weil das Schichten ein ewiges Tasten bleibt.


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