• Das Alter

    Das Schoene am Aelterwerden ist, dass man sich nicht mehr unbedingt die neue Picasso-Ausstellung anschauen muss. Man weiss ja bereits, was da zu sehen ist, sagte mir juengst mein Galerist Ulli Doerrie. Weise Saetze vernahm ich auch von Joerg Schroeder, dem Verleger des legendaeren MAERZ-Verlags. Ein nicht gerade unbekannter Autor beklagte sich bei ihm, wie beruehmt doch Guenter Grass und Martin Walser seien.

    Statt ihn nun zu troesten, erwiderte Schroeder: Wenn du auch so beruehmt sein willst, dann musst du halt schlechter schrei- ben! Das nenne ich Altersweisheit. Aber wahrscheinlich ist man immer ziemlich gleich dumm, verblendet und veraendert sich gar nicht gross.

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    Trotzdem aendert sich irgendwie immer alles, vollkommen. Ich dachte daran, dass die Karriere des Malers Joerg Immendorff ziemlich unterschiedlich verlief und doch auch verblueffend geradeaus: vom Anhaenger der MAO-Bibel zum Illustrator der BILD-Bibel. In den 70ern kamen mir die Maoisten, die in Wolfsburg herumliefen, immer etwas irre, groessenwahnsinnig vor. Es waren nicht selten kleine Machos, die von Volksmas- sen redeten, die es zu befreien gelte, von Bauern und Arbeitern. Sie selbst waren fast ausnahmslos aus gutem Hause. Sie fuhren oft ein Mofa und besassen einen Taschenrechner, waehrend ich mit einem alten, klapprigen Fahrrad vorlieb nehmen musste und fuer meine Eltern ein Taschenrechner momentan zu teuer war.

    Mein Vater arbeitete ein Vierteljahrhundert lang am Fliessband bei VW, zahlte die Kredite ab fuer das Eigenheim. Das Gerede von der Arbeiterbefreiung kam mir deshalb immer etwas abstrakt vor – zumal China sehr weit weg von Wolfsburg schien. Und als mir spaeter, in den 80ern in West-Berlin der Kuenstler Olaf Metzel bei einem Essen mit Nam June Paik im Haus der Galeristen Ursula und Rene Block riet, mal eine Arbeiterkneipe in Neukoelln aufzusuchen – da tobe naemlich das echte Leben – erfuhr ich nebenbei, dass ich offensichtlich aus dem echten Leben stamme. Ich brauchte naemlich keine Arbeiterkneipen besuchen, ich kannte das Milieu bereits.

    Einer meiner besten Freunde in den 70ern war Mitglied der Jugendorganisation der KPD/ML. Die Junge Garde hatte nur zehn Mitglieder in Wolfsburg. Der Vorsitzende legte ueber jedes Mitglied eine Karteikarte an, auf der alle Besonderheiten und Beobachtungen vermerkt waren. So kam es, dass Thomas eines Tages Rechenschaft darueber abgeben sollte, warum er mit dem Konterrevolutionaer Wolfgang Mueller Umgang pflege und was wir bei den Zusammenkuenften besprechen wuerden. Die von uns daraufhin folgende Gruendung einer politischen Schwulengruppe loeste das Problem – fuer Thomas und auch fuer mich. Denn fuer die maoistischen Revolutionaere war schwuler Sex deutlicher Beweis fuer westliche Dekadenz – in China und Albanien existierte so etwas naemlich nicht. (Anm. d. Red.: Der zweite Teil des Textes folgt am Freitag)


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