• Populismus goes Smartphone: Wie Clickbait Politics die Demokratie bedrohen

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    Der US-Wahlkampf 2016 wird als einer der schmutzigsten in die Geschichte eingehen. Doch auch in Europa sieht es nicht besser aus: Populismus beherrscht den Diskurs, Fiktionen werden zu Fakten und der Wahlkampf wird Smartphone-kompatibel. Wie konnte es soweit kommen? In einer dreiteiligen Serie gehen die Juristin Daniela Jaros und der Medienkünstler Georg Eckmayr den Clickbait Politics auf den Grund.

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    Populistische Reden beherrschen den aktuellen politischen Diskurs. Donald Trumps Präsidentschaftswahlkampf belegt dies exemplarisch. Aber auch in Europa gibt es genügend Beispiele für eine signifikante Häufung populistischer Politikversprechungen. Von den rechtspopulistischen Parteien in Österreich, Polen oder Ungarn, über die BREXIT-Bewegung in Großbritannien, bis hin zu Teilen der Podemos-Bewegung in Spanien wird Politik vor allem auf einer emotionalen Ebene inszeniert.

    Diese Inszenierung besteht unter anderem in einer Verschiebung und Reduktion politischer Zusammenhänge auf eine dem Publikum zugängliche Erfahrungsebene. Dieses Prinzip Allgemeines zu individualisieren findet sich auch im Bereich der Berichterstattung. In den sozialen Medien wird Information aufs Individuum zugeschnitten selektiert.

    In diesem Spannungsfeld wird Politisches zu homogenen Fiktionen verdichtet, die hermetisch gegen ein Außen jeglichen weiteren Diskurs verhindern. An diesem Punkt wird nicht mehr über konkrete politische Lösungen oder Sachverhalte diskutiert, sondern Weltbilder in Form sehr offener Begriffe gegeneinander in Stellung gebracht.

    Man ist für oder gegen das System, Menschlichkeit wird eingefordert oder das wahre Volk beschworen. Bei all diesen offenen Begriffen handelt es sich jedoch nicht um politische Kategorien weshalb man auch von Post-Truth Politics spricht, dabei werden mittels Fakten Fiktionen erzeugt.

    Ein Thema eignet sich besonders für diese Art der Narrativisierung; die Flüchtlingskrise. Wie wenige Themen ermöglicht es ein breites Spektrum an Möglichkeiten, ergreifende Erzählungen zu entwickeln, deren Hauptdarsteller das Individuum selbst ist. Die emotionale Bandbreite dabei reicht vom Schüren von Ängsten bis hin zum Erwecken von Mitleid. Im Folgenden soll das Prinzip der aufs Individuelle zielenden Narrativisierung des Politischen anhand dieser Thematik beschrieben werden.

    Zwei Möglichkeiten der Narrativisierung

    Die Gründe einer Bevölkerungsbewegung von Afrika und Asien nach Europa sind vielfältig und reichen von politisch motivierter Flucht zu wirtschaftlicher Notwendigkeit. Genauso unterschiedlich sind die Ansätze zum Umgang mit Bevölkerungsbewegungen: Während die einen die Ansicht vertreten, dass Einwanderung aufgrund der demografischen Entwicklung Europas zur Sicherung des Wohlfahrtsstaats notwendig ist, möchten andere die Einwanderung aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Mitteln eindämmen.

    Sei es durch Bekämpfung der Ursachen in den Herkunftsländern, sei es durch Grenzschließungen. Keiner dieser Ansätze allein beschreibt die Situation vollständig. Eine wie auch immer gewichtete Kombination aus diesen Ansätzen mündet realpolitisch in andauernden und detaillierten Verhandlungen mit den unterschiedlichsten Interessengruppen, sei es national oder auf EU Ebene zur Gesetzgebung, sei es auf internationaler Ebene.

    Menschlichkeit und Sicherheit

    Die beiden am weitesten verbreiteten Narrative, die gegeneinander in Stellung gebracht werden, basieren entweder auf dem Begriff der Menschlichkeit und zielen auf das Mitgefühl, oder auf dem Begriff der Sicherheit und zielen auf das Gefühl der Angst. Beide Narrative beinhalten Identifikationspotential für das Individuum. Und beide Narrative operieren mit klaren Zielsetzungen und vermitteln damit auch eindeutige Ergebnisse liefern zu können.

    Die Sicherheit für das einzelne Individuum wird garantiert, oder das Menschliche an sich wird durch richtiges Handeln etabliert. Die politischen Möglichkeiten hingegen, die sich aus unzähligen Verhandlungen mit den unterschiedlichsten Interessengruppen ergeben, garantieren keine klaren Ergebnisse. Selbst die Darstellung der Situation garantiert keine unumstößliche Wirklichkeit.

    Sie beruht auf unterschiedlichen Studien mit oft divergierenden Aussagen. Die soziale und politische Wirklichkeit bleibt wesentlich eine Annäherung, so wie Wissenschaft niemals mit fixen Dogmen sondern mit temporären Ergebnissen operiert.

    Das Verschieben des Politischen ins individuelle Erleben

    Die beiden Narrative operieren damit, dass der politische Diskurs auf der Ebene des persönlichen verhandelt wird. Sachverhalte oder Lösungsvorschläge werden den Individuen zugänglich und nachvollziehbar gemacht indem sie in ihre Einfluss- und Erlebnissphäre verschoben werden. Es wird Menschlichkeit für die Flüchtlinge gefordert, die im Mittelmeer ertrinken, die in Lagern interniert sind, die sich auf ein Wagnis einlassen, das ihr Leben kosten kann.

    Die Gegenrede dazu fordert das staatlich garantierte Grundbedürfnis nach Sicherheit für die eigenen Staatsbürger und deren Hoffnung auf eine Zukunft in Wohlstand ein. Beide Darstellungen bieten emotionales Identifikationspotential an und ermöglichen darüber das Imaginieren eines Handlungsraums in welchem sich die gewünschte Zukunft abzeichnet. Tatsächlichen Handlungsraum für das Individuum bieten die Narrative jedoch selten.

    Weltbilder werden übersetzt

    Beide Narrative sparen die politischen Hintergründe aus und somit auch die tatsächlich gegebenen politischen Handlungsmöglichkeiten. Populistinnen und Populisten bauen die gewünschten Deutungsmöglichkeiten einer politischen Situation zu Weltbildern aus, die die jeweilige politische Gegenseite ausschließt.

    Diese Weltbilder werden schließlich in aufs Individuelle zielende Narrative übersetzt und befeuern so den Diskurs der politischen Emotionen als politische Brandreden, als Wahlkampfspot, als Plakat, als Computerspiel oder als Bilder von Statistiken, die in sozialen Medien massenhaft geteilt werden.

    Diese aufs Individuelle zielenden Narrative, eignen sich wiederum perfekt für die Verbreitung über Soziale Medien, deren Verfassung auf der Position des individuellen Erlebens fußt. Das persönliche Erleben einer mir vertrauenswürdigen Person, ein Hinweis einer oder eines Bekannten reiht sich in der Alltagsaufmerksamkeit leicht über komplexere Analysen und vielschichtige Diskurse.

    Populismus und Soziale Medien

    Die Sozialen Medien sind hier nicht als Faktor zu sehen, der die Politik radikal verändert. Medien und Politik sind längst untrennbar verschmolzen. Der Individualismus erhält hier nur seine eigene mediale Form. Die Konzeption dieser Form beruht auf dem Selbstverständnis der Konzerne wie Google oder Facebook, die sich nicht als Medienunternehmen verstehen, sondern als Dienstleister.

    Die Medienanbieter, die Selektoren der Inhalte, sind die Nutzenden in Ihren Communities. Algorithmen sorgen schließlich für weitere Selektion der Inhalte und beziehen dabei Vorlieben der Nutzenden ein. Auch Google reiht die Ergebnisse für alle Nutzenden individuell nach personenbezogenen Daten. Eli Pariser, Chief Executive von Upworthy.com hat für dieses Phänomen bereits 2011 den Begriff der „Filter Bubble“ geprägt.

    In dieser Individualisierung des Historischen, in der Darstellung des Poltischen in Kategorien des individuellen Erlebens und Empfindens, ähneln sich die Methoden der populistischen Politik, den Prinzipien der aktuellen v.a. digitalen Medienlandschaft. Diese Nähe erwies sich wohl auch bereits im Wahlkampf Obamas 2008 als relevant für dessen Sieg, da Obamas Team es gekonnt schaffte, die Nutzenden in sozialen Netzwerken in ihre Kampagne zu integrieren.

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    Das Phänomen ist also keineswegs neu. Nur scheint es an der Zeit, den Möglichkeiten der Mobilisierung durch digitale Medien mittels der narrativen Übertragung des Poltischen ins Individuelle, auch emanzipatorische Möglichkeiten hinzuzufügen. Die Nutzenden sollten nicht nur Teil einer Kampagne sein können, sondern auch tatsächlich Teil des Poltischen.

    Transparenz oder Mut zur Hässlichkeit

    Das Empfinden der oder des Einzelnen – und abstrakte offene Begrifflichkeiten, zu denen sich das Individuum klar positionieren kann (Menschlichkeit, das System, usw.), eignen sich zur Mobilisierung der Massen. Sie sind Mittel der Massenkommunikation und somit immer auch Teil des politischen Diskurses. Als Gegenkraft dazu ist jedoch auch immer die Darstellung konkreter politischer Möglichkeiten und deren Grenzen notwendig, die ohne abstrakte Moral, die ohne das Individuum auskommt.

    Auch auf die Gefahr hin, dass sich in diesen Darstellungen, das Politische in seiner Relativität, in seiner Abhängigkeit von Verhandlungsergebnissen, von anderen Staaten, von Geldgebern und Wirtschaftstreibenden offenbart.

    Eine Reduktion des politischen Diskurses auf das Individuum, als Ort des politischen Empfindens eingebettet in einer Fiktion abstrakter moralischer Kategorien, hat wohl den höheren Wohlfühlfaktor, oder besser gesagt Mobilisierungsfaktor. Die Integration von Transparenz im Bezug auf politische Abläufe, auf Verhandlungsergebnisse und Sachverhaltsdarstellungen in den Diskurs könnte dazu einen Gegenpol darstellen.

    Anm. d. Red.: Dieser Beitrag ist der erste Teil einer Artikelserie zu Clickbait Politics. Im zweiten Teil geht es um die Rolle von Institutionen in einem von Medien beherrschten politischen Diskurs und der dritte Teil widmet sich dem dem Individuum als Ort politischen Empfindens, eingebettet in ein institutionelles System. Das Foto oben stammt von Gisela Klein und das Foto unten von Mette1977. Beide stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz


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