• Cinema Jenin macht Hoffnung im Nahen Osten

    Um für die Plattform „Global Eyes“ zu filmen und das Projekt Cinema Jenin kennenzulernen, fuhr ich Mitte Oktober nach Jenin im Westjordanland und lernte eine Stadt kennen, die zwar noch Angst hat, vor der großen LED-Leinwand, aber zuversichtlich in die Zukunft blickt.

    Im August dieses Jahres eröffnete der Regisseur Markus Vetter zusammen mit Ishmael Khatib das 1987 während der ersten Intifada geschlossene Kino in Jenin auf der Westbank. Ismahel Khatibs elfjähriger Sohn Achmed wurde 2007 von israelischen Soldaten erschossen. Ishmael tat nach dem Tod seines Sohnes etwas, was viele nicht nachvollziehen konnten: Er spendete die Organe israelischen Kindern. Ishmael betonte immer wieder: „Es geht nicht um den Konflikt sondern um Menschenleben.“

    Markus Vetter hörte vom Schicksal der Familie Khatib und beschloss, dies zu verfilmen. Bei den Dreharbeiten stießen Vetter und sein Filmteam auf das zerfallene Kino in Jenin und begannen, es mit internationaler Unterstützung und Locals wieder aufzubauen, um den Menschen in Jenin zu helfen und die Perspektiven der Einheimischen zu verbessern. Schwierig war es, doch im August dieses Jahres wurde das Projekt „Cinema Jenin“ mit einem dreitätigen Filmfestival wiedereröffnet und startete mit dem Film „Heart of Jenin“, der Geschichte Ishmaels und seines verstorbenen Sohnes.

    Im Oktober machten wir uns zusammen mit der Organisation Global Eyes auf den Weg nach Jenin, um den Spuren zu folgen. Wir wollten reden, lachen, singen und kennenlernen, Filme drehen und Geschichten erzählen. Wir fuhren nach Jenin, um mit eigenen Augen zu sehen, was dort vor sich geht. Nicht den Medien zu folgen, sondern selbst zu erfahren, wie die Einheimischen dort leben. Wir wollten Menschen zu Wort kommen lassen, deren Stimmen sonst niemand hören würde.

    Es ist heiß als wir um vier Uhr morgens in Jenin ankommen. Die Fahrt von Tel Aviv nach Jenin war atemberaubend. Der Himmel tiefrot und noch nie dagewesene Gerüche von Olivenfeldern und salzigem Meerwasser vermischen sich mit dem Duft des trockenen, staubigen Bodens. 30 Grad und keine Menschenseele auf den Straßen. Wir schlafen im Guesthouse des „Cinema Jenin“. Freiwillige aus Deutschland, die das Kino mit Workshops und Dreherfahrung unterstützen, erleichtern uns den Einstieg in diese neue Welt. Wir finden schnell Anschluss bei den Einheimischen. Nachdem es in Jenin in den letzten Jahren keine Selbstmordanschläge mehr gab, wollen die meisten hier nur noch eins: Normal und in Frieden leben.

    Wir treffen Maria, die im Cinema Jenin arbeitet. Sie wünscht sich eine Stelle als Sozialarbeiterin und will anderen Jugendlichen Mut machen, die Chance zu ergreifen, auch internationale Hilfe anzunehmen. Die Jungen, mit denen wir zusammen einen Filmworkshop machen, möchten unbedingt Hollywoodfilme produzieren, um allen Menschen auf der Welt zu zeigen, was bei ihnen vor sich geht.

    Wir treffen Rapper, die die Probleme ihres Lebens aus dem Innersten hervortexten. Frauen, die im Flüchtlingslager von Jenin mit ihren Sprösslingen allein klarkommen müssen, weil ihre Männer bereits vor Jahren erschossen wurden und Kinder, die mit Steinen auf uns werfen, weil sie Angst haben, wir könnten ihnen etwas Böses tun.

    Dieses Schicksal der ständig währenden Angst zeigt auch die Wirkung des Cinema Jenin. Viele Einheimische fürchten sich vor dem neuen Kino mit der riesigen LED-Leinwand. Nach der vor allem am Anfang starken, finanziellen Unterstützung ist es nach der Eröffnung schwer, das Kino zu finanzieren. Viele Jeniner sind noch immer verunsichert. Teilweise wird es von den Israelis finanziert und mitgeleitet von deutschen Volunteers, die so ganz anders angezogen sind, und freizügiger in die Öffentlichkeit treten als es die Einheimischen gewohnt sind. So kommen leider nur sehr wenige Menschen zu den preiswerten Filmvorführungen.

    Wir können nicht vergessen, dass wir uns im Zentrum eines so großen Konflikts aufhalten. So filmen wir mit dem Ziel, der westlichen Welt zu zeigen, was die Jugendlichen hier denken und mitteilen wollen. Viele freuen sich zurzeit ganz einfach ihre Schulausbildung aufnehmen zu können und an einer Uni zu studieren. Manche Frauen können es sich sogar leisten einen eigenen kleinen Shop für Kleidung zu eröffnen. Doch bei all den Fortschritten der letzten Jahre, können wir nicht verdrängen, dass es Menschen wie Fuad gibt.

    Der junge Mann hat einen Pass aus dem Gazastreifen, in dem seine Mutter ihn vor 21 Jahren zur Welt brachte. Er kann nicht studieren, kann nicht aus Jenin weg, weil er Angst davor hat, von israelischen Soldaten kontrolliert und in den Gazastreifen zurückgeschickt zu werden. In ein abgezäuntes Stück Erde, in dem er niemanden kennt und nicht mehr heraus kann. Fuad lebt in einem goldenen Käfig, aus dem ihn in den nächsten Jahren wahrscheinlich niemand befreien wird.

    Am Ende der Woche verlassen wir nur ungern die uns vertraut gewordenen Menschen hinter den Geschichten. Zur Abschlussvorführung, der gedrehten Filme kommen fast 150 Menschen, die sich sichtlich freuen, dass wir da waren. Wir sind gerührt und auch ein wenig stolz: „Shukran“ – „Danke“.


5 Kommentare zu Cinema Jenin macht Hoffnung im Nahen Osten

  • Rainald Krome am 20.11.2010 10:48
    wow!
  • Silvia am 20.11.2010 12:33
    ich bin beeindruckt! Danke!
  • Ich war damals bei der Eröffnung des Cinema Jenin dabei und fand die Situation damals sehr beängstigend. Überall waren Soldaten und es wurde sehr wenig gesagt bis auf einmal die "normale" Bevölkerung von den ganzen internationalen Gästen getrennt wurden, weil der Bürgermeister und Ministerpräsident kamen. Auch die Reden innerhalb des Kinos habe ich zwar nicht genau verstanden, aber manche Redner wollten sehr schnell wieder eine politische Diskussion entfachen mit Feuer und Flamme, wie mir nachher erzählt wurde. Der erste Eröffnungstag war auch sehr versöhnlich mit dem Film "Das Herz von Jenin" aber schon die Filme am zweiten Tag waren schwer einzuordnen. So gab es eine eine "Dokumentation" "to shoot an elephant" aus dem Gaza-Streifen, die auch sehr gute Propaganda gegen Israel hätte sein könnte. Und das in einer Stadt wo noch ein paar Jahre davor Selbstmordattentäter ausgebildet worden.
    Ich will das Kino nicht schlecht machen, weil die Intention von Markus Vetter eine richtige ist, aber es sollte aufgepasst werden, dass das Kino nicht instrumentalisiert wird. Ich wünsche der ganzen Region Frieden und besonders auch, dass die Palästinenser ihren eigenen Staat bekommen, aber als ich nach zwei Wochen den Nahen Osten wieder verlassen habe, war mir klar, dass diese Wünsche erst in einer sehr sehr weit entfernten Zukunft Wirklichkeit werden können.

    Wer Interesse an ein paar Bildern aus dem Nahen Osten (auch zur Kinoeröffnug) hat, der kann mir über andi(ätt)ohrenflimmern(punkt)de eine Mail schreiben. Zudem gibt es ein paar Videos zu der Recherchefahrt bei politikorange: http://www.politikorange.de/aktuelles/recherchereise-naher-osten/
    Ein Magazin folgt noch in diesem Jahr.
  • Lea das hast du ganz toll geschrieben!!

    Mann,war das ne geile Zeit, ich denk so gerne dran zurück.
  • [...] und Ausgehort noch nicht so, wie wir hier in unserer Gesellschaft. Es ist aber vielleicht auch so, wie meine Kollegin später noch schreiben sollte, dass die Bewohner „noch etwas Angst vor dem Kino und seiner großen LED-Wand haben“. [...]

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