• “Capitalism is globalized, democracy isn’t”: DiEM25, Eurozentrismus und die kommende Demokratie

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    Ein scheinbar ununterbrochener Verkehr von Menschen, Müll und Daten, das meiste ist miteinander vernetzt, digital und global. So mutet unsere komplexe Welt an. Wie kann hier Demokratie auf der Höhe der Zeit gedacht und praktiziert werden? Berliner Gazette-Herausgeber Krystian Woznicki sucht nach Antworten und erklärt, wie man dabei die Kritik des Kapitalismus mit der Kritik der Demokratie zusammendenken muss.

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    “Capitalism is globalized, democracy isn’t”, was soviel bedeutet wie “Kapitalismus hat sich globalisiert, die Demokratie jedoch nicht.” Dieser Satz war in der Berliner Volksbühne bei der Auftaktversammlung von DiEM25, einer neuen pan-europäischen politischen Bewegung, erstaunlich oft zu vernehmen.

    Kein Wunder, handelt es sich hierbei doch um ein geflügeltes Wort der aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten. Es will in etwa sagen: Die Demokratie kann der Dominanz der Weltwirtschaft nichts entgegensetzen. Ist es eine Kapitulation? Oder ein Kampfaufruf, die Demokratie zu revitalisieren?

    Nicht zuletzt im Angesicht eines zunehmenden Rechtspopulismus müsste es ein Kampfaufruf sein, wie auch Jakob Augstein beobachtet: “Wenn die AfD verlangt, die Grenzen der Exportnation zu schließen, dann ist das ein antikapitalistischer, geradezu revolutionärer Akt. (...) Wir müssen erkennen: Wenn es den Demokraten nicht gelingt, den Kapitalismus einzuhegen, dann werden andere Kräfte sich der Sache annehmen.”

    Unter der Bedingung von Grenzen

    Um eine Suchbewegung nach politischen Alternativen zu starten, müssen wir zunächst fragen: Was meint “capitalism is globalized, democracy isn’t” eigentlich? Und ist es überhaupt eine sinnvolle Prägung?

    Die Globalisierung bekommt 1492 einen neuen ökonomischen Drive. Kolumbus segelt in diesem Jahr los, um auf dem westlichen Seeweg von Europa nach Ostasien zu gelangen, erreicht stattdessen aber die dem amerikanischen Kontinent vorgelagerten Karibischen Inseln. Der hochverschuldete “Entdecker” verspricht Spaniens Königshaus Gold und Territorien.

    Eine neue Epoche beginnt: Es geht um die Ausdehnung von Handelsnetzen, um die Erschließung neuer Märkte und um die Globalisierung des Kapitalismus. Nicht zufällig wird sein größter Kritiker auch gleichzeitig einer der tiefsinnigsten Denker des “Weltweiten”: Karl Marx.

    Wenn nun in Bezug auf “capitalism is globalized” von “democracy isn’t” die Rede ist, dann konstatiert man, dass die Demokratie keine Mittel und Wege hat, dem Wirken des globalen Kapitalismus auch nur annähernd habhaft zu werden, geschweige denn ihn “einzuschränken”. Denn während das eine global und grenzenlos operiert, funktioniert das andere national und unter der Bedingung von Grenzen.

    Soweit die Annahmen. Was dabei unter den Tisch fällt: die Demokratie expandiert seit jeher im Kielwasser der Globalisierung. Ja, man kann sagen, sie wird seit hunderten von Jahren globalisiert. Aber was bedeutet das genau?

    Verbreitung der liberalen Marktdemokratie

    Seit Kolumbus dehnt Europa nicht nur Handelsnetze aus, verbreitet nicht nur das Christentum, sondern auch westliche Werte und Modelle. Dabei gilt es nicht zuletzt die Gesellschaften in “Übersee” zu demokratisieren. Dieses Erbe nimmt seit dem 20. Jahrhundert eine ehemalige Kolonie Europas besonders ernst: die USA.

    Ich kann mich noch gut an Bilder von der “Befreiung” Iraks erinnern, daran wie Saddam Hussein gestürzt wird und wie die Massenmedien vor allem eine Botschaft transportieren: Eine Diktatur kann im post-totalitären Zeitalter nicht geduldet werden. Wir brauchen mehr Demokratie. Weltweit. So argumentieren auch in Deutschland die Befürworter dieser “Befreiungsaktion”. Enzensberger, Habermas, etc. besingen den Sturz der Diktatur Saddam Husseins am 7. April 2003. Sie erinnern sich an Hitler, nicht aber an Bismarck, der den Kolonialismus vorantrieb.

    Sie verschweigen dabei, dass es bei dem Siegeszug der Demokratie vor allem um die Verbreitung der liberalen Marktdemokratie geht. Und damit um die so genannte Öffnung und Liberalisierung von Märkten. Anders gesagt: Habermas und Co, also die führenden Intellektuellen Europas blenden aus, dass der Export der Demokratie engstens mit der kolonialen Ausdehnung des kapitalistischen Wirtschaftsraums verbunden ist.

    Das dürfte ein zentraler Grund sein, warum heute “democracy isn’t” glaubhaft geworden ist. Doch es hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Demokratie nicht auf eine Weise globalisiert worden ist und darüber hinaus nicht so funktioniert, wie man sich das in den Reihen der Idealisten erträumt hat. Das Potenzial der Demokratie scheint zugunsten des Kapitalismus im Mülleimer der Geschichte gelandet zu sein. Doch das ist nicht alles.

    Conquista und Silicon Valley

    Wir haben es heute auch mit einer allgemeinen Engstirnigkeit zu tun, die Unterkomplexität und Geschichtsvergessenheit Vorschub leistet. Wer an die Globalisierung des Kapitalismus denkt, hat selten das Gesamtprogramm der Expansion vor Augen. So übersieht man, dass nicht nur die Demokratie dabei immer auch eine wichtige Rolle spielt, sondern auch, wie der Staat hier verstrickt ist.

    Der Kapitalismus und dessen Globalisierung – beides wird auf den privaten Sektor reduziert, auf (zunächst) Handelskompanien und (später) Konzerne. Dabei hat der Staat seine Finger von Anfang an im Spiel und ist sowohl eine treibende und organisierende, als auch eine schützende und unterstützende Kraft. Das gilt genauso für die Zeiten der Conquista wie auch für die Geburtsstunden des Silicon Valley: Die Unternehmer greifen auf Maßnahmen des Staates zurück, um ihre Firmen aufzubauen und weiterzuentwickeln.

    Auch der “Exportweltmeister Deutschland” kann von alldem ein Lied singen. Handelskammerniederlassungen, Botschaften und Goethe-Institute auf der ganzen Welt lassen fast vergessen, dass Deutschland während der ersten 400 Jahre der europäischen Expansion nur eine vergleichbar kleine Rolle gespielt hat. Als Kolonialmacht haben sich andere europäische Staaten deutlich “erfolgreicher” profilieren können.

    Partnerschaft des Staates mit der Wirtschaft

    Heute herrscht große Aufregung, wenn der Staat Banken rettet oder staatliche Agenturen wie die NSA sich bei globalen Konzernen bedienen. Dabei geht die Partnerschaft des Staates mit der Wirtschaft hunderte von Jahren zurück. Die enge Verknüpftheit beider Sektoren ist von Anfang an das zentrale Strukturmerkmal der sich herausbildenden globalen Netze, in denen der Kapitalismus zur bestimmenden systemischen Logik avanciert.

    Diese Dominanz begründet die Kapitalismuskritik. Doch sie argumentiert häufig allzu schablonenhaft. Beispielsweise folgt aus der Rede “capitalism is globalized, democracy isn’t” die meistens ziemlich unreflektiert ins Feld geführten Kampfworte vom “schlanken Staat” oder vom “Rückzug des Staates”. Doch wollen solche Polit-Slogans wirklich wissen, was sie artikulieren?

    Rückzug und Schrumpfung? Gewiss, damit beschreibt man, dass der Staat bestimmte Aufgaben nicht mehr oder nicht ausreichend wahrnimmt. Stichwort: Privatisierung. Stichwort: Austerität. Doch beides greift nicht, wenn man die europäische Expansion vor Augen hat. Die, wie gesagt, auch eine Expansion staatlicher Netze und eine Verbreitung der Demokratie als “europäisches Exportgut” zwecks Öffnung neuer Märkte ist.

    Globale Rückkopplungseffekte

    Nun könnte man sagen, “capitalism is globalized, democracy isn’t” beschreibt all das, nimmt all das in sich auf. Doch Tatsache ist, dass diese Rede weniger eine Verdichtung dieser komplexen Gemengelage darstellt, sondern eher eine Verkürzung, die verschiedene blinde Flecken entstehen lässt. Ich habe einige dieser blinden Flecken genannt. Doch da ist mehr.

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    Nachdem der Staat seit Kolumbus damit beschäftigt war, weltweite Netze auszuwerfen, hat er spätestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts damit zu tun, die globalen Rückkopplungseffekte dieser Netze zu verarbeiten. Kurz: der Staat hat das Globale erschaffen, jetzt erschafft das Globale den Staat neu. Insbesondere die Namen von Reagan und Thatcher bleiben mit diesem Umbruch verbunden. Doch was häufig vergessen wird: Hier wird auch das entkolonialisierte Zeitalter eingeläutet.

    Der Eurozentrismus, der die Expansion in Übersee beflügelt hatte, motiviert nun primär die Integration des Kontinents und alle wichtigen Weichenstellungen für die EU – genannt seit der imperiale Traum von Eurafrika. Das koloniale Mindset löst sich im Zuge dessen nicht in Luft auf. Ebenso wenig wie die Verbindungen Europas zum kolonialen Weltreich. Obendrein entfalten die destabilisierten Grenzen entlang kolonial geprägter Herrschaftsräume ein unvorhergesehenes Konfliktpotenzial.

    So wird das globale Netz, das im Zuge der europäischen Expansion entstand, für die zunehmenden Kriege im Globalen Süden entscheidend, ebenso wie für die Migration aus den ehemaligen Kolonien nach Europa.

    Ausklammerung des Demos

    Es ist der Moment, in dem die vom Staat miterschaffenen Netze beginnen, den Staat zu durchdringen und in neuer Weise zu konditionieren. Es ist der Moment, in dem er, der Staat, zu spüren beginnt, dass er etwas erschaffen hat, was er nicht vollends kontrollieren kann. Etwas, das ihn zu verändern beginnt. Der Staat tritt im Zuge dessen immer größere Teile seiner Souveränität ab – die Geschichte und Aktualität dieses Prozesses ist kürzlich durch Joseph Vogl auf scharfsinnige Weise beschrieben worden.

    In einem Beitrag, den die Berliner Gazette im Dialog mit Vogl erarbeitet hat, wird nicht zuletzt deutlich, wie die Staatsarchitektur diesen Souveränitätsverlust damit verbindet, dem Demos die Souveränität zu entziehen. So wird auch deutlich, dass der Demos aus der Demokratie nicht nur graduell verschwindet, sondern von Anfang an in der Architektur des Staates ausgeklammert wird.

    Das fortgeschrittene Verschwinden und die Ausklammerung – beides wird im zunehmenden Maße erkennbarer, etwa wenn Staatselite und Finanzpublikum auf das Aufbegehren des Demos so reagieren, als gehörte es nicht zur Demokratie. Ein Referendum? Absurd! Demokratie ohne Demos könnte die neue Normalität werden. Auch deshalb kommt DiEM25 zur rechten Zeit.

    Souveränitätsverlust ohne Leid?

    Wollen wir heute Fragen in Anlehnung an “capitalism is globalized, democracy isn’t” stellen, dann diese: Wenn Wirtschaft und Staat (in Kooperation) globale Player geworden sind, wenn Demokratie im Zuge dessen instrumentalisiert worden ist, wie kann Demokratie aus dieser Instrumentalisierung herausgelöst werden? Wie kann sie auf Augenhöhe gedacht und operationalisierbar gemacht werden?

    Um diese Fragen anzugehen, müssen wir verstehen, dass Souveränitätsverlust nicht bedeutet: der Staat hat etwas verloren und leidet. Nein, das tut er nicht. Denn er ist ein neo-liberaler Staat geworden. Man könnte mit Blick auf die letzten 500 Jahre sagen, es hätte kaum anders kommen können. Doch nichts ist unabwendbar. Nicht zuletzt in diesem Umstand begründet sich Leid.

    Deshalb markiert der Souveränitätsverlust auch tatsächlich einen Notstand. Insbesondere, wenn wir ihn lesen als Verlust einer bestimmten Staatsidee, nämlich der Idee vom demokratischen Rechtsstaat und der Idee von Gleichheit, somit also lesen als das Nichteinlösen eines Versprechens, dass sowohl Bürger als auch Nicht-Bürger (etwa Geflüchtete) einen Schutz genießen, und Rechte haben – es ist dieser Verlust, der auf ein Leid verweist. Es ist das Leid des Demos.

    Ein Staat, der Demokratie ermöglicht

    Das Leid des Demos ist inzwischen so groß, dass dem Staat endlich klar werden müsste, dass die “Anpassungen”, die er seit dreißig, vierzig Jahren vornimmt, nicht ausreichen, um auf die globale Gemengelage zu reagieren. Dass bei all seinen Bestrebungen der Demos wieder ein zentrales Gegenüber werden muss. Und dass der Staat nur unter dieser Voraussetzung seine nächste Entwicklungsstufe erreichen und einer Demokratie einen Rahmen geben kann, die auch diesen Namen verdient.

    Im Zuge dessen dürfte die komplexeste institutionelle Architektur unserer Zeit noch komplexer werden. Aber gerade deshalb verfolgt DiEM25 den richtigen Ansatz, wenn diese im Entstehen begriffene Bewegung Europa zum zentralen Schauplatz aller Aushandlungen macht: Da der Staat längst nicht mehr für sich steht, muss er sich im Dialog mit anderen Staaten verändern.

    Europa bietet hier einen geeigneten Ausgangspunkt. Zum einen handelt es sich um einen überschaubaren Dialograum. Zum anderen gibt es gemeinsame Grundlagen und Interessen sowie eine Reihe gemeinsamer Herausforderungen. Ganz aktuell ist es zum Beispiel die so genannte Flüchtlingskrise. Sie führt uns deutlicher als andere aktuelle Krisen die große Frage der Gegenwart vor Augen: Können wir mit unserer eurozentrischen Fixierung die Demokratie aus jener kolonial-kapitalistischen Prägung befreien, die sie im Zuge der europäischen Expansion erfahren hat?

    Wir sollten folgende Forderungen stellen

    Erstens: Jeder einzelne Staat in Europa muss seine Architektur reformieren – um wahre Demokratie zu ermöglichen. Jeder Staat muss dabei seine Architektur als Teil eines Geflechts begreifen und den Umbau im Modus der Interdependenz realisieren – nicht nur im Dialog mit anderen Staaten und dem Markt im Allgemeinen, sondern vor allem auch mit dem transnationalen Demos.

    Zweitens: Die zentralen Dialogpartner befinden sich in Europa. Somit ist dieser Reformprozess auch ein europäischer Integrationsprozess. Als solcher darf er die Fehler der EU-Integration nicht wiederholen. Das heißt vor allem: Die Neubestimmung der Demokratie in Europa muss die vielfach beschworenen ‘geteilten Werte’ als ein Produkt der europäischen Expansion, also der kolonialen Unterdrückung und Exklusion anderer Völker begreifen – und überwinden.

    Drittens: Die europäische Demokratie-Bewegung muss Gleichheit zum zentralen Prinzip eines post-kolonialen und multikulturellen Europas machen. Insofern kann unser Aufbruch nur mit einem Eingeständnis eingeleitet werden: die tiefgreifende Verschuldung Europas bei ehemaligen (und neuen) Kolonien. Eine Minimalforderung im Hier und Jetzt: Das Recht auf Asyl in Europa, in jedem europäischen Staat, sollte unantastbar sein.

    Anm.d.Red.: Ein Bericht über den DiEM25-Auftakt ist in der Berliner Gazette unter dem Titel Aufbruch in eine demokratische Moderne? Zum Auftakt des Democracy in Europe Movement 2025 erschienen. Die Fotos stammen von Mario Sixtus (cc by 2.0).


24 Kommentare zu “Capitalism is globalized, democracy isn’t”: DiEM25, Eurozentrismus und die kommende Demokratie

  • Chris am 10.02.2016 15:47
    Spannend!! Entsteht die Bedrohung der Demokratie überhaupt entlang des klassischen politischen Spektrums?

    Ein linker Freund aus Frankreich sagte mir, er setze auf den Front Nationale von der Frau Le Pen, weil mit dem keine Lobbyisten der Konzerne sprechen. Da gibt es dann also links aussen und rechts aussen, mit denen die Konzerne nicht kuscheln und die tendenziell eine unabhängige Wirtschaftspolitik haben. Demokratie wiedererlangen heißt auch beyond stakeholderitis.

    Die Globalsierung ist als Programmatik gar nicht im politischen Spektrum verortet, allenfalls selektive politische Hilfsideologien. Das ist ja ohnehin das Problem, dass es keine "neoliberalen" Aktivisten gibt und dennoch der Neoliberalismus kraft materieller Verhältnisse und Zwänge sich durchsetzt. Man braucht keine Lehre, um sein Geld in Steueroasen zu schieben, es ist einfach Common Sense Steuern zu vermeiden für ein Unternehmen. Eine politische Globalisierung versucht da hinterher zu jachtern, irgendwie.
  • Totte am 11.02.2016 09:31
    Wenn von Geschichtslosigkeit gesprochen wird, hättest Du durchaus auf die zweite große Globalisierung (nach der Ende des 19./Anfang des 20.Jhs.) seit 1989 hinweisen können.

    Denn seitdem ist eines klar geworden und wird durch die Formel “Capitalism is globalized, democracy isn’t” durchaus korrekt benannt: Kapitalismus und Demokaratie sind Geschwister, aber die Demokratie braucht den Kapitalismus (es gibt keine Demokratie ohne marktwirtschaftliche Ordnung), der Kapitalismus hingegen die Demokratie nicht (siehe zB China).
  • Die Euphorie der Linken/Intellektuellen - ist sie berechtigt? Wird sie auch die Massen erreichen? Die lassen sich doch nur durch reale Utopien bewegen. "Demos" ist verbraucht, hat abgewirtschaftet und taugt kaum noch als Utopie, wie weltweite Alternativen wie Commons/Allmende zeigen. DiEM25 als Bewegung ist also gefordert, wenn Scheitern nicht Ziel sein soll.
  • Matze Schmidt am 14.02.2016 18:38
    Ich kann hier keinen emanzipatorischen Ansatz erkennen, im Gegenteil. Varoufakis hat die 'Verarmungs'-Maßnahmen in seiner Regierung (in Koop mit der Rechten ANEL) mit umgesetzt, sein Demokratisierungsprogramm ist völlig unkonkret, denn was hieße z.B. eine Demokratisierung der Industrien (etwa VW oder Thales)? -- und darin liegt sein Glamour für die "intellektuelle Klasse", deren Interesse es sein muss, EU-Fonds weiter zu beziehen für ihre Performance kritischer Theorie.
  • Rainald Krome am 15.02.2016 11:50
    Jeder hat einen Schrebergarten. Aber jetzt kommt jemand macht jemand ein Angebot. Endlich denkt jemand etwas größer. So lese ich auch “Capitalism is globalized, democracy isn’t”. bislang ist Demokratie (ich meine die Demokratie, in der der Demos drin steckt) nicht groß genug gedacht worden. Damit muss endlich Schluss sein!
  • Annis am 15.02.2016 12:17
    Guter Text! Vielen Dank!

    Die rechten Hardliner wollen das Volk an der Macht sehen,... Ssie glauben, dass sie für dieses Volk sprechen,... Sie wollen den Demos in der Demokratie wiedersehen. Einen Demos nach ihren Vorstellungen.

    Die linken haben andere Vorstellungen davon. So frageich mich, ob es wirklich eine linke Bewegung ist, wie der Guardian sie beschreibt? Hört die Welt noch auf dieses linksrechts? Wissen die Linken mehr über die richtige Demokratie? Fragen über Fragen...,

    Ich meine diesen Artikel: "Yanis Varoufakis launches pan-European leftwing movement DiEM25."
    http://www.theguardian.com/world/2016/feb/10/yanis-varoufakis-launches-pan-european-leftwing-movement-diem25
  • @#6: Varoufakis hat bei seiner Eröffnungsrede der Abendveranstaltung klar gesagt: "Ich persönlich bin links, aber die Bewegung, die wir starten wollen, soll breiter aufgestellt sein, und alle einbinden, die sich als liberale Demokraten verstehen."
  • @#4: apropos "Ich kann hier keinen emanzipatorischen Ansatz erkennen, im Gegenteil." Das ist traurig, denn man sollte trotz der Irritationen, die die Initiative auszulösen vermag, in der Lage sein, eben den emanzipatorischen Ansatz zu erkennen. Und nicht nur das. Man sollte auch die einmalige Gelegenheit erkennen, die sich bietet:

    DiEM25 bringt Aktivisten, Policy Maker / Politiker und Intellektuelle/Künstler aus ganz Europa (und darüber hinaus) zusammen. Vieles ist noch unklar, wie Alexander Karschnia schreibt ( http://berlinergazette.de/democracy-in-europe-movement-2025 ), doch, was klar ist, sollte aufhorchen lassen: All diese Leute, die sonst nicht zusammenkommen und früher nicht zusammengekommen wären, diese Leute wollen an einem Strang ziehen, weil sie den zunehmenden Nationalismus und den zunehmend zerstörerischen Kapitalismus in Europa Einhalt gebieten wollen.

    Wie Raul Zelik treffend schreibt: "Die Lage ist zu ernst". ( http://www.raulzelik.net/kritik-literatur-alltag-theorie/475-ernste-lage-naechster-versuch-zur-gruendung-der-diem-in-der-berliner-volksbuehne )

    Und ich möchte hinzufügen: Zu ernst, um nach Haaren in der Suppe suchen... Sicherlich, da ist einiges defizitär, unausgegoren, vielleicht auch fremdartig, aber das gemeinsame Anliegen nicht nur deutlich genug zu erkennen. Sondern auch deutlich genug als Notwendig zu erkennen.
  • @#2: 1989 ist in diesem Kontext ein wichtiges Datum, aber es markiert m.E. nicht den Charakter der Beziehung von Demokratie und Kapitalismus wie in Ihrem Kommentar beschrieben. Gerade in den 1990ern wird nochmal deutlich vor Augen geführt, dass Demokratie nicht nur unter kapitalistischen Normalbedingungen funktionieren kann: In Lateinamerika stehen Venezuela und Bolivien für Alternativen. Und auch Griechenland wollte nach dem Referendum im vergangenen Jahr im Zeichen der Commons einen Neuanfang wagen. Durfte dann aber nicht...
  • @#1: Ich sehe das anders. Es gibt durchaus "neoliberale Aktivisten".- Und der Neoliberalismus setzt sich nicht nur "kraft materieller Verhältnisse und Zwänge sich durch".

    Es kommt uns allenfalls heutzutage so vor, weil die Ideologen und Aktivisten schon vor Hunderten von Jahren ihre Arbeit gemacht haben, bzw. damit angefangen haben, und weil die Schlagworte ggf andere waren, oder, falls identisch, einfach nur in Vergessenheit geraten sind.

    Wir sollten weder den Markt naturalisieren, noch seinen Siegeszug. Beides stellte die Verhältnisse jenseits des Historischen und Politischen. Und damit jenseits einer Einflussnahme durch wen auch immer, Demos inkl.
  • Norman XP am 16.02.2016 11:02
    "die tiefgreifende Verschuldung Europas bei ehemaligen (und neuen) Kolonien."

    Was meint hier "Verschuldung"? Geht es um Transferleistungen in Form von Kriegsentschädigungen und Wiedergutmachungsleistungen an bestimmte Länder?

    XPN
  • schaut Euch das mal an: "With real democracy citizens can have a say and the control over the decisions that affect us. Just Democracy"

    http://partidox.org/just-democracy/
  • neugier am 16.02.2016 12:48
    Es fragt sich sicherlich auch, ob nicht für die systematische Ausplünderung Griechenlands, welche zur Großen Hungersnot von 1942 führte, Reparationszahlungen erfolgen sollten.
  • @#11+13: es geht nicht um Geld, Leistungen, etc. Zumindest nicht in erster Linie. Sondern darum, wie sich Werte, Identitäten, Geschichten, Ideologien bilden -- also Dinge, die uns und unsere Gesellschaften entscheidend ausmachen und "wir" im Zuge dessen immer darauf angewiesen waren, dass es da ein "Aussen" gibt, das "Andere", das "Ausgeschlossene". Diese Verschuldung ist gemeint.

    Es ist mehr als die Schuld, die grundsätzlich ein jedes Zusammenleben ausmacht -- die Schuld von Autoren gegenüber Autoren älterer Texte etwa. Es ist mehr als das, weil es Gewalt und Verdrängung, Asymmetrie und Herrschaft diese Beziehung prägen.

    Um die Autor-Analogie zu bemühen: Hier ist man nicht nur auf andere Autoren angewiesen, sondern hat gewaltsam seine Autorschaft über die der anderen gestellt und ebenso gewaltsam zum Verschwinden der anderen Autoren beigetragen.
  • Svenja R. am 18.02.2016 18:03
    @KW#14: serh interessant, aber irgendwie kryptisch und abstrakt. Sind Sie ein Tempelritter? entschuldigung, etwas konkreter wäre besser. Danke.
  • [...] Diskurs zu DiEM25 im Online-Feuilleton Berliner Gazette [...]
  • alfred neumann am 22.02.2016 09:28
    Der Eurozentrismus ist wirklich das Problem? Ich glaube, wir müssen heuer eurozentrischer sein als wir es bislang sind. Je mehr desto besser.

    Die Welt fällt auseinander, alles schwer kontrollierbar, alles immer ungerechter, immer asymmetrischer uswusf. Die Welt steht vor dem Kollaps. Wird es die menschheit morgen ncoh geben?

    Europa steht für Werte, die jetzt in der Welt dringend gebraucht werden. Liberté, Égalité, Fraternité. Mehr Aufklärung bitte!
  • de facto ists schlanker staat.. nix service für bürger.. STATTDESSEN: DU BIST DEUTSCHLAND!
  • @#18: Es ist eine Frage der Perspektive (für wen hat der Staat früher mehr getan, aus Bürgersicht, ist das jetzt schwächer, aus Sicht der Industrie nicht) und eine Frage der Auslegung, was ein Staat zu sein hat.

    Und den Slogan "Du bist Deutschland" kann man auch so lesen: Das ist ein fetter Staat, der Crowd anzapft, um noch fetter zu werden.
  • @#17: Werte hochzuhalten und dafür zu kämpfen, ist eine Sache -- und ich stimme zu: Wir brauchen Liberté, Égalité, Fraternité und mehr Aufklärung. Ja: Mehr denn je. Und wir müssen uns fragen, wie und mit wem wir heute dafür kämpfen wollen?

    Eurozentrismus, so wie ich ihn verstehe, ist aber etwas anderes, nämlich ein Teil des Kolonialismus, der gewaltsamen, militärisch-ökonomischen Expansion, unter der Flagge der europäischen Werte.
  • @#15: Weder Schuld im religiösen, noch strafrechtlichen oder ökonomisch-buchhalterischen Sinne ist gemeint. Sondern im Sinne einer politischen Ontologie: Wie ko-existieren wir? Wie ist die soziale Welt gebaut? Wie baut das, was wir machen und was uns ausmacht, auf den Beiträgen anderer auf? Wir verschulden uns im Laufe unseres Lebens gegenüber der sozialen Welt und ihrer Geschichte, ihrem Werden und Geworden-Sein, weil alles, was wir machen und was uns ausmacht, auf den Beiträgen anderer aufbaut -- auf die eine oder andere Weise.

    Der Kolonialismus hat diesen Umstand brutal ins Verbrecherische gewendet. Der Postkolonialismus (als emanzipatorische Bewegung) versucht das aufzuarbeiten und zu überwinden. Es ist ein besonderes und besonders kompliziertes Kapitel der allgemeinen ontologischen Verschuldung.
  • Funktioniert denn die Klammer "Kolonialismus" denn zur Beschreibung der Verhältnisse? Schlägt die Idee der Emanzipation der Völker nicht wieder in eine autoritäre Selbstbestimmung um, oder auch in Form von Nationalismus? Wenn wir die koloniale Zuschreibung zu eindimensional denken, kommt am Ende die eurozentrische Dominanz als Täterzuschreibung auf das Tablett. Das hilft alles nicht zur Lösung aktueller Konflikte.
  • @#22: "Funktioniert denn die Klammer "Kolonialismus" denn zur Beschreibung der Verhältnisse? "

    Wenn wir die Verhältnisse in einer historische Perspektive betrachten, dann kommen wir um Kolonialismus nicht umhin, speziell wenn wir über Europa reden.

    Wir müssen heute darüberhinaus über Kontinuitäten des Kolonialismus sprechen (im Sinne Edward Saids), aber auch über neue Formen: also Neo-Kolonialismus (etwa im Sinne der Kapitalismus-Kritik Slavoi Zizeks),

    Wo aber ist Post-Kolonialismus?

    PS: Natürlich ist autoritärer Hardliner-Nationalismus ein Geschwisterpaar des Kolonialismus -- sowohl diejenigen, die expandieren als auch diejenigen, die sich emanzipieren. Wer waren nochmal die europäischen Zeitgenosse bzw. Geistesverwandten von Mugabe?
  • Die Bedenken melde ich deshalb an, weil das heutige Antikolonialismusverständnis ebenso schablonenhaft eurozentrisch ist wie unser Verständnis von Kolonialismus.

    Eines der wie ich finde spannendsten Dokumente in diesem Zusammenhang ist der Versuch des Deutschen Reiches diplomatische Beziehungen mit dem kränkelnden Kaiserreich China aufzunehmen. China erwartete die Unterwerfung des deutschen Volkes unter den Kaiser von China. Etwas anderes war im diplomatischen Code der Chinesen gar nicht vorgesehen.

    Wenn wir von Kolonialismus reden, bleibt der asiatische Kolonialismus oftmals außen vor. Heute kann auch die Einflussnahme der Wahabiten in vielen arabischen Staaten als eine neuere Form des Kolonialismus betrachtet werden.

    Und der unbeschränkte Zugriff einer globalisierten, kapitalistischen Zwecken unterworfenen Kulturindustrie bzw. einer Netzinfrastruktur auf die Gesellschaften weltweit geht einher mit dem staatenbildenden Prozess der Dekolonialisierung.

    In Deutschland, wo die Rechte erst neuerdings den Souveränitätsdiskurs für sich erkannt hat, und Regionalisierung über Jahrzehnte konservative Staatsräson wurde, wird der Dekolonalisierungsdiskurs der internationalen Kulturwissenschaften mehrfach gebrochen. Gerade diese Brüche sind ja ungeheuer erheiternd.

    Die Frage nach dem Post-Kolonialismus ist wichtig und eröffnet faszinierend multiperspektive Szenarien.

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